Unwetter in NRW: "Vielen ist nicht klar, dass wir mit dem Klima ein Problem haben"

Unwetter in NRW: "Vielen ist nicht klar, dass wir mit dem Klima ein Problem haben"

Der Sturm am Montag hat vor allem durch seine Geschwindigkeit überrascht. Ohne Vorankündigung war er da. Wie ein Überfall. Klima-Experten sind sich weitgehend einig: Die Wahrscheinlichkeit solcher extremen Wetterereignisse ist gestiegen.

Denn der Klimawandel betrifft nicht nur Entwicklungsländer.

"In einer wärmeren Atmosphäre ist die Wahrscheinlichkeit von schweren Unwettern durchaus höher", sagt Thomas Kesseler-Lauterkorn vom Deutschen Wetterdienst unserer Redaktion. Er verweist auf die Daten der vergangenen Jahre und sagt: " Es ist ja schon wärmer geworden."

Das also heißt: Extreme Temperaturen können extreme Folgen haben. Zwar tun sich die Fachleute schwer, Stürme wie den vom Pfingstmontag direkt mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen, weil es schwere Sommergewitter als Einzelereignis schon immer gegeben hat. Doch wer die Zahl der Wetter-Extreme gesamt betrachtet, erkennt Trends. Und die weisen eindeutig auf den Klimawandel hin.

"Derartige Starkregenereignisse sind mit zunehmender Wärme häufiger zu erwarten, weil dann viel mehr Energie in der Atmosphäre ist", sagt auch der Potsdamer Klimafolgen-Forscher Anders Levermann. Es sei damit zu rechnen, dass klimatische Extremereignisse in Zukunft häufiger und in noch größerer Intensität auftreten werden. "Vielen Menschen ist nicht klar, dass wir mit dem Klimaproblem ein wirklich existierendes Problem haben, das nicht nur Entwicklungsländer betrifft."

"So früh im Jahr derart hohe Temperaturen und das nahezu flächendeckend in Deutschland - das hat es so noch nie gegeben", sagt auch Klimaforscher Mojib Latif den "Ruhrnachrichten". Angesichts der extremen Hitze sei es nicht verwunderlich, wenn heftige Wärmegewitter mit orkanartigen Böen entstehen. Für ihn ist das Unwetter vom Montag ein weiteres Indiz in der Beweiskette. Seine Schlussfolgerung: "Der Klimawandel und seine Auswirkungen werden immer stärker spürbar. Deutschland fühlt den Einfluss der globalen Erwärmung."

Entscheidend neue Qualität hat dabei für die Wetterfolgen das Ausmaß der Energie, das durch die steigenden Temperaturen darin steckt. Dann nämlich entstehen extreme Auf- und Abwinde. Das ist noch nicht weiter gefährlich. Lädt sich Hitze aber auch noch mit feuchter Luft auf, schießt sie als Thermikblase mit großer Geschwindigkeit in die Höhe. Wolken bilden sich, weitere Wärme wird dadurch freigesetzt, die Dynamik nimmt noch weiter zu.

Dadurch entsteht typischerweise auch der Hagel, wie ihn die Unwetter der vergangenen Tage mit sich brachten. "Das Wasser wird regelrecht nach oben geschleudert", erläutert Franz-Josef Molé vom DWD die Wucht mit der Natur hier etwas zusammenbraut. Auf- und Abwinde schießen mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern durch die Luft. Wie in einer Waschmaschine gefüllt mit energiegeladener Luft jagt die Thermik das Wasser immer wieder nach oben in die eiskalten Luftschichten und lässt die Hagelkörner wachsen.

Kommt dann eine Schlechtwetterfront hinzu, ist der große Knall programmiert. So spielte es sich auch tagsüber im Himmel über NRW ab. "Von der Nordsee her kam kühle Luft, im Süden hingegen dominierten heiße Südströmungen aus der Sahara", erklärt Oliver Klein vom Wetterdienst meteomedia. "Wenn diese Luftmassen aufeinanderprallen, hat das die gleiche Kraft wie ein Autounfall."

Entlang der Schnittstelle wichen die Wolken auf mehreren Kilometern nach oben aus. Dort sammelt sich in den oberen Lagen Feuchtigkeit. Am Abend kam sie als Hagel und Starkregen wieder herunter. Im Durchschnitt fielen so in der Stunde rund 40 Liter Regenwasser.

Zumindest vorerst hat NRW nun etwas Ruhe mit dem Wetter. Nach den aktuellen Prognosen des DWD bleibt es bis zum Samstag stabil. Dann könnten sich mit einer anziehenden Schlechtwetterfront neue Gewitter bilden, die aber wegen moderater Temperaturen aller Voraussicht nach nicht so extreme Ausmaße annehmen dürften.

Mit Material von dpa

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(pst)
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