Nach Fällen Arian und Helin Was tun, wenn das Kind vermisst wird?

Düsseldorf · Für Eltern ist es eine absolute Horrorvorstellung: Das Kind ist weg. Die Fälle in Köln und Bremervörde zeigen auch, wie schnell genau das passieren kann. Was dann zu tun ist und wie man sich am besten verhält, wenn man ein Kind ohne Begleitung antrifft.

 Es ist die Horrorvorstellung aller Eltern: Was tun, wenn das Kind vermisst wird?

Es ist die Horrorvorstellung aller Eltern: Was tun, wenn das Kind vermisst wird?

Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Die Suche nach dem sechsjährigen Arian in Bremervörde geht weiter. Bereits am 22. April war er wohl weggelaufen, auch wegen seines Autismus gestaltet sich die Suche schwierig. Gut ausgegangen ist hingegen ein Fall in Köln. Die dreijährige Helin war mitsamt ihrem Dreirad in einem Park abhandengekommen. Sie wurde nach zwölf Stunden bei einem Rentner gefunden, der angab, das Kind für seine Enkelin gehalten zu haben.

Fälle wie diese zeigen, wie schnell es passieren kann. Ein winziger Moment der Unachtsamkeit kann ausreichen, um ein Kind aus den Augen zu verlieren. Für Eltern – und oft auch für die Kinder selbst – ist das ein Albtraum. Doch, das sei vorweggesagt, die allermeisten Fälle von vermissten Kindern lösen sich schnell und ohne Folgeschäden wieder auf. Für Eltern und Kinder ist es trotzdem wichtig zu wissen, wie sie sich in einem solchen Fall verhalten sollen.

Was im Ernstfall zu tun ist

Lars Bruhns, Vorstand der Initiative Vermisste Kinder, sagt, das Wichtigste sei, zunächst einmal die Ruhe zu bewahren. „Was genau zu tun ist, hängt natürlich sehr vom Alter und der Gesundheit des Kindes ab“, sagt er. Benötige ein Kind etwa Medikamente, dann sei der Fall automatisch dringender. Doch zunächst sollte man sich gut umsehen. Befinde man sich zu Hause, wie es etwa bei Arian der Fall war, sollten Eltern zunächst gründlich die Wohnung absuchen. „Kinder verstecken sich gut, gerade kleine Kinder auch an den unmöglichsten Orten.“ Auch Nachbarn könnten eine gute Hilfe sein. In jedem Fall ermutigt er Eltern aber, sich auch zügig an die Polizei zu wenden. „Es gibt keine Frist, die man abwarten muss, im Gegenteil: Je früher die Polizei über das vermisste Kind Bescheid weiß, desto eher kann die Suche koordiniert werden.“ Niemand müsse sich Gedanken um die Verhältnismäßigkeit machen, ein vermisstes Kind sei immer ein dringender Fall. Auf der Internetseite der Initiative wird Eltern folgende Checkliste angeboten:

  • Erstatten Sie unverzüglich eine Vermisstenanzeige bei der Polizei.
  • Rufen Sie die Freunde des Kindes und andere Eltern an.
  • Achten Sie darauf, dass Ihr eigener Telefonanschluss für einen Anruf Ihres Kindes frei bleibt.
  • Wenn Sie draußen suchen gehen, lassen Sie jemand anderen zuhause.
  • Don’t panic – Bleiben Sie ruhig und konzentriert.

Wie kann man Kinder vorbereiten?

Doch die Vorsichtsmaßnahmen finden im Idealfall schon lange vor dem Verschwinden statt. Nicole Vergin, Sprecherin des Kinderschutzbundes NRW sagt, Kinder sollten so früh wie möglich auf solche Situationen vorbereitet werden. „Je nach Alter kann man dem Kind etwa die Telefonnummer der Eltern beibringen.“ Gerade bei öffentlichen Veranstaltungen könne auch ein Treffpunkt für den Notfall abgemacht werden, markante Punkte wie Gebäude oder Straßenecken eigneten sich gut. „Kinder sollten außerdem genau wissen, dass sie auch um Hilfe bitten dürfen“, so Vergin. So lerne das Kind, dass solche Situationen entstehen können, das Kind sich dann aber selbst helfen kann. So könne man beispielsweise üben, fremde Menschen anzusprechen und Kindern erklären, sich zum Beispiel vorzugsweise an andere Eltern oder Großeltern oder offizielle Personen wie Verkaufspersonal, Polizei oder Ordner zu wenden.

Das alles schule auch das Selbstbewusstsein. „Das ist, auch unabhängig von einem potenziellen Verlaufen, sehr wichtig: Kinder sollten selbstbewusst sein“, so auch Bruhns. In Rollenspielen könne man etwa üben, nein zu sagen, wenn eine fremde Person das Kind mitnehmen will. „Es gab schon Fälle, da hat die Wehrhaftigkeit eines Kindes Schlimmeres verhindert“, sagt er. Auch Sport könne Kindern helfen, zu einem besseren und bewussteren Körpergefühl zu kommen. Besonders Mannschaftssportarten trainierten zudem die Fähigkeit, sich für sich selbst einzusetzen.

Was tun, wenn ich ein Kind alleine auffinde?

Wer sich in der Situation befindet, ein vermeintlich verloren gegangenes Kind zu finden, der sollte zunächst einmal ruhig bleiben. „Auch hier, je nach Alter und Situation, sollte man mit dem Kind sprechen, immer auf Augenhöhe“, sagt Vergin. „Gehen Sie also ruhig in Hocke, das gibt dem Kind erst einmal Sicherheit.“ Wenn es Hinweise auf seine Eltern oder deren Telefonnummer geben kann, dann sollten diese natürlich unverzüglich kontaktiert werden. Im Zweifel helfe aber auch hier die Polizei. Wichtig sei, so Vergin, sich möglichst nicht vom Auffinde-Ort zu entfernen, hier suchen Eltern vermutlich zuerst. „Bitten Sie im Zweifelsfall andere Personen, bei der nächsten Polizeistelle oder beim Veranstalter Bescheid zu geben und bleiben Sie mit dem Kind vor Ort.“ Das rät Bruhns auch Personen, die sich unsicher fühlen, wie sie alleine mit dem Kind umgehen sollen. „Wer Hemmungen hat, holt andere Leute ins Boot. Die allermeisten Menschen helfen, wenn man sie bittet.“

„Vorsichtsmaßnahmen“ wie Airtags

Von Ortungschips wie Airtags, Ortungsapps auf Handy oder Smartwatch halten beide Experten allerdings wenig. „Das birgt immer die Gefahr der Übervorsicht“, so Bruhns. „Kinder und Eltern können dadurch schnell in unbegründete Panik verfallen.“ Außerdem sei auch die persönliche Entwicklung eines Kindes zu berücksichtigen. „Kinder trödeln zum Beispiel manchmal auf dem Heimweg von der Schule und das ist auch in Ordnung“, sagt auch Vergin. Wer sie dabei ständig überwache, nehme ihnen die Chance, sich zu selbstständigen Personen zu entwickeln. Sie sieht aber etwa Armbänder mit der Telefonnummer der Eltern als gute Alternative. „Da kann es aber auch reichen, dem Kind die Nummer etwa auf den Arm zu schreiben, bevor man zu Veranstaltungen mit vielen Menschen geht“, sagt sie.

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