1. NRW
  2. Panorama

Trauer in der Corona-Pandemie: Die Schicksale hinter den Zahlen sehen

Trauer in Corona-Zeiten : Die Schicksale hinter den Zahlen

Am Sonntag wird bundesweit der Toten gedacht, die bislang nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben sind. Das kann inmitten der Pandemie helfen, nicht zu vergessen, dass es um Menschenleben und individuelle Schicksale geht, sagt der Seelsorger Andreas Paling.

In der Düsseldorfer Uniklinik begleitet Andreas Paling Sterbende und ihre Angehörigen. Er ist dort leitender Pfarrer der katholischen Klinik-Seelsorge. Die Corona-Pandemie beeinflusst seine Arbeit ebenso wie den Umgang der Angehörigen mit ihrer Trauer. „Es hat sich kolossal verändert“, sagt Paling. „Das liegt vor allem an den Kontaktbeschränkungen. Selbst im Sterbefall dürfen nur ein oder zwei Personen einen Patienten besuchen. Die Trauer findet hier in der Klinik nur sehr begrenzt statt.“

Auch außerhalb der Klinik führe die Pandemie in den meisten Fällen dazu, dass nur wenige Angehörige sich persönlich von einem Sterbenden verabschieden können. Auch Beerdigungen stehen unter bestimmten Vorschriften. Das erschwere den Trauerprozess, sagt Paling, „weil Trauer etwas mit Kontakt zu tun hat, mit Berührung.“ Angehörige wollen Sterbenden nah sein, ihnen einen letzten Kuss geben, sie streicheln und somit beruhigen.

Dadurch könne man fassen, was passiert, sagt Paling. Buchstäblich, aber vor allem auch übertragend gemeint. „Man fasst die Trauer. Dadurch kann sie sich lösen.“ Momentan seien solche Berührungen hingegen eingeschränkt. Stattdessen entstehe Distanz, die die Trauer Paling zufolge blockieren kann.

Eine solche Blockade sei aber nicht nur bei Angehörigen von Verstorbenen, sondern in der gesamten Gesellschaft bemerkbar. „Das könnte ein Grund sein, warum man die Zahlen der Corona-Toten irgendwann nicht mehr richtig aufnimmt“, sagt Paling. Viele Menschen würden sie rein als statistische Zahlen sehen und dabei vergessen, dass hinter jeder Zahl ein Verstorbener und eine trauernde Familie stehe. „Insofern ist die Initiative des Bundespräsidenten zum Gedenken der Toten gerechtfertigt“, sagt der Seelsorger. Ein gemeinsames Innehalten könnte seiner Einschätzung nach dabei helfen, sich darauf zu besinnen, dass es in dieser Pandemie um Menschenleben und um individuelle Schicksale geht.

Andererseits könne auch das öffentliche Corona-Gedenken am 18. April nur bedingt bei der Trauer unterstützen. Angesichts der aktuell hohen Fallzahlen findet es nur in begrenztem Rahmen statt. „Die Trauer steht im Fokus, aber sie kann sich nicht artikulieren“, sagt Paling. Am Uniklinikum Düsseldorf war für Sonntag ursprünglich ein Gottesdienst im Freien vorgesehen, um der in der Klinik Verstorbenen zu gedenken. Nun habe man sich dazu entschieden, lediglich einen Online-Gottesdienst durchzuführen und zusätzlich Bilder von Kerzen zu veröffentlichen, die für jeden Verstorbenen aufgestellt werden.

Weitere Formen des gemeinsamen Gedenkens seien zukünftig wichtig, ist sich Paling sicher. „Da braucht es viele individuelle Formen, nicht eine große Veranstaltung allein.“ Wie genau die Verarbeitung der Trauer nach der Pandemie weitergehen könne, sei momentan noch nicht abzusehen.

Wichtig sei jedoch auch jetzt schon, dass man auf Betroffene zugehe und Kontakt mit ihnen aufnehme, so Paling. „Die normale Reaktion im Umgang mit Trauernden ist oft die Flucht. Aber man sollte ihnen die Möglichkeit geben, zu erzählen.“ Das sei inmitten der Pandemie durchaus möglich, wenn auch auf anderen Wegen als üblich – und vielleicht ohne eine stützende Umarmung.