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Düsseldorf: Vergewaltigung: Ärzte sollen Beweise sichern

Düsseldorf : Vergewaltigung: Ärzte sollen Beweise sichern

In NRW soll ein Modellprojekt Mediziner in Praxen und Kliniken dazu befähigen, Spuren einer Vergewaltigung gerichtsfest zu dokumentieren. Denn oft fehlen in Prozessen Beweise: Nur jeder zwölfte Angeklagte wird auch verurteilt.

Stefanie Ritz-Timme weiß, was eine Gerichtsverhandlung für ein Vergewaltigungsopfer bedeutet. "Wenn es die Tat mit allen Einzelheiten schildern muss, bedeutet das eine große psychische Belastung", sagt die Leiterin des Instituts für Rechtsmedizin an der Düsseldorfer Uniklinik. Oft werde das Opfer durch den Prozess ähnlich traumatisiert wie durch die Tat - erst recht, wenn es erlebt, dass der Angeklagte freigesprochen wird.

Damit Opfer von Vergewaltigungen größere Chancen auf Gerechtigkeit haben, geht im Sommer unter der Führung der Uniklinik Düsseldorf das Modellprojekt "Gobsis" an den Start. Es soll Ärzten in gynäkologischen Praxen und Kliniken helfen, Spuren zu sichern und Beweise gerichtsfest zu dokumentieren. "Vor Gericht fehlt sonst die Dokumentation, um Angeklagten die Tat mit Sicherheit nachzuweisen", betont die Rechtsmedizinerin. Dann steht Aussage gegen Aussage, im Zweifel fällt das Urteil zugunsten des Angeklagten - Freispruch. "Es ist schrecklich für Opfer, wenn ihnen nicht geglaubt wird", bestätigt Marianne Lessing-Blum, Leiterin des Weißen Rings in Düsseldorf,

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Eine bundesweite Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) hat ergeben, dass immer weniger Vergewaltigungen mit einer Verurteilung geahndet werden. Wurde vor 20 Jahren noch jeder fünfte Täter verurteilt, war es 2012 nur noch jeder zwölfte. Die Analyse hat zudem ergeben, dass es Länder gibt, in denen nur jede 25. angezeigte Vergewaltigung mit einer Verurteilung endet - in anderen ist es jede vierte. Wie die einzelnen Bundesländer im Vergleich abschneiden, gibt das Institut nicht bekannt, weil die Anzeigebereitschaft in Bundesländern mit geringer Erfolgsquote sinken könnte.

Die Studie legt nahe, dass die gravierenden Unterschiede zwischen den Bundesländern auch etwas damit zu tun haben könnten, ob die Befragung eines Opfers schriftlich oder per Video festgehalten wird. "Häufig dauert die Aufnahme der Anzeige mehrere Stunden. Durch fehlendes Geld und personelle Engpässe bei der Polizei kommt am Ende oft nur ein nüchternes Protokoll über zwei, drei Seiten heraus", erläutert KFN-Institutsleiter Christian Pfeiffer. Über einen Videomitschnitt hingegen könne sich die Staatsanwaltschaft ein besseres Bild eines Missbrauchs machen, sie könne auch falsche Aussagen entlarven. Erhebungen zufolge basiert jede zehnte Aussage auf einer erfundenen Anschuldigung.

In NRW ist die Video-Dokumentation nicht üblich. "Es wird generell auf einen Ton- oder Filmmitschnitt einer Anzeige von Vergewaltigungsopfern verzichtet", bestätigt die Gewerkschaft der Polizei NRW. Für Etta Hallenga, Diplom-Sozialpädagogin und Traumatherapeutin in der Frauenberatungsstelle Düsseldorf, ist das ein Skandal, denn gerade die Erstaussagen seien wichtig. "Wut, Angst und Schmerz - all diese Emotionen können nicht verschriftlicht werden. Ein Video hingegen dokumentiert Stimme und Mimik", sagt Hallenga. Die Polizei befürchtet, Frauen könnten aus Angst vor der Aufzeichnung komplett auf eine Anzeige verzichten.

Stefanie Ritz-Timme glaubt hingegen, dass die Bereitschaft der Frauen, eine Vergewaltigung zu melden, dann steigt, wenn sie sicher sein können, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verurteilung kommt. Opfer, die von Unbekannten etwa im Park angegriffen werden, scheuen seltener den Weg zur Polizei, die sie dann zu Untersuchungen begleitet. Komplizierter wird es bei Taten, die von Personen im direkten Umfeld ausgehen. "Die meisten Vergewaltigungsopfer gehen als erstes zum Arzt", betont Beraterin Etta Hallenga. Daher sei es wichtig, dass die Mediziner so geschult sind, dass sie eine Vergewaltigung erkennen, Spuren sichern - und die Frauen auch an psychosoziale Dienste weiterverweisen.

"Noch sind aber viele Ärzte fokussiert auf den Abstrich mit der Täter-DNA", erklärt Ritz-Timme. Doch gerade bei Beziehungstaten leugnen die Männer den Sex nicht und berufen sich auf Einvernehmlichkeit. Essentiell sei es deshalb, auf Hinweise wie Kratzer oder blaue Flecken an den Innenseiten der Oberschenkel zu achten. "Diese Verletzungen sind nicht behandlungsbedürftig, aber sie sind die Beweise", betont Ritz-Timme. Wenn Frauen wüssten, dass die Dokumentation beim Arztbesuch gerichtsfest sei, könnte es ihnen mehr Vertrauen für eine Anzeige geben. Denn es koste große Überwindung, einen Bekannten oder einen Partner dieser Tat zu bezichtigen, betont Marion Claaßen von der Frauenberatungsstelle Impuls in Goch.

Für Stefanie Ritz-Timme bietet das Modellprojekt "Gobsis" deshalb drei Vorteile: Beweise sind gesichert, die Frauen bekommen Ansprechpartner genannt, und sie entscheiden, ob und wann sie Anzeige erstatten. "Sie sind die Herrin des Verfahrens." Sie entscheiden, wann für sie der richtige Zeitpunkt ist.

(RP)