#UnVioladorEnTuCamino: Frauen protestieren mit Flashmobs gegen Gewalt

Frauen protestieren mit Flashmobs gegen Gewalt : „Der Vergewaltiger bist du“

Ein Flashmob gegen Gewalt an Frauen: Eine feministische Performance aus Chile hat nach zahlreichen südamerikanischen Städten auch Europa und Düsseldorf erreicht. Die Organisatorin der Protestaktionen in NRW erzählt, was hinter den Tanzbewegungen steckt.

Begonnen hat alles in Santiago mit einer Aktion am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen: Hunderte Frauen performten vor einer Kathedrale auf dem zentralen Platz der chilenischen Hauptstadt. Begleitet vom Rhythmus einer Trommlerin klagten die chilenischen Frauen gegen Frauenhass, Femizide, das Davonkommen der Mörder, das Verschwindenlassen und die Vergewaltigung von Frauen. „Das Patriarchat ist ein Richter, der uns verurteilt für unsere Geburt. Und unsere Strafe ist die Gewalt, die du jetzt siehst“, riefen sie im Chor. Das Video löste innerhalb weniger Tage ein weltweites Echo aus – und erreichte am Wochenende auch Europa.

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Constanza Javalquinto Molina hat diesen Protest nach Düsseldorf gebracht. Mit rund 50 weiteren Frauen veranstaltete die 33-Jährige die Performance nach chilenischem Vorbild am Montag in der Düsseldorfer Altstadt. „Mit dieser Aktion wenden wir uns gegen die doppelte Form der Gewalt, die Frauen in Chile täglich erleben: die staatliche Gewalt und die häusliche Gewalt“, erzählt Molina. Sie erklärt auch, was es mit der Performance auf sich hat, die gemeinhin als Tanz interpretiert wird.

„Nachdem die Massenproteste in Chile zu hunderten Festnahmen geführt hatten, meldeten sich nach und nach immer mehr Frauen, die während der Haft sexuelle Belästigung, Gewalt, Nötigung bis hin zu Vergewaltigungen erlebt hatten“, erzählt Molina. „Sie wurden zum Beispiel an ihren Intimbereichen ‚kontrolliert‘ und mussten vor den Polizisten komplett nackt Sportübungen machen.“ Diese Übungen finden sich auch in der Performance: Das Strecken und Knien, das Drehen und Wenden stellt keinen Tanz dar, sondern wiederholt die Bewegungsabläufe, mit denen die Frauen während ihrer Haft erniedrigt werden sollten. Insofern ist die öffentliche Performance ein Schritt der Selbstermächtigung der Frauen nach dem Kontrollverlust und der Gewalt durch staatliche Behörden.

Innerhalb kurzer Zeit vernetzte sich die Düsseldorferin Constanza Javalquinto Molina mit einer kleinen und zum großen Teil spanisch-sprachigen Community aus Frauen, die in der Region leben und ihre Wurzeln in Chile, Mexiko, Kolumbien und Spanien haben. „Zusätzlich wurden wir auch von einigen feministischen Frauenvereinen unterstützt“, erzählt Molina. Zwar prangern die Frauen auch frauenfeindliche Strukturen und Gewalt gegen Frauen in Deutschland an, das Hauptmerk ihres Protests am Montag lag aber auf der Solidarität mit den Frauen in Chile.

Inszeniert wurde die Originalperformance von dem Kollektiv „Las Tesis“, also „Die Thesen“. Die Gruppe war vor anderthalb Jahren von vier Frauen Anfang 30 gegründet worden. „Wir nennen uns ‚Las Tesis‘, weil wir Theorien feministischer Theoretikerinnen auf die Bühne bringen und verbreiten wollen“, werden sie in der spanischen Tageszeitung El País zitiert.

In der Performance tragen manche Frauen Augenbinden, andere sind voller Kunstblut, einige tragen kurze Röcke, bauchfreie oder durchsichtige Tops. Sie rufen: „Doch es war nicht meine Schuld, egal wo ich war, egal wie ich angezogen war. Der Vergewaltiger bist du.“ Und weiter: „Es sind die Bullen, die Richter, der Staat, der Präsident. Unser Staat ist machohaft, unterdrückt und vergewaltigt.“

Wie bei fast jeder erfolgreichen Kampagne stehen auch hinter dieser die Verbreitung über die sozialen Medien und die Bündelung unter einem Hashtag. Unter #UnVioladorEnTuCamino – spanisch für: Ein Vergewaltiger auf deinem Weg – verbreiten Frauengruppen ähnliche Aktionen aus anderen Städten oder teilen frauenpolitische Tweets.

Mittlerweile gibt es von der Performance auch eine italienische Version, eine türkische aus Istanbul, eine australische aus Melbourne. Dazu Videos von Performances aus New York, Caracas und unzähligen großen und kleineren Städten.

Für Freitag kündigt Constanza Javalquinto Molina eine Protestaktion ähnlicher Art in Köln an. „Ort und genaue Zeit gibt es, sobald ich die Genehmigung der Polizei habe.“

Der Hintergrund der Protestaktion sind die seit Wochen andauernden Massenproteste in Chile. Die Demonstranten fordern einen besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung sowie eine Abkehr vom neoliberalen Wirtschaftssystem. Regierung und Opposition einigten sich zuletzt bereits darauf, eine neue Verfassung auszuarbeiten. Der aktuelle Text von 1980 stammt noch aus Zeiten der Diktatur von General Augusto Pinochet.

Zuletzt hatte Human Rights Watch (HRW) der chilenischen Polizei schwere Menschenrechtsverletzungen bei den jüngsten Demonstrationen gegen die Regierung des südamerikanischen Landes vorgeworfen. „Es gibt Hunderte besorgniserregende Hinweise auf übertriebene Gewaltanwendung und Gewalttaten gegen Festgenommene wie brutale Schläge und sexuellen Missbrauch“, hatte der Regionalchef von HRW, José Miguel Vivanco, angemahnt. „Sie müssen schnell und entschlossen geahndet werden und dürfen nicht straffrei bleiben.“ Das nationale Menschenrechtsinstitut stellte bislang 442 Strafanzeigen gegen Angehörige der Sicherheitskräfte.

Bei den Protesten kamen bislang 26 Menschen ums Leben, über 11.000 wurden verletzt.

Einen Überblick über die massiven Unruhen in vielen Ländern Südamerikas finden sie hier.