Was von Sabrina bleibt - Tod einer Katzenbesitzerin

Tod einer Katzenbesitzerin : Was von Sabrina bleibt

Das Leben einer jungen Frau endet im Februar 2017 auf einer Landstraße im Kreis Kleve. Wie soll das Leben ihrer Katzen weitergehen? Eine Geschichte über Trauer, Freundschaft und die Suche nach einem neuen Zuhause.

Sabrina kommt nicht mehr zurück. Heute nicht und an keinem anderen Tag. Die Katzen sind es gewohnt, dass sie spätestens am Abend wieder auftaucht, um sich um sie zu kümmern. Ganz so, als gebe es nur sie auf der Welt. Als aber die Tür am Nachmittag des 3. Februar 2017 aufgeht, ist es nicht sie, die hereinkommt. In welchem Ausmaß die neun Katzen begreifen, dass Sabrina nicht mehr zurückkehrt und was das für sie bedeutet – das ist eine andere Sache. Gegen acht Uhr hat sie auf einer Landstraße beim Überholen die Kontrolle über ihren Wagen verloren und ist gegen einen Baum geprallt. Das Leben einer 27-jährigen Frau endet abrupt, das Leben der Katzen geht weiter. Wer davon erzählen will, der muss auch von Sabrinas bester Freundin erzählen.

Der Anruf kommt mittags gegen halb zwei. Sarah liegt im Bett, als sie von Sabrinas Tod erfährt. Sie hat das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ihr erster Gedanke ist: Ich muss zu meinem Tätowierer. Aber der Tätowierer ist krank. Sie geht zu einem anderen. Sie brauche jetzt unbedingt dieses Tattoo. Als ihr der Mann „May we meet again 03.02.2017“ auf den linken Unterarm ritzt, weint sie zum ersten Mal.

Sabrina war der einzige Mensch, der so viel über Sarah wusste und sie trotzdem liebte. So viel mehr hatten sie gemeinsam als die erste Silbe ihres Vornamens. Sie waren Familie füreinander. Die beiden lernten sich mitten in der Pubertät kennen, in einer Zeit, die sowieso schon schwierig ist und für Sarah und Sabrina erst recht. Mit 14 kommt Sarah in ein Kinderheim in Wachtendonk, Kreis Kleve, das Verhältnis zu ihrer Mutter ist schwierig. Zur selben Zeit landet auch Sabrina dort, sie hat es zuhause ebenfalls schwer. Zunächst mögen sie sich nicht, aber ein neues Mädchen, das beide hassen, schweißt sie zusammen. Sie verbünden sich auch gegen die Sozialpädagogen.

Als Sarah mit 16 aus dem Heim fliegt, zieht sie zunächst wieder bei ihrer Mutter ein, verbringt aber jede freie Minute mit Sabrina. Irgendwann fällt auf, dass sie Sarah immer wieder ins Haus schleust. Sarah wird schwanger und bringt Ashley auf die Welt, das Mädchen wächst ohne Vater auf. Ihre Freundin Sabrina macht mehrere Ausbildungen, arbeitet schließlich als Pferdepflegerin, heiratet. Sie wohnen mehr als 50 Kilometer auseinander – Sarah in Kleve, Sabrina in Grefrath – aber einmal in der Woche sehen sie sich mindestens. Dann trennt sich Sabrina von ihrem Ehemann und zieht mit einem Wohnwagen auf das Grundstück ihres Opas, der seit Monaten im Krankenhaus liegt. Irgendwann will sie ins Haus ziehen. Nur Tage später stirbt sie.

Noch am Tag des Unfalls fährt Sarah mit Sabrinas Ehemann dorthin, wo die beste Freundin ihre letzten Tage verbrachte. Sabrina hat nicht alleine auf dem Grundstück gelebt. Tiere hat sie immer geliebt, sie waren ihr wichtiger als Menschen, sagt Sarah. Die Freundin war schon sauer, wenn Sarah eine Spinne tötete. Erst nimmt Sabrina Ratten auf, dann auch Katzen. Häufig kommen die Tiere aus so schwierigen Verhältnissen wie Sabrina. Am Ende sind es zehn Katzen. „Wenn sie glücklich sind, bin ich es auch“, schreibt sie keine zwei Wochen vor ihrem Tod auf Facebook. Zwei überlässt sie nach ihrem Auszug dem Ehemann, die anderen acht nimmt sie mit. Sie bringt sie mit der Katze ihres Opas in Volieren unter. Der hat noch weitere Tiere zurückgelassen: einen Hund, Gänse und 150 Tauben. Um die kümmert sie sich auch.

Auch Mika hat bei Sarah ein neues Zuhause gefunden. Foto: Markus van Offern (mvo)

Um die muss sich nun Sarah kümmern. Das ist ihr Auftrag, das ist ihr eigener Wunsch. Die Tiere zu vermitteln, die für Sabrina alles waren. Nicht irgendwohin, sondern dorthin, wo es ihnen gut geht. Sie und ihren Begleiter kostet es einige Mühe, die Katzen im Wohnwagen und den damit verbundenen Käfigen einzufangen. Immer wieder entwischen sie. Sarah hat den Eindruck, die Katzen merken, dass etwas nicht stimmt. Auf Facebook bittet sie am nächsten Tag um Hilfe, beim Futter, bei der Unterbringung. Der Feuerwehrmann, der Sabrina aus dem Auto gezogen hat, ruft an und fragt Sarah, ob er was für sie tun kann. In wenigen Tagen vermittelt sie neben den Katzen auch die anderen Tiere. Fünf der neun Katzen behält sie, obwohl sie selbst schon eine eigene hat. Dann beginnt das Leben ohne Sabrina. Für Sarah. Aber auch für Charlie, Felix, Mika, Maggie, Emy, Lucky, Sunny, Nana und Maunz. Nicht allen wird es gelingen.

Januar 2019. Lucky muss umziehen. Wieder mal. Aber nicht zu einer neuen Besitzerin, sondern mit ihr, mit Nadine. Aus der Nähe von Koblenz nach Koblenz. Vor anderthalb Jahren hat Sarah den schwarz-weißen Kater zu seinem neuen Zuhause gebracht, weil er sich mit den anderen Tieren in ihrer Wohnung nicht verstand. Vorher telefonierte sie lange mit Nadine. Lucky sollte es gut haben. Sabrinas erster Kater. 2010 hatte sie ihn als Baby aufgenommen, von Bekannten, die nicht so gut mit Haustieren umgehen konnten.

Lucky ist auch Nadines erster Kater. Sofort verliebt sie sich in seine Augen, und Lucky legt sich gleich am ersten Tag aufs Kopfkissen in Nadines Bett und gibt diesen Platz auch nachts nicht frei. Wenn die 24-Jährige nach Hause kommt, holt er sie am Aufzug ab. Sie ist nun häufiger daheim als früher. „Der Bub wartet zuhause“, sagt sie. Manchmal tippt er ihr solange auf die Schulter, bis Nadine ihn streichelt. Bei Fremden zieht er sich zurück. Nadine klingt glücklich, wenn sie über Lucky spricht. „Ein ganz großer Teil würde mir fehlen“, sagt sie.

Lucky ist die letzte Katze, für die Sarah ein neues Zuhause gefunden hat. Sunny und Nana kamen zu zwei Senioren, die ihre Katze gerade hatten einschläfern lassen. Sarah hat keinen Kontakt mehr zu ihnen. Beim letzten Anruf ging es den Tieren gut. Als Sabrina sie damals fand, waren sie verwahrlost. Emy kam zu einem Ehepaar nach Bedburg-Hau. Maunz, die Katze von Sabrinas Opa, wohnt in Geldern.Mit den anderen Katzen lebt Sarah in Griethausen, einem Dorf bei Kleve in der Nähe des Rheins. Ihre eigene Katze Maja ist mit den Neuen nicht warmgeworden, aber untereinander kommen Felix, Charlie und Mika gut zurecht. Sarah denkt noch immer so, ihre Katze und Sabrinas Katzen, obwohl der Unfall mehr als zwei Jahre zurückliegt.

Der rothaarige Kater Charlie war noch ein Kätzchen, als er Sabrina fast vors Auto lief. Jetzt ist er ganz schön fett geworden, findet Sarah, eine Art Realität gewordener Garfield. Fressen, schlafen, schmusen und am liebsten Chef sein. Die graue Mika, eine Britische Kurzhaarkatze, ist ein Hippie. Bloß keinen Streit. Felix mit dem schwarzen Fell ist ein verspieltes Mamasöhnchen. Damals fand Sabrina ihn eine Woche vor ihrer Hochzeit, ein Baby noch, voller Würmer, kaum Überlebenschancen. Charlie spielte Papa. Weil sich auch am Tag der Hochzeit jemand um Felix kümmern musste, fuhr ihre beste Freundin Sarah mehrfach hin, um nach ihm zu schauen. Sonst hätte sie es selbst getan. „Die Katzen sind das wichtigste, was von Sabrina übriggeblieben ist“, sagt Sarah.

Sarah mit den drei Katzen. Dass sie ihr so viel bedeuten, hat einen Grund. Foto: Markus van Offern (mvo)

Die Katze Emy ist auch noch da. Emy hat gerne Soße über ihrem Essen. Die Produktpalette für Katzenbedarf ist groß, teilweise überraschend, kalte Soßen gehören dazu. Zweimal am Tag bekommt sie Futter. Wenn sie nicht isst, dann schläft sie oder spielt. „Ein schlaues Biest“, nennt die neue Besitzerin Nicole sie, weil Emy Türen öffnen kann. Sie nimmt auch die Wäsche ab, und weil es in dem Einfamilienhaus in Bedburg-Hau keine Mäuse gibt, die sie jagen kann, legt Emy ihr manchmal einen Spüllappen vor die Füße. Beim Fernsehgucken liegt die Katze am liebsten auf Nicoles Ehemann und nuckelt ihm das T-Shirt nass. Den mag sie sowieso etwas lieber als Nicole.

Sabrina rettete das Tier einst aus unsäglichen Verhältnissen, vermutlich wurden sogar Zigaretten auf ihm ausgedrückt. Als Nicole und ihr Mann das Tier 2017 aufnehmen, zunächst als Pflegestelle, haben sie gerade eine Katze verloren, ebenfalls eine Schildpatt, ein Tier mit schwarz-rotem Fell. Sie wissen, dass Emy schwierig ist, und tatsächlich kommt die Katze im neuen Haus erst überhaupt nicht zurecht. Sie pinkelt überall hin, rennt panisch weg, wenn sie andere Katzen sieht. Als ihr Verhalten sich nicht bessert, holt die Familie eine Verhaltenspsychologin für Tiere dazu. Sie kaufen sogar ein Gerät, das beruhigende Hormone verströmt, wenn man es in die Steckdose steckt.

Karina Mahnke hat die Familie damals beraten. Sie erklärt das Urinieren von Emy mit Stress. Katzen sind keine Rudeltiere und leben nur dann gerne in Gruppen, wenn sie das auch von Geburt an kennen. Möglich ist auch, dass Emy um Sabrina getrauert hat. „Wenn Menschen oder andere Tiere aus dem Leben einer Katze verschwinden, zu denen sie eine enge Bindung hatten, dann trauern Katzen. Die meisten ziehen sich dann erst mal zurück.“

Nach einigen Monaten bessert sich Emys Verhalten. Die Familie beschließt, das Tier dauerhaft aufzunehmen. Der Garten ist mit einem Elektrozaun abgesichert, seitdem eine ihrer Katzen vor ein Auto gelaufen ist. Vier haben sie bereits verloren. Die letzten beiden haben sie einäschern lassen. Die Urnen stehen in einem Schrank im Wohnzimmer, man kann sie durch die Glasscheiben sehen. 250 Euro kostet das pro Tier, mit den anderen Katzen wollen sie es auch so machen. Vielleicht werden sie die Urnen mal im Garten vergraben, mit einer Platte darauf.

Im Sommer 2018 fuhr Sarah noch einmal zum Grundstück von Sabrinas Opa. Sie sind zu fünft, als sie Maggie beerdigen. Bevor sie das Grab ausheben, müssen sie die Brennnesseln entfernen. Auf dem selbstgebastelten Holzkreuz, das sie aufs Grab stellen, steht in roten Filzstift-Buchstaben der Name der Katze, daneben ein Herz und eine Sonne, die hinter den Wolken hervorkommt. Sie legen Blumen nieder.

Maggie hatte einst unter so fürchterlichen Bedingungen gelebt, dass Sabrina dem Besitzer das unterernährte Tier für mehrere hundert Euro abkaufte. Sarah hätte sie nach Sabrinas Tod gerne behalten, aber der Vermieter macht Ärger wegen der vielen Katzen. So bringt sie nicht nur Maggie, sondern auch Charlie zu ihrem besten Freund. An der Grenze zu Holland wird Maggie überfahren. Sofort holt Sarah Charlie zurück. Sie will ihren Freund nicht hassen, sollte auch der Kater noch vor ein Auto laufen.

Sabrina war wegen des Verkehrs immer dagegen gewesen, Katzen frei herumlaufen zu lassen. Deshalb hatte sie ihnen die Taubenschläge an den Wohnwagen gebaut. Sarah hat eine andere Vorstellung von artgerechter Tierhaltung. Charlie, der real gewordene Garfield, geht alleine vor die Tür. Wenn Sarah und ihre Tochter spazierengehen, begleitet Felix sie. Doch auch wer ganz genau hinschaut, bemerkt nicht, dass noch jemand an ihrer Seite ist.

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