EU-Gesetz reglementiert Tätowierungen Schwere Zeiten für Tattoo-Studios ab Januar

Düsseldorf · Wegen einer neuen EU-Verordnung dürfen die meisten Tätowierfarben ab 4. Januar nicht mehr verwendet werden. Ersatz gibt es bislang nur bedingt, dazu soll die Regelung in einem Jahr weiter verschärft werden.

 Andreas Fraunhofer muss künftig in seinem Tattoostudio wegen einer EU-Verordnung auf bunte Farben verzichten.

Andreas Fraunhofer muss künftig in seinem Tattoostudio wegen einer EU-Verordnung auf bunte Farben verzichten.

Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (ilg)

Für Tattoo-Künstler könnte vorübergehend das Schwarz-Weiß-Zeitalter anbrechen. Fast die gesamte Palette der momentan gebräuchlichen Tätowierfarben steht ab Januar auf der Kippe, es bleiben dann vorerst nur noch Schwarz, Weiß und einige Grautöne. Entsprechend angespannt ist die Stimmung in der Branche, für viele Studios könnte die Regelung sogar das Aus bedeuten. „Ich neige nicht zu Alarmismus“, sagt Urban Slamal, Rechtsanwalt in Düsseldorf und Vorsitzender des Bundesverbands Tattoo e.V., „aber die Lage ist dramatisch. „Tätowierer können ihre alten Farben mit dem Start ins neue Jahr in einen Müllsack packen und entsorgen.“ 

 Dafür ist Andreas Fraunhofer das Material zu wertvoll. Der Inhaber des Tätowierstudios Buntland-Ink in Mönchengladbach will seine alten Farben zu anderen künstlerischen Zwecken benutzen. Denn privat ist der Besitz weiter gestattet, nur Gewerbetreibende dürfen die Farben nicht mehr verarbeiten. Fraunhofer hat sich für sein Studio mit Schwarz-, Weiß- und Grautönen eingedeckt und dazu mit Farben von Herstellern, die zwar nach neuen EU-Vorgaben produziert sind, deren schriftliche Zertifizierung aber noch nicht vorliegt. Die werde aber im Januar mit dem Start der neuen Verordnung bestimmt kommen, ist Fraunhofer optimistisch. Natürlich bestehe die Gefahr, dass sich in so einer Situation ein Schwarzmarkt entwickele – und damit die Absichten der Gesetzgeber konterkariere. 

 Ursache für das Dilemma ist die sogenannte Reach-Verordnung, mit der ab 4. Januar 2022 in der gesamten Europäischen Union etwa 4000 Substanzen für Kosmetika aus dem Verkehr gezogen werden. Reach steht für Registrierung, Evaluierung, Autorisierung und Restriktion von Chemikalien. Es geht laut der Europäischen Chemikalienagentur Echa darum, dass Inhaltsstoffe wie etwa Bindemittel möglicherweise Allergien auslösen könnten oder vielleicht krebserregend sind. Diese Regelung wurde von Kosmetika auch auf Tätowierfarben ausgeweitet – zu Unrecht, sagt Slamal. „Evidenzbasiert ist davon so gut wie gar nichts“, erläutert der Anwalt. Fraunhofer führt an, dass bei bislang 50 bis 55 Millionen Tätowierten in Europa (einmal oder öfter tätowiert) nur 1000 Fälle bekannt sind, bei denen es zu temporären Reaktionen gekommen sei – und dabei seien nicht einmal die Rahmenbedingungen dieser Tattoos geklärt. Grundsätzlich sei der Qualitätsstandard der Farben extrem hoch. Fraunhofer sagt: „In meinem Studio haben wir seit 2004 nicht eine Reaktion nach einer Tätowierung beobachten können.“

 Denn was für Kosmetika gelte, lasse sich nicht einfach auf Tätowierfarben übertragen, sagt Slamal. Wenn eine Substanz beispielsweise die Augen reize, sei das für das Einbringen in die Haut nicht relevant. „Es fehlen Studien, die das belegen“, sagt Slamal. Ausschlaggebend für das Verbot sei nur die Vermutung gewesen, dass sich die Ingredienzien negativ auswirken könnten. Kunden sei das ohnehin schwer zu vermitteln, erklärt Fraunhofer, weil diese ja vorab einwilligten, eine Verletzung unter hygienischen Bedingungen zuzulassen. „Gesund ist eine Tätowierung niemals“, sagt Fraunhofer. Unter diesem Gesichtspunkt sei die Regelung etwas widersinnig. 

 In der Tattoo-Szene herrscht wegen der ungewissen Zukunft große Unruhe, sagt Slamal. Viele Studios seien schon von der Corona-Krise und den damit verbundenen Lockdowns finanziell schwer gebeutelt. Nun drohe bereits der nächste Engpass, der Kunden dazu verleiten könnte, erstmal abzuwarten. Fraunhofer aber bleibt optimistisch, setzt auf die Hersteller, die nach seiner Einschätzung qualitativ hochwertige, aber eben noch nicht zertifizierte Alternativen anbieten. Seine Auftragsbücher für das nächste halbe Jahr seien voll, der Betrieb gehe nahtlos weiter. Das Interesse an Tattoos nimmt seit Jahren zu. Jeder fünfte Deutsche hat sich schon ein Tattoo stechen lassen, besagt eine Umfrage des Ipsos-Instituts von 2019.

 Dominiert wird der Markt der Tätowierfarben von Produzenten aus den USA. Dort warte man aber offenbar ab, wie sich die rechtliche Lage in Europa entwickelt, sagt Slamal. Denn es droht noch größeres Ungemach für die Branche. Während Slamal die heraufziehende Krise noch als mittelfristig lösbar ansieht, verlangt die Reach-Verordnung, dass ab 2023 ein spezielles Grün- sowie ein Blau-Pigment von der Liste der Tätowierfarben gestrichen werden. Grün sei vielleicht ersetzbar, das Blau aber einzigartig und durch nichts zu substituieren. „Ohne Blau gibt es ein ziemliches Problem“, sagt Slamal. Mischtöne seien dann kaum noch möglich, ohne Grün und Blau fielen 50 bis 67 Prozent des gesamten Farbspektrums weg. Dabei sei das Blau-Pigment in der Praxis völlig unauffällig. Slamal: „Allergien treten oft bei Rottönen auf, selten bei Schwarz, und bei Blau überhaupt nicht.“ 

 Fraunhofer sieht die Gefahr, dass durch die Verordnung Teile der Tätowierbranche sozusagen in den Untergrund gedrängt würden und hinter verschlossenen Türen weiterarbeiten. Dies könne aber weder im Sinne von mehr Transparenz noch höchsten Gesundheitsstandards sein. Für sich selbst und seinen Betrieb schließt er das aus, hofft lieber auf ein Einlenken des Europäischen Parlaments. Mehrere Initiativen versuchen derzeit, die Reach-Verordnung zu entschärfen. Den meisten Erfolg verspreche laut Slamal dabei die österreichische Initiative „Save The Pigments“, die bereits 180.000 Unterstützer habe und in Brüssel noch in Verhandlungen stehe. Slamal wünscht sich, dass zumindest die Pigmente Grün und Blau über 2023 hinaus erhalten bleiben. Was die Regelung mit den anderen Farben ab Januar betreffe, da sei nichts mehr zu machen. Slamal: „Das ist schon bitter genug.“ 

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