Ungewohnte Entwicklung in NRW Warum in diesem Sommer nur wenige Wespen unterwegs sind

Düsseldorf · In diesem Jahr stören nur selten Wespen beim Grillabend. Das hat vor allem einen Grund, der mit dem regenreichen und kühlen Frühjahr zutun hat. Beobachtet werden zudem mehr Hornissen.

Diese Insekten und Spinnen krabbeln im Sommer
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Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse oder beim Grillen fehlt derzeit in der Regel ein Gast, den aber kaum jemand vermisst: die Wespe. Normalerweise sind die Tiere gerade im August besonders zahlreich unterwegs, so dass ein Essen im Freien schnell ungemütlich werden kann. In diesem Jahr aber lassen sich nur wenige Wespen blicken. „Viele junge Wespenköniginnen sind im regenreichen und eher kühlen und darum insektenarmen Mai verhungert, so konnten sie keine neuen Völker aufbauen“, erklärt Matthias Kistenich, Wespen- und Hornissenberater im Bienenzuchtverein Porz den Schwund. Auch an der Zahl seiner Beratungen lässt sich der Unterschied ablesen: Wurde Kistenich 2022 bis Mitte August noch 90 Mal um Hilfe gebeten, waren es in diesem Jahr bislang nur 40 Anfragen. „Dieses Wespen-Jahr ist also deutlich anders“, sagt der 59-Jährige.

Allerdings gebe es hinsichtlich des Wespen-Aufkommens gute und schlechte Jahre wie bei Obstkulturen, erläutert der Experte, langfristig gleiche sich das aus. Das vergangene Jahr beispielsweise sei sogar außergewöhnlich gut gewesen, deshalb falle die Diskrepanz besonders ins Gewicht. Bisher musste Kistenich in dieser Saison auch nur drei Nester umsiedeln. Stattdessen beobachtet der Berater aber ein verstärktes Hornissenaufkommen. Diese besonders große Wespenart sei entgegen der landläufigen Meinung relativ friedlich. Im näheren Umkreis eines Hornissennests gibt es zudem keine anderen Wespen, da Hornissen andere Insekten fressen. Ein großes Hornissenvolk könne laut Kistenich bis zu einem Pfund Insekten pro Tag vertilgen.

Wespen brauchen Insekten, um daraus Futter für ihre Brut zu machen. Die durchaus angriffslustigere Deutsche und die Gemeine Wespe verwerten aber auch Aas. „Diese beiden Wespenarten versauen allen anderen 14 Arten den Ruf“, sagt Kistenich. Ist es ihnen doch egal, ob sie eine tote Maus als Nahrungsquelle finden oder ein Grillkotelett und damit zum Störenfried für den Menschen werden. Zudem brauchen die Wespen für sich selbst als Treibstoff Kohlenhydrate und gehen, wenn es nicht mehr blüht, auch an Kuchen oder Limonade.

Je nachdem, wie sich das Wetter entwickelt, könnte die Zahl der lästigen Wespen in diesem Jahr auch noch zunehmen, sagt Kistenich. Zudem seien die Tiere langlebig und bilden große Völker, die erst bei den ersten Frösten im November oder Dezember eingehen. Bis dahin seien sie dann auf der Suche nach Süßem. Um sich der Wespen zu erwehren, empfiehlt Kistenich entweder eine Ablenkfütterung am besten dort, woher die Tiere anfliegen oder sie mit Wasser aus einer Sprühflasche zu vertreiben. „Dann glauben sie, dass es regnet und kehren ins trockene Nest zurück“, sagt der Experte. Getötet werden dürfen die Tiere nur aus einem „vernünftigen Grund“, weil sie nach dem Bundesnaturschutzgesetz geschützt sind. Das gilt etwa, wenn ein Haus wegen eines Wespennests nicht mehr betretbar ist. Nester können aber oft von der Umgebung separiert werden. Manchmal müssen sie auch umgesiedelt werden. Das sollten aber nur Fachleute tun, denn dabei gibt es einiges zu beachten. Und nur in seltenen Fällen muss ein Nest abgetötet werden. Bei der Einschätzung, was zu tun ist, helfen die Unteren Naturschutzbehörden und Berater wie Kistenich.

Eine Wespe sitzt auf einem alten Apfel.

Eine Wespe sitzt auf einem alten Apfel.

Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Dass die Wespen-Population generell zurückgehe, hält Kistenich für unwahrscheinlich. Stattdessen würden die wenigen Königinnen, die überleben, im kommenden Jahr eher große Völker mit vielen Geschlechtstieren bilden können. „Bienen zum Beispiel gibt es wahrscheinlich seit 100 Millionen Jahren, Wespen noch viel länger, beides funktioniert bis heute“, sagt Kistenich. Generell finde durch den Klimawandel aber eine Verschiebung statt, Bienen aus Südeuropa würden sich auch hierzulande ansiedeln, Hummeln sich stattdessen wegen der immer wärmeren Sommer langsam nach Norden bewegen. Die Wespen aber blieben. „Eins ist sicher“, sagt Kistenich, „Wespen sterben so schnell nicht aus.“

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