Tornado über Viersen: So häufig ist das Phänomen in Deutschland

Experte über den Sturm am Niederrhein: „Tornados sind bei uns keine Seltenheit“

Dutzende abgedeckte Dächer, ein schwer verletzter Autofahrer und ein verletzter Feuerwehrmann – der Tornado, der am Mittwochabend über den Raum Viersen fegte, hat große Schäden angerichtet. Wir haben mit einem Meteorologen über das Phänomen gesprochen.

In den USA gibt es zwar etwa zehnmal so häufig Tornados wie in Europa, aber trotzdem sind die heftigen Stürme in Deutschland keine Seltenheit: 20 bis 60 Tornados im Jahr werden hierzulande nachgewiesen, wie der Meteorologe Matthias Habel von „Wetter Online“ sagt. Der Tornado am Niederrhein ist mit bis zu 223 Kilometern pro Stunde über die Region hinweggefegt – eine Agrar-Wetterstation bei Viersen hat eine Windböe mit dieser Geschwindigkeit gemessen. „Demnach hatte der Wirbelsturm die Stärke F2 auf der Fujita-Skala“, sagt der Diplom-Geograph.

Theoretisch reicht die Skala zur Einordnung von Tornados bis Stufe 12, aber F5-Tornados mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 500 Kilometern pro Stunde sind die heftigsten, die bislang gemessen wurden. „Und auch die sind selten“, sagt Habel. „In Mecklenburg-Vorpommern gab es aber im Jahr 1764 einen F5-Tornado, der eine riesige Schneise der Verwüstung geschlagen hat, 30 Kilometer lang und ein Kilometer breit war.“ Dass eine Wetterstation den Sturm am Mittwoch gemessen hat, ist purer Zufall. Normalerweise wird die Stärke eines Tornados erst am Tag danach über die Analyse der Schäden festgelegt, ob etwa Bäume entwurzelt wurden oder Züge entgleist sind.

„Es gibt keine Mini-Tornados“

Tornados gibt es seit vielen tausend Jahren, wie Habel sagt. „Bis vor 15 Jahren tauchten sie in den Medien aber relativ selten auf.“ Das hat vor allem damit zu tun, dass ein Tornado oft nur wenige Minuten dauert – und oft nur drei oder vier Dörfer betroffen sind, der Sturm also sehr lokal begrenzt ist. „Vor allem hat die veränderte Wahrnehmung aber mit den Dokumentationsmöglichkeiten der heutigen Zeit zu tun“, sagt Habel. Jeder hat ein Smartphone, mit dem er draufhalten und filmen kann.

Dass in Deutschland oft von Mini-Tornados gesprochen wird, ist falsch, wie Habel sagt. „Die gibt es nicht. Alle Tornados sind in ihrer Entstehung und Stärke absolut vergleichbar mit den Extrem-Stürmen, die in den USA entstehen“, sagt der 38-Jährige. „Deshalb ist es sehr gefährlich, sich in der Nähe des Sturms aufzuhalten – oder vom Auto aus zu filmen.“ Im Netz sind einige eindrückliche Videos von Autofahrern aufgetaucht, die den Tornado mit ihrem Handy gefilmt haben. „Ab einer Stufe von F3 wäre das Auto vom Boden abgehoben. Besser ist es, auszusteigen und sich in einen Graben zu legen.“ In den USA sind vor einigen Jahren mehrere Sturm-Filmer ums Leben gekommen, weil der Tornado sie in ihrem Auto durch die Luft geschleudert hat.

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Grundsätzlich rät er, sich von Fenstern fernzuhalten und am besten in den Keller zu begeben, bis der Tornado vorübergezogen ist. „Das Gefährliche ist, dass bei derart hohen Windgeschwindigkeiten etwa Dachziegel zu Geschossen werden können.“ Er ist davon überzeugt, dass es irgendwann auch wieder eine Großstadt treffen wird, so wie Pforzheim 1968. Damals zog ein Tornado der Stärke F4, also mit bis zu Tempo 418, über die Stadt hinweg, zwei Menschen kamen ums Leben – und in der Stadt blieb kaum ein Stein auf dem anderen. „Dort sah es aus wie nach dem Krieg“, sagt Habel.

Die Vorhersage ist schwierig

Ganz exakt vorhersagen können Wetterexperten einen Tornado nur wenige Minuten, bevor es richtig losgeht. „Wir haben am Mittwoch zwar frühzeitig vor Gewittern gewarnt, einige Parameter haben auch darauf hingedeutet, dass ein Tornado möglich ist – aber man kann nicht sagen, ob das Gewitter die Windhose über Köln, Düsseldorf oder Viersen produziert, das geht tatsächlich erst im Beginn, dann kann man sagen, in welche Richtung der Tornado sich entwickelt“, sagt Habel.

Tornados treten in der Regel in Verbindung mit einem sogenannten Superzellen-Gewitter auf. Durch unterschiedliche Winde in verschiedenen Höhen beginnt sich diese Gewitterwolke zu drehen. Im Bereich dieser Wolke kann sich ein schnell rotierender, enger Luftwirbel bilden. Wenn dieser den Boden erreicht, spricht man von einem Tornado. Die Stürme können einen Durchmesser von wenigen Metern bis zu mehreren Kilometern haben.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So sehen die Verwüstungen durch den Tornado aus der Luft aus

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