Studie der Universität Vechta und IU Bremen Lehrkräfte registrieren immer mehr religiös motivierte Konflikte an Schulen

Vechta · Immer häufiger werden Fälle von radikalisierten Schülern bekannt, wie zuletzt bei der Festnahme Jugendlichen wegen Terrorverdachts. Die Universität Vechta bestätigt in einer Studie nun, dass Lehrkräfte dies feststellen. Doch die Wahrnehmung alleine könnte trügen.

 Eine Studie der Universität Vechta und der IU Bremen legt nah, dass immer mehr Lehrkräfte religiös motivierte Konflikte an Schulen wahrnehmen.

Eine Studie der Universität Vechta und der IU Bremen legt nah, dass immer mehr Lehrkräfte religiös motivierte Konflikte an Schulen wahrnehmen.

Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Vier Jugendliche, davon drei aus Nordrhein-Westfalen, wurden am vergangenen Freitag wegen Terrorverdachts festgenommen. Sie sollen Pläne zur Ausreise in Gebiete des sogenannten Islamischen Staats und zu Anschlägen in deutschen Städten geschmiedet haben. Anfang des Jahres Kostenpflichtiger Inhalt wurde ein Fall aus Neuss bekannt, wo Oberstufenschüler einer Gesamtschule versucht haben sollen, strenge islamistische Regeln dort durchzusetzen. Es scheint also, als ob es an den Schulen immer häufiger zu Konfliktfällen mit religiösem Bezug käme. Eine deutschlandweite, aber nicht repräsentative Studie der Universität Vechta und der IU Internationalen Hochschule Bremen bestätigt nun zumindest in vorläufigen Ergebnissen, dass Lehrkräfte vermehrt religiös motivierte Konflikte in ihrem Alltag wahrnehmen.

Die Studie basiert mehrheitlich auf Online-Befragungen von Lehrkräften, aber auch von Schulleitungen oder Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen. Etwa ein Drittel dieser pädagogischen Fachkräfte nehmen unter Schülern religiös motivierte Konflikte wahr und empfinden diese als Herausforderung. Die Wahrnehmung von Lehrkräften und Sozialarbeitenden beziehe sich laut den Autoren der Studie dabei häufig auf tatsächliche, aber auch auf vermeintliche Konflikte sowie religiös teils radikalisierte Einstellungen. Das weise auf eine Verunsicherung der Fachkräfte hin.

Als Problem formulieren die Autoren der Studie dabei aber auch, dass der Blick im Bereich der Religion als Konfliktpunkt häufig auf Schüler muslimischen Glaubens gerichtet sei. Verhaltensweisen von Schülern anderer Religionen würden kaum erwähnt. Das weise auf eine Tendenz zur einseitigen Wahrnehmung hin. Die daraus resultierenden vorschnellen Urteile könnten nach Einschätzung der Forschenden zu einer Stigmatisierung muslimischer Schüler führen.

So sagte Margit Stein, Erziehungswissenschaftlerin der Universität Vechta und Projektleiterin: „Besonders auffällig ist dabei die Tendenz, verschiedenartige Verhaltensweisen und Aktivitäten der Schülerinnen – oftmals mit religiösem Hintergrund – schnell als Anzeichen islamistischer Radikalisierung zu interpretieren.“ Provokantes Verhalten von muslimischen Schülern könnte also stärker problematisiert werden als gleiches Verhalten von nicht-muslimischen Schülern.

Die Befragten der Studie gaben an, dass es sich vor allem um Konflikte zwischen Schülern verschiedener Religionen oder Glaubensrichtungen handle, etwa zwischen Sunniten und Schiiten, um Konflikte um Religionsauslegung sowie um Gleichberechtigung von Religionen. Mehr als 36 Prozent der Befragten gaben außerdem an, im Schulalltag Herausforderungen im Kontext religiöser Praktiken zu begegnen. Dabei ging es etwa um religiöse Feste und Feiertage, religiös begründetes Fasten oder um mit religiösen Aspekten begründetes Versäumen von Unterricht und Klassenfahrten.

Doch auch mit islamistischem Verhalten seien die Pädagogen in Berührung gekommen. Das bestätigten gut ein Viertel der Befragten. Die Autoren der Studie betonten aber, dass dies keine Rückschlüsse auf tatsächliche Radikalisierungstendenzen zulasse. Es gehe lediglich um die Wahrnehmungen und Deutungen der Pädagogen.

Lehrkräfte und Sozialarbeiter, die selbst muslimischen Glaubens sind, gaben besonders oft an, solche islamistischen Tendenzen vermehrt wahrzunehmen. „Sie sind möglicherweise einerseits stärker für die Themen sensibilisiert“, sagte Mehmet Kart aus dem Fachbereich Soziale Arbeit der IU Bremen und ebenfalls Projektleiter der Studie. „Andererseits werden sie mutmaßlich bei herausfordernden Vorfällen häufig als Beratende hinzugezogen.“

Die Verunsicherung bei den Lehrkräften sei groß, so Stein und Kart. Deswegen sei es wichtig, diese Probleme ernst zu nehmen und den Fachkräften Unterstützung zukommen zu lassen. „Ein sehr hoher Prozentsatz der Befragten gibt an, dass ein Weiterbildungsbedarf besteht und dass man sich Hilfe und Unterstützung bei Konflikten wünscht“, so Stein. „Insgesamt muss noch stärker kommuniziert werden, dass es spezialisierte Fachberatungsstellen auch für Lehrkräfte gibt, wo man sich etwa bei religiösen Konflikten oder Verdachtsfällen von Radikalisierung Hilfe und Beratung holen kann.“

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