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Vergewaltigung in Mülheim: Wenn Jugendliche unter Verdacht geraten

Nach Vergewaltigung in Mülheim : Wenn Jugendliche unter Verdacht geraten

Nach der Vergewaltigung einer jungen Frau in Mülheim sind fünf Verdächtige im Alter von zwölf und 14 Jahren befragt worden. In den vergangenen Monaten hatten gewalttätige Jugendliche bereits mehrfach für Aufsehen gesorgt.

Entsetzen im Ruhrgebiet: Nach der Vergewaltigung einer jungen Frau am Freitagabend hat die Polizei eine Gruppe von Zwölf- und 14-Jährigen im Visier. Nachdem sie von der Polizei befragt wurden, wurden die fünf „dringend Tatverdächtigen“, die die bulgarische Nationalität haben, ihren Familien übergeben. „Es war Gewalt im Spiel, massive Gewalt“, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. Das Opfer sei verletzt ins Krankenhaus gekommen und werde betreut, berichteten die Ermittler.

Anwohner waren in Mülheim am späten Freitagabend aufmerksam geworden, weil ihr Hund unruhig wurde, teilte die Polizei mit. Sie hätten im Grünen hinter ihrem Garten die junge Frau und zwei männliche Personen entdeckt. Die beiden Verdächtigen seien über einen parallel verlaufenden Radweg geflohen, die Frau blieb zurück. Die Anwohner kümmerten sich um sie und verständigten die Polizei.

Nach einer Fahndung habe diese die Gruppe dann gestellt. Dabei habe sich der Verdacht gegen die Kinder und Jugendlichen „verdichtet“, wie es in einer Mitteilung hieß. Weitere Details, auch zum Gesundheitszustand der jungen Frau, nannte die Polizei aus Opferschutzgründen zunächst nicht.

Es ist nicht das erste Mal, dass in den vergangenen Monaten gewalttätige Übergriffe von Jugendlichen für Aufsehen sorgen. Ende Mai hatten Jugendliche, die der sogenannten Gucci-Gang angehören sollen, in Wuppertal einen Rentner attackiert. Zwei der Polizei bekannte 14-Jährige sollen den Mann dabei mit Schlägen und Tritten so schwer verletzt haben, dass er tagelang in Lebensgefahr schwebte und wohl bleibende Schäden davon tragen wird. Die der Gruppe zugeschriebenen Straftaten reichen von Einbrüchen über Drogendelikte bis hin zu Körperverletzung. Der Name stammt laut Polizei von der Gruppe selbst.

Zudem erinnert der Mülheimer Fall an die Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Velbert durch eine Gruppe bulgarischer Jugendlicher im Alter zwischen 14 und 17 Jahren vor gut einem Jahr. Diese waren später zu Haftstrafen von bis zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt worden.

Dabei geht die Zahl der Tatverdächtigen unter 18 Jahren in NRW insgesamt seit Jahren zurück, wie ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2018 des Landeskriminalamts (LKA) zeigt. Demnach sank die Zahl der Tatverdächtigen unter 14 Jahren von rund 33.200 im Jahr 1999 auf rund 15.300 im vergangenen Jahr. Bei den 14- bis 18-jährigen Tatverdächtigen stellten die Ermittler einen Rückgang von rund 58.800 auf rund 42.000 fest.

Dem Kriminologen Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum zufolge gibt es aber mehr erschreckende Einzelfälle, über die dann auch medial berichtet werde. „Zudem ist die Gesellschaft aufnahmebereiter geworden für solche Nachrichten“, sagt Feltes. Die gesamtgesellschaftliche Verunsicherung mache sich auch bei der Kinder- und Jugendkriminalität bemerkbar. Dabei zeigten Dunkelfeldstudien, dass das Gewaltverhalten bei Jugendlichen deutlich zurückgegangen sei.

Gleichwohl gibt es auch Delikte, bei denen die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Dazu zählen auch Vergewaltigungen. Der Kriminalstatistik zufolge wurde 2018 dabei insgesamt gegen 377 Tatverdächtige unter 18 Jahren ermittelt.  1999 waren es noch 289 gewesen.

Zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendkriminalität gibt es in NRW verschiedene Präventionsprojekte. LKA-Sprecher Frank Scheulen verweist etwa auf die Initiative „Kurve kriegen“, bei der gezielt strafunmündige Kinder und Jugendliche angesprochen werden, die bereits mit mindestens einer Gewalttat oder drei Eigentumsdelikten in Erscheinung getreten sind – und die in einem risikobelasteten Umfeld leben. Dafür kooperiert die Polizei mit Jugendamt, Staatsanwaltschaft, Sozialarbeitern und – wenn möglich – den Eltern.

Auch in Mülheim hat sich nun das Jugendamt in den Fall eingeschaltet. Ein Sprecher der Stadt sagte, bei den Familien der beiden Zwölfjährigen werde das Amt am Montag seine Hilfe anbieten. Falls die Mitarbeiter den Eindruck gewinnen würden, dass die Familien mit der Situation nicht fertig werden, sei auch ein aktives Eingreifen bis hin zur Entnahme der Kinder aus den Familien möglich.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte vor einigen Jahren in einem Positionspapier, das Strafmündigkeitsalter auf zwölf Jahre zu senken. Das sei heute aber nicht mehr haltbar, sagt der NRW-Vorsitzende Erich Rettinghaus, „die Zahlen sind ja rückläufig“. Viel wirksamer seien Präventionsprojekte oder auch der sogenannte Warnschuss­arrest für Jugendliche über 14 Jahren. „Man muss versuchen einzuwirken, bevor die Jugendlichen zu Intensivtätern werden“, sagt Rettinghaus, „kriminelle Karrieren wie bei der „Gucci-Bande“ gilt es zu verhindern.“

Außerdem sei es wichtig, schon sehr früh bei der Ursachenklärung anzusetzen, etwa beim Elternhaus. „Es wäre deshalb sinnvoll, einmal eine Studie anzustrengen, die die Straftatbestände von Kindern und deren Ursachen genau untersucht“, sagt Rettinghaus. Kriminologe Feltes plädiert zudem trotz der Aufsehen erregenden Einzelfälle für eine weniger aufgeregte öffentliche Debatte zu dem Thema. Viele der Straftaten, die Kinder und Jugendliche begingen, seien „entwicklungsbedingte Handlungen“ – und hätten nur wenig mit dem zu tun, „was wir unter Erwachsenenkriminalität kennen“.

(mit dpa)