1. NRW
  2. Panorama

Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder: "Krefelder Zoo hat nichts aus dem Brand gelernt"

Tierschutzbund-Chef im Interview : „Der Krefelder Zoo hat nichts aus dem Brand gelernt“

Ein Jahr nach dem Brand im Krefelder Affenhaus zieht Deutschlands oberster Tierschützer Bilanz: Lehren aus dem tragischen Unglück habe niemand gezogen, sagt Thomas Schröder, Chef des Tierschutzbundes. Kritik übt er auch an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Ist die Sorge um das Wohl der Tiere im Corona-Jahr in den Hintergrund gerückt?

Thomas Schröder Das glaube ich so nicht. Corona hat viele Tierschutz-Probleme auf den Tisch gelegt, so dass keiner mehr sagen kann, er hätte es nicht gewusst.

Gab es als Nebeneffekt auch positive Auswirkungen - zum Beispiel die durch den Tönnies-Skandal ausgelösten Diskussionen über Schlachthöfe?

Schröder Das meinte ich. Allerdings ist das keine Tönnies-Frage, sondern eine System-Frage. Denn es gibt ja auch andere Schlachthöfe, in denen wir die gleichen Herausforderungen haben. Tönnies ist nur einer der größten, aber die Probleme sind überall vorhanden.

Hätte es in dem Zusammenhang auch neue Regelungen für den Tierschutz geben müssen?

Schröder Der Tierschutz liegt ja in der Zuständigkeit der Landwirtschaftsministerin. Ich sage mal, wir haben in diesem Jahr in Deutschland keine Bundes-Tierschutzministerin gehabt. Frau Klöckner hat Tierschutz-Fragen ignoriert, sie hat das abgeschoben in den Arbeitsschutz-Bereich. Die Zustände im Schlachthof, die Akkord-Schlachtung, die mangelhafte Überwachung der Tiere: Alles kein Thema für die Ministerin, Ordnungsrecht anzupacken.

  • Fotos : Der schwärzeste Tag der Krefelder Zoo Geschichte
  • Feuerwehrleute stehen nach Löscharbeiten vor dem
    Brandkatastrophe im Krefelder Zoo : Ein Jahr danach
  • Michael Willemse lässt sich von Heike
    Spende für Notfelle Niederrhein : Kameras und Käfig für mehr Tierschutz

Was fordern Sie?

Schröder Es muss endlich deutlich werden, dass wir ein agrarindustrielles System aufgebaut haben, das vor die Wand gefahren ist. Sobald ein Teil der Kette wegbricht, bricht das ganze System zusammen. Wir haben den Schweinestau in den Ställen, was Tierschutzprobleme produziert, und wir haben diese Probleme in der Schlachtung und Verarbeitung. Wir müssen weg von immer größer, immer intensiver, hin zu mehr Regionalität, die mit Tierschutz verbunden werden muss.

Radikale Tierschützer fordern, auf Fleisch zu verzichten. Wie sehen Sie das?

Schröder Es gehört zur ehrlichen Debatte, zu erkennen, dass wir niemals über mehr Tierschutz in den Ställen reden können, wenn wir den Fleischkonsum und die -produktion hochhalten. Weil das System dem Globalisierungsdruck ausgesetzt ist, den deutsche Landwirte, auch europäische, nie gewinnen können. Aber mit diesem Irrglauben, die Welt von Europa aus ernähren zu wollen, wird immer weiter versucht, immer mehr aus dem Tier herauszuholen.

Wie halten Sie es persönlich mit dem Fleischkonsum?

Schröder Ich verzichte, weil ich meine, man kann sich auch ohne Fleisch ganz wunderbar ernähren. Ich bin aber kein Kühlschrank-Diktator, jeder muss das für sich entscheiden. Jeder muss wissen, wenn er Fleisch isst, welche Folgen das haben kann.

Würden höhere Preise an der Situation etwas ändern?

Schröder Die Debatte, die auch Frau Klöckner dazu geführt hat, finde ich absolut schräg. Höhere Preise allein erhöhen nur die Wertschöpfung des Handels. Mit dem Mehrpreis müssen auch Tierschutzverbesserungen verbunden werden, sonst ist nichts gewonnen.

Gehört dazu auch eine Bewusstseinsveränderung in der Bevölkerung?

Schröder Es gibt so einige Hebel, die wir umschalten müssen. Höhere Preise würden sicher einen geringeren Konsum auslösen, aber das heißt noch nicht, dass es für die Tiere besser wird. Wir brauchen ein verändertes Ernährungsverhalten der Menschen genauso wie strengere Vorgaben an Zucht, Tierhaltung, Transport und Schlachtung.

Schon bei der Tierliebe gibt es aber eine große Diskrepanz: Einerseits werden Hühner im Garten gehalten, auf der anderen Seite wird Massentierhaltung toleriert.

Schröder Da hat die Gesellschaft sich bewegt in den vergangenen zehn, 20 Jahren. Natürlich kann jeder mit seinem privaten Verhalten dazu beitragen. Ich sage es mal zugespitzt: Wenn ein Hundewelpe durchaus 2000 Euro kosten darf, aber ein Ferkel gerade mal 40 Euro kostet, dann haben wir eine Diskrepanz, ganz klar. Da passt etwas nicht zusammen. Aber – und das ist die Grundkritik an Frau Klöckner – nur der Verbraucher alleine kann nicht mangelndes Ordnungsrecht korrigieren. Es braucht erst einmal einen vernünftigen politischen Rahmen, dann kann der Verbraucher auch mitwirken, etwas zu verändern. Da tut Frau Klöckner nichts.

Die Tierheime melden weniger ausgesetzte Hunde und Katzen. Ist das ein Corona-Effekt?

Schröder Möglicherweise. Das mag daran liegen, dass Familien jetzt mehr Ruhe haben in diesen Tagen, sich um die Tiere zu kümmern. Wir merken auch, dass die Vermittlungen in den Tierheimen gut gelaufen sind. Leider verbleiben die Tierheime in finanzieller Not, und die Angst ist, dass sich die Probleme nur ins nächste Jahr verschieben.

Werden Tiere gerade wichtiger, weil sie menschliche Begegnungen ersetzen müssen?

Schröder Tiere sind immer schon wichtig gewesen für Menschen, besonders für die, die alleine sind. Sie helfen aus der Isolation, sie bringen Bewegung. Das ist jetzt besonders wichtig. Wir dürfen aber nicht die Vermenschlichung der Tiere anstreben, sie sind kein Ersatz für Lebenspartner.

Was geschieht mit den Tieren nach der Pandemie?

Schröder Bei Hunden und Katzen befürchte ich nicht die große Abgabe-Welle, eher bei Kleintieren. Die wurden oft angeschafft, um die Kinder während der Corona-Zeit zu beschäftigen. Das werden wir spüren, wenn der Alltag wieder beginnt. Ich hoffe aber, dass wir davor bewahrt bleiben. Schlimmer finde ich, dass die hohe Nachfrage nach Tieren auch zu einem Boom beim illegalen Welpenhandel geführt hat. Diese Tiere, die oft aus tierschutzwidrigen Zuchtfabriken in Osteuropa kommen, sind meist krank, was in der Folge hohe Tierarztkosten mit sich bringt. Das kann auch dazu führen, dass viele Besitzer sie wieder loswerden wollen.

Wie kann man diesen illegalen, internationalen Handel besser bekämpfen?

Schröder Leider hat das europäische Parlament das Thema Haustiere nicht auf der Tagesordnung. Das ist ein politischer Mangel im Moment. Entscheidend ist, dass wir die Beschaffungskanäle schließen, also Ebay, alle Kleintieranzeigen, in denen anonym ein Tier bestellt werden kann. Das muss alles verboten werden. Ein Lebendtierhandel mit Blick auf Profit und Geschäft, der darf übers Internet nicht stattfinden. Da hätten wir schon mal eine Quelle des Missbrauchs geschlossen.

Hat der Brand im Affenhaus des Krefelder Zoos vor rund einem Jahr dazu geführt, über das Schicksal der Zootiere mehr nachzudenken?

Schröder Nur in den ersten Tagen der Aufregung. Natürlich war das tragisch für alle Beteiligten. Aber der Zoo hat nichts daraus gelernt. Sofort am nächsten Tag wurde erklärt, das Affenhaus neu aufzubauen. Zoos haben ihre Berechtigung, unter einer Voraussetzung: Dass Tiere auch unter artgerechten Bedingungen gehalten werden. Damit sind Menschenaffen und Gorillas ausgeschlossen.

In Zirkussen dürfen Wildtiere bald nicht mehr gehalten werden. Würden Sie das auch auf Zoos übertragen?

Schröder Wir haben Wildtierverbote für Zirkusse immer gefordert. Frau Klöckner hat das zwar groß angekündigt, aber das war eine Ankündigung ohne Folgen. Sie hat nur ein Nachstellgebot erlassen. Das heißt, ein Zirkus darf keine neuen Tiere anschaffen, und die Großkatzen sind ausgeklammert. Die sind aber das größte Problem. Deshalb müssen wir darum kämpfen, ein weitgehendes Wildtierverbot für Zirkusse zu bekommen. Frau Klöckner will sich durchmogeln, aber das werden wir im nächsten Jahr zu verhindern wissen.

Sollte das Krefelder Affenhaus wieder aufgebaut werden?

Schröder Ein klares Nein. Ein Affenhaus in der bisherigen Form braucht es nicht. Diese Affen gehören nicht in menschliche Hände, sondern in die Wildnis. Es ist besser, wenn ein Zoo schon Millionen Euro investiert, dann bitte in Artenschutzmaßnahmen dort, wo die Tiere leben.

Lehnen Sie Zoos grundsätzlich ab?

Schröder Zoos haben ihre Berechtigung, aber die Tiere müssen artgerecht untergebracht werden. Und das schließt eben bestimmte Arten aus. Artenschutz ist für die Zoos oft nur eine Krücke, um Schautiere zu halten, und auch, um ein gutes Gewissen zu suggerieren, wenn schon Tiere in oft enger Gefangenschaft gehalten werden.

Der Tierschutzbund engagiert sich vielfach. Dazu gehört auch die Tönnies-Forschung, eine Gesellschaft, in der der Tierschutz in der Nutztierhaltung gefördert werden soll - bezahlt vom Tönnies-Konzern. Was hat es mit diesem Engagement auf sich?

Schröder Dabei geht es um Fragen des Tierschutzes, in diesem Fall finanziert durch Tönnies. Da versuchen wir daran mitzuwirken, dass das, was erforscht wird, auch dem Tierschutz dient und nicht einem Nutzen, der den Tieren schadet. Das Engagement ist deshalb berechtigt, auch wenn die Kritik völlig klar ist.

Überdenken Sie Ihr Engagement wegen des Skandals?

Schröder Wir überdenken jedes Engagement jeden Tag. Auch bei Tönnies haben wir uns immer wieder gefragt: Lohnt es sich? Aber wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir auch mit denen ins Gespräch kommen, die die Tiere nutzen. Die Periode für die wissenschaftliche Beratung durch eine Mitarbeiterin des Deutschen Tierschutzbundes im Kuratorium der Tönnies Forschung läuft im Frühjahr 2021 aus, wir werden das auch nicht fortsetzen.

Eine persönliche Frage: Was ist ihr Lieblingstier?

Schröder Mein Hund Bärli. Ein Pudel-Mischling aus dem Tierheim. Dieser Hund hat mich bei einem Besuch emotional gepackt.

Sind Sie froh darüber, dass an Silvester weniger geknallt wird und Tiere weniger leiden?

Schröder Ich hoffe, dass das Feuerwerksverbot den Tieren einen stressfreieren Jahresübergang beschert. Das könnte bei aller Tragik durch Corona für die Tiere wenigstens ein Gutes haben.

Würden Sie daraus ein generelles Feuerwerksverbot ableiten?

Schröder Das haben wir immer schon gefordert. Es braucht kein Feuerwerk, um das Jahr zu beginnen, da kann man auch Sektkorken knallen lassen.