Trinkhallen in NRW: Ein Leben im Büdchen

Trinkhallen in NRW : Ein Leben im Büdchen

Trinkhallen gehören zu NRW wie Pommes zur Curry-Wurst. Der Kiosk von Birgit Fuchs in Duisburg ist seit 44 Jahren Treffpunkt im Viertel. Und in Meerbusch steht vielleicht Deutschlands nobelste Trinkhalle. Ein Besuch.

Für Birgit Fuchs beginnt seit 16 Jahren fast jeder Tag mit Brötchenschmieren und Kaffeeaufsetzen. Es ist das Erste, was die 51-Jährige macht, nachdem sie um 6 Uhr ihr Büdchen in Duisburg-Hochfeld aufgeschlossen hat. Belegte Brötchen mit Salami, Käse und Schinken für jeweils 1,50 Euro. Und das Nutella-Brötchen für den Uwe, einen ihrer treusten Stammkunden, der immer um 6.15 Uhr direkt von der Nachtschicht zu ihr kommt. "Dann trinkt der noch sein Tässchen Kaffee dabei, und wir halten ein Schwätzchen", sagt die 51-Jährige, die fast alle, die zu ihr kommen, kennt und duzt. Man sei wie eine große Familie, sagt sie, in der man über alles spreche. "Was ich da manchmal alles so zu hören bekomme, Junge, Junge. Da fragt man sich schon: Wo soll das noch alles hinführen?"

Ob Kiosk, Bude, kleines Büdchen "umme" Ecke, Trinkhalle, Späti oder Spätkauf — für die historisch gewachsenen Verkaufsstellen gibt es viele Bezeichnungen. Trinkhallen wie die von Birgit Fuchs gehören zu Nordrhein-Westfalen wie Pommes zur Curry-Wurst. Besonders im Ruhrgebiet, aber auch im Rheinland können sich viele Menschen ein Leben ohne ihr Büdchen kaum vorstellen. Doch jährlich gibt es weniger dieser Verkaufsstellen. Viele schließen, weil sich das Geschäftsmodell oftmals nicht mehr rechnet.

Seit 16 Jahren keinen Urlaub mehr

Gründe für das Büdchen-Sterben sind vor allem die Supermärkte, die immer länger geöffnet haben, und die Tankstellen, die längst über ein ähnliches Sortiment wie die Büdchen verfügen und zudem auch noch 24 Stunden ihre Waren anbieten. Im Ruhrgebiet soll es Schätzungen zufolge nur noch 8000 Buden geben. Noch Mitte der 90er-Jahre sollen es mindestens doppelt so viele gewesen sein. Längst sind die Zeiten vorbei, als es am Kiosk nur Zeitschriften, Tabakwaren, Alkohol, Kaugummis und die berühmte bunte Tüte mit Süßigkeiten gab. Das Sortiment reicht mittlerweile von Batterien und Tiefkühlpizza bis zum Spargel im Glas.

Auch bei Birgit ist das so. Ihr Kiosk ist seit 44 Jahren Treff- und Anlaufpunkt im Viertel. Eine Institution. Seit sie ihn vor 16 Jahren übernommen hat, habe sie keinen Urlaub gemacht. Nur an einem Wochenende stand sie mal nicht hinterm Tresen. "Da war ich mit meinem Mann Andreas in Berlin. Die Kurzreise hatte ich beim Preisausschreiben in der Zeitung gewonnen."

Ihr Mann hilft oft in der Trinkhalle aus, kümmert sich um die Bücher und den Einkauf. Hauptberuflich arbeitet er als Ingenieur. Seit 16 Jahren verbringt er seine Urlaubstage mit seiner Frau - und das immer im Büdchen. Birgit weiß, dass sie ihm viel zumutet, aber sie wolle ihren Laden nicht zumachen und Aushilfen wolle sie auch keine einstellen, weil man denen heutzutage nicht mehr vertrauen könne. "Damit habe ich nur Ärger gehabt. Ich selbst wurde von einer mal beklaut. Seitdem mache ich das nicht mehr."

Deutschlands wohl nobelste Trinkhalle

Die Geschichte der Trinkhallen beginnt vor gut 150 Jahren im Ruhrgebiet, in der Hochphase der Industrialisierung. Die Wurzeln des Büdchens reichen nach Angaben des Dortmunder Kioskclubs 06 sogar rund 800 Jahre zurück. Damals gab es sie als freistehende Pavillons in Persien, Indien und im Osmanischen Reich. Die Büdchen kamen in Deutschland besonders in Ballungsräumen in Mode. Ihre Blütezeit hatten die Buden im Revier während der 1960er-Jahre. Großfabrikanten versuchten, die Arbeiter dort mit Mineralwasser zu versorgen, um den Alkoholkonsum einzudämmen. Später bauten die Erfrischungsstationen ihr Angebot aus: Hefte, Fahrkarten, Getränke, Süßigkeiten, Spielzeug und Lebensmittel, Hygieneartikel für die Notversorgung.

Reza Milani betreibt in Meerbusch eine Trinkhalle, in der er auch Champagner verkauft. Foto: Dackweiler

Am Kiosk von Reza Milani im vornehmen Meerbusch haben die Kunden eine ganz andere Auswahl. Zum Beispiel Champagner zum Preis von 70 bis 100 Euro die Flasche. Milani betreibt Deutschlands wohl nobelste Trinkhalle, das sogenannte Champagner-Büdchen. Auch Kaviar gibt es bei ihm auf Bestellung. Zu seinen Kunden zählen Reiche und Prominente wie Fußballstars und Schauspieler, die im kleinen Nachbarort von Düsseldorf wohnen. "Die essen bei mir aber auch ganz normal eine Frikadelle oder ein Würstchen", sagt er.

Im Büdchen von Birgit Fuchs geht es tagsüber zu wie in einem Taubenschlag. Ständig kommen und gehen Kunden. Manche bleiben auch. Birgits Mutter Angelika zu Beispiel. Sie isst zu Mittag. Manchmal hilft sie im Laden mit aus. Neben ihr sitzt Frau W., eine der wenigen Stammkunden, die nicht geduzt wird, mit ihrem Hund Mona. Sie kommt immer, nachdem sie aufgestanden ist. Manchmal ist das eben erst mittags. "Hier kann man sich hinsetzen, man sieht Leute, hält ein Schwätzchen. Schön ist das", sagt Frau W.

Dann kommt Werner rein. Er ist einer, der offen seine Meinung sagt. Nicht immer politisch korrekt. "Man muss sagen, wie es ist", sagt Werner. Und meistens ist es nicht gut. Viele, die sich am Büdchen treffen, schimpfen auf die Politiker, weil sie sich von ihnen im Stich gelassen fühlen. Die alteingesessenen Parteien haben es besonders schwer, in einem Viertel mit hoher Arbeitslosenquote und Ausländeranteil wie in Duisburg-Hochfeld noch Wähler zu finden. "Ich wähle jetzt die AfD", sagt Werner. "Die SPD macht nichts mehr für uns kleine Leute. Die können mich mal." Früher sei alles besser gewesen, sagt er. Nirgends hört man diesen Satz so oft wie bei einem Schwätzchen am Büdchen.

(csh)