NRW: Tierheime kämpfen ums Überleben

NRW: Tierheime kämpfen ums Überleben

Vielen Tierheimen in NRW geht das Geld aus. Die Betreuung der Tiere durch die Tierschutzvereine wird teurer, die Höhe der Spenden geringer. Zudem steigt die Zahl gefundener und sichergestellter Tiere.

Die Situation der Tierschutzvereine ist so prekär wie undurchsichtig. Zwar regelt der Gesetzgeber, dass die Verantwortung für Fundtiere bei den Kommunen liegt, doch die meisten Städte beauftragen Tierschutzvereine mit der Betreuung und Vermittlung. Das Resultat: Städte und Vereine feilschen um die Definition Fundtier, zudem gibt es kein einheitliches Abrechnungsmodell. "Die Leidtragenden sind die Vereine", sagt Schröder. "Die Kommunen versuchen, sich billig rauszukaufen. Das ist emotionale Erpressung." Denn die meisten Vereine setzen sich kaum zur Wehr - schließlich gehe es um Lebewesen.

Laut Schröder ist jedes Tier, das im Tierheim landet, ein potenzielles Fundtier. "Würde es der Verein nicht aufnehmen, würde es wohl ausgesetzt werden." Das sehen die Städte anders. "Die sagen, ein Kleintier kann nicht aus dem Käfig ausbüxen, Katzen leben ohnehin draußen, und Hunde haben immer einen Besitzer, von dem sich das Tierheim die Kosten erstatten lassen soll", sagt Schröder. Nach der Definition gebe es keine Fundtiere - und keinen Anspruch auf Geld.

In Krefeld hat man sich zur Wehr gesetzt. "Bei uns waren die Kassen lange gut gefüllt", berichtet Dietmar Beckmann, ehemaliger Leiter des Tierheims und Sprecher des Vorstands. "Vor drei Jahren haben wir gemerkt, dass unser Polster immer dünner wurde. Da haben wir die Reißleine gezogen." Der Verein forderte die Stadt auf, eine angemessene Summe für die erbrachte Leistung zu zahlen - und war erst nach jahrelangem Streit erfolgreich. "Die Situation wird sich zuspitzen. Wenn die Vereine überleben wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als wie wir auf die Barrikaden zu gehen."

Zunächst müsse es einheitliche Abrechnungsmodelle geben, sagt Lutz Kaczmarsch, Leiter des Tierheims Bocholt: "Manche Vereine bekommen eine Pauschale pro Fundtier, manche pro Einwohner, andere eine Jahrespauschale." Kostendeckend sei keines dieser Modelle. So zahlt die Stadt Duisburg dem Verein, der das städtische Tierheim betreibt, eine Pauschale pro Fundtier für die ersten sieben Tage. In Duisburg klappt das ganz gut, sagt Monika Lange, da ihr Verein keine Grundstückskosten tragen muss und die Vermittlungsgebühr bekommt. "Das Problem ist, dass das Vermittlungsrisiko nach den sieben Tagen auf uns übergeht. Das kann bei jungen attraktiven Tieren zu einem Überschuss führen, bei alten und kranken Tieren zu einer Unterdeckung", sagt Lange.

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So dürfe es nicht weitergehen, sagt Beckmann. "Per Fundrecht ist festgelegt, dass nach sechs Monaten ein Fundgegenstand - und das sind Tiere per Gesetz - in den Besitz des Finders übergeht. Das ist die Stadt, wenn der eigentliche Finder sein Fundrecht an diese überträgt, indem er das Tier abgibt." Demnach müssten die Städte für Fundtiere aufkommen, bis diese vermittelt sind. "Der Bürger bezahlt über die Steuer das deutsche Fundrecht, also müssen die Städte 100 Prozent der Kosten zahlen."

Eine weitere Aufgabe, die die Städte an die Vereine übertragen, ist die Betreuung sichergestellter Tiere. "Das Ordnungsamt beschlagnahmt immer mehr Tiere", sagt Gerd Gröne-Gormann, Tierschutzverein Mönchengladbach, weil die Tiere aus finanzieller Not schlecht versorgt oder die Vorgaben für Listenhunde nicht erfüllt werden. "Die Vereine werden zum Ausputzer des staatlichen Versagens", meint Schröder. In Mönchengladbach wurde der Hilfeschrei des Tierschutzvereines erhört: Die Gelder wurden um 50 Prozent aufgestockt.

Nötig ist auch eine Anpassung aufgrund der Einführung des Mindestlohns. Dadurch erhöhen sich nicht nur die Personalkosten. "Tierärzte und Handwerker werden teurer. Wir rechnen mit Mehrkosten von etwa 20 Prozent", sagt Schröder. Die Vereine müssten mehr für ihre Rechte tun, so Beckmann: "Sie müssen auflisten, was die Tiere sie kosten, und die Kommunen damit konfrontieren." Beim Krefelder Verein haben sich Leidensgenossen gemeldet, die beraten werden wollen. Auch der Tierschutzbund wird rabiater: "Wir diskutieren, den Vereinen pauschal zu raten, die Verträge mit den Städten zu kündigen", sagt Schröder.

Würde das geschehen, müssten die Städte selbst für gefundene und sichergestellte Tiere aufkommen - und zwar zu 100 Prozent.

(RP)