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Düsseldorf: Was die Protestanten bewegt

Düsseldorf : Was die Protestanten bewegt

Die EKD hat ihre Mitglieder befragt – und auch unerwartete Antworten erhalten. Fünf evangelische Überraschungen.

Die EKD hat ihre Mitglieder befragt — und auch unerwartete Antworten erhalten. Fünf evangelische Überraschungen.

Wer sind eigentlich diese Protestanten? Das ist, salopp gesagt, die Frage hinter dem Wort- und Textungetüm, das die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Donnerstag vorstellte: der "Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung". Seit 1972 unternimmt die EKD demoskopische Anstrengungen, um zu erfahren, wie die 23,4 Millionen Protestanten in Deutschland denken und handeln — dieses Jahr zum fünften Mal. Die bisher letzte Untersuchung stammte aus dem Jahr 2003 — genug Gelegenheit für neue Trends gab es also, und tatsächlich enthalten die 132 Seiten manches Unerwartete.

Erstens: Wer oft zur Kirche geht, glaubt häufiger an die Wirksamkeit von Amuletten, Steinen und Kristallen.

Das berührt den zentralen Bereich der Religion: den Glauben. Zwar glauben drei Viertel der Protestanten, die mehrmals im Jahr in die Kirche gehen, an "einen Gott, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat"; je häufiger der Kirchgang, desto höher die Zustimmung. Und nur rund 15 Prozent sagen, sie seien religiös auf der Suche. Aber ebenso viele glauben an die Wirksamkeit von Amuletten, Steinen und Kristallen — mehr als bei den Konfessionslosen. Und dieser Prozentsatz steigt sogar mit der Häufigkeit des Kirchgangs: Unter den wöchentlichen Kirchgängern glauben 21 Prozent an Amulette, unter den sporadischen Gottesdienstbesuchern nur zwölf Prozent.

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"Der christliche Glaube schleppt sozusagen andere Vorstellungen leichter mit", sagt zur Erklärung der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack, der an der Erhebung mitgearbeitet hat. Abgrenzungsmerkmal seien inzwischen weniger die Unterschiede einzelner religiöser Überzeugungen, sondern die Frage, ob man überhaupt glaubt.

Zweitens: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Das ist kein später Tribut an Karl Marx. Dahinter steckt vielmehr die Erkenntnis, dass das Handeln die Nähe zur Kirche definiert. 95 Prozent der Protestanten, die mindestens einmal im Monat in den Gottesdienst gehen, vergangenes Jahr persönlichen Kontakt zum Pfarrer hatten und sich weitergehend engagieren, fühlen sich ihrer Kirche sehr oder ziemlich verbunden; beim großen Rest sind es nur 35 Prozent. Das sei keineswegs so banal, wie es klingt, sagt Pollack: "Man könnte meinen, dass die intensive Praxis Folge des Glaubens sei. Es scheint aber eher andersherum zu sein — wer praktiziert, glaubt mit höherer Wahrscheinlichkeit."

Drittens: Die Skepsis gegen eine politisch aktive Kirche ist groß.

Nur eine Minderheit (47 Prozent) will, dass sich ihre Kirche zu politischen Grundsatzfragen äußert — das Eintreten für Arme erreicht dagegen 83 Prozent Zustimmung. Je geringer die Kirchenverbundenheit, desto ausgeprägter die Abneigung gegen eine politische Kirche. Hier spiegelt sich eine Tendenz, die Evangelischen wie Katholischen seit Jahren Kopfschmerzen macht: Kirche gilt immer mehr Menschen als sozial-seelsorgerische Instanz, aber nicht als politischer Akteur. Überraschend ist, dass das auch viele Kirchenmitglieder so sehen.

Viertens: In Ostdeutschland ist die Verbundenheit mit der Kirche höher.

Das gilt quer durch alle Generationen, besonders auffällig unter den 14- bis 21-Jährigen: Während im Westen das Verhältnis von kirchenverbundenen zu nichtverbundenen jungen Protestanten bei 22 zu 52 Prozent liegt, lautet das Ergebnis im Osten 40 zu 36. Einerseits ist das offensichtlich Ergebnis der Diaspora-Situation, die das Zusammengehörigkeitsgefühl der christlichen Minderheit stärkt. Andererseits, sagt Religionssoziologe Pollack, habe man diesen Effekt direkt nach der Einheit noch nicht beobachtet: "Eine Erklärung könnte sein, dass viele Ostdeutsche es als entlastend erleben, dass sie sich jetzt zu ihrem Glauben bekennen können."

Fünftens: Der Anteil der überzeugten Kirchenmitglieder wächst.

Diese Erkenntnis ist vielleicht die überraschendste. Sie markiert zugleich den wichtigsten Trend: Die Kirche polarisiert sich. Der Anteil derer, für die ein Kirchenaustritt nicht infrage kommt, ist seit 1992 von 55 auf 73 Prozent gewachsen; aber auch die Zahl derer steigt, die austreten wollen. Umgekehrt ist der Anteil derer, die sich nur "etwas verbunden" fühlen, auf den niedrigsten Stand seit 1992 gesunken.

"Mitglied der Kirche zu sein wird zunehmend zur Frage eines klaren Ja oder Nein", sagt der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung. Polarisierung sieht auch Experte Pollack, der zudem "dramatische Veränderungen" auch im Westen erwartet, was die kirchliche Prägung der Gesellschaft angeht. Von einer "Entschiedenheitskirche" geht Pollack aber nicht aus: "Religion gilt vielen eben nicht als so sehr wichtig. Das wird auch so bleiben."

(RP)