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Tafeln in NRW: Der Andrang wird immer größer

Ehrenamtliche am Anschlag : Andrang bei den Tafeln wird immer größer

Der Andrang bei den Tafeln im Land wird immer größer. Auch Studenten und Geringverdiener sind zunehmend auf die günstigen Lebensmittel angewiesen. Vom Staat fühlen sich die Organisatoren im Stich gelassen.

In dem kleinen Laden der Tafel stapeln sich die Lebensmittelkisten: Salat, Brot, Milch, Gemüse, Bananen, Mandarinen, Schokolade, Aufschnitt - Nahrungsmittel, die eigentlich im Müll landen würden, weil sie gerade abgelaufen sind oder nicht so schön aussehen. Die Zahl der Menschen in NRW, die froh sind über solche Lebensmittel, wird immer größer. "Wir haben im vergangenen Jahr rund ein Drittel mehr Bedürftige gehabt", sagt Wolfgang Weilerswist, der Landesvorsitzende der NRW-Tafeln. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tafel bringt das oft an ihre Grenzen.

In Wilnsdorf im Siegerland sind es an diesem Tag 50 Menschen, die mit Tragetüten und Einkaufstrolleys zur Ausgabestelle gekommen sind. Ein Vater von fünf Kindern packt mit Hilfe seines Sohnes drei Taschen randvoll. Der Mann ist vor eineinhalb Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen, eine feste Arbeit hat er noch nicht.

Alleinerziehende, Studenten, Senioren, Flüchtlinge

Unter anderem wegen der vielen Flüchtlinge wurde die Ausgabestelle in Wilnsdorf vor gut einem Jahr eingerichtet. 200 Menschen sind hier inzwischen registriert, die Anspruch haben auf das Tafel-Angebot. "Längst sind das nicht nur Geflüchtete", sagt Marianne Lottmann vom Ökumenischen Netzwerk, das die Ausgabe organisiert. "Es kommen auch Alleinerziehende, Studenten und Senioren, deren Rente nicht ausreicht." Die Ausgabestelle in Wilnsdorf ist eine von knapp 20 der Siegener Tafel. Die wiederum gehört zum Netz der inzwischen 170 Tafeln in ganz NRW.

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"Der Bedarf ist unverändert hoch", sagt auch Michaela Hofmann, Geschäftsführerin im Arbeitsausschuss Armut der Freien Wohlfahrtspflege. Dort beobachtet man das anwachsende und sich verdichtende Tafel-Netz allerdings auch mit Sorge - denn eigentlich müsste der Staat ein Existenzminimum der Menschen sichern, betont Hofmann. "Und das wird nicht erfüllt. Wenn dem so wäre, bräuchte man in der Form und Masse die Tafeln nicht."

Auch die Kölner Tafel sieht sich eigentlich lieber in der Unterstützer-Rolle und will kein Vollversorger sein. Doch der Bedarf steigt, die Tafel ist auch in der Domstadt auf der Suche nach neuen Partnern für Ausgabestellen. "2016 ist eine in Chorweiler dazugekommen, wir können Kalk bald wiedereröffnen. Longerich kommt Anfang 2017 dazu, und auch in Weiden müssen wir dringend was tun", sagt Karin Fürhaupter, Vorsitzende der Kölner Tafel.

Verteilerzentren erleichtern die Arbeit

Auf der logistischen Ebene professionalisieren sich die Tafeln. Landesweit sollen große Lager und Verteilzentren entstehen - ein erstes gibt es bereits in Köln. "Dann können wir auch die Kühlketten besser einhalten. Je besser wir das können, mit umso mehr Firmen können wir zusammenarbeiten", sagt Weilerswist. So könne man den wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln auffangen.

Karin Fürhaupter sieht noch ein anderes Problem. "Die Mitarbeiter in den Ausgabestellen ächzen. Sie arbeiten am Anschlag. Manche Ausgaben führen schon gar keine Warteliste mehr, weil sie den Menschen keine falschen Hoffnungen machen wollen."

Nach einer Stunde sind auch in Wilnsdorf die Lebensmittel fast komplett verteilt. Eine Frau bringt zum zweiten Mal Tüten zu ihrem Wagen. Sie holt Lebensmittel für eine Bekannte ab. Die Frisörin arbeite während der Ausgabezeiten - aber ihr Verdienst reiche nicht aus. Die Ehrenamtlichen packen zusammen und übergeben den Laden seiner zweiten Bestimmung. Als Verkaufsstelle von Second-Hand-Kleidung für Menschen mit keinem oder geringem Einkommen.

(lsa/lnw)