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Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: So lebt es sich in Nordrhein-Westfalen

Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung : So gut (und so schlecht) leben die Nordrhein-Westfalen

Wo in Deutschland lässt es sich gut leben – und wo nicht? Dieser Frage geht eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nach. Diese zeigt: Auch in den Boomstädten Düsseldorf und Köln gibt es Probleme.

Großstädte wie Köln oder Düsseldorf gehören zwar zu den Regionen, in denen es sich der Studie zufolge am besten leben lässt. Auch diese haben jedoch Probleme, zum Beispiel die steigenden Mieten. Gut für Nordrhein-Westfalen: Keiner der Kreise oder kreisfreien Städte im Land gehört demnach zu den strukturschwächsten Gegenden in Deutschland. Die auf NRW heruntergebrochenen Zahlen zeigen, dass es sich in vielen Regionen ziemlich durchschnittlich lebt, besonders gut oder verhältnismäßig schlecht nur in wenigen Städten und Kreisen.

Für den Disparitätenbericht 2019 haben Experten des Dortmunder Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung alle 402 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland untersucht. Im Zentrum der am Dienstag veröffentlichten Studie steht die Frage, wie ungleich Deutschland ist. Das machen die Autoren an verschiedenen Kriterien wie Einkommen, Altersarmut, Mieten und kommunalen Investitionen fest. Das Ergebnis ist eindeutig: „Während einige Regionen boomen, laufen andere Gefahr, langfristig abgehängt zu werden“, schreiben sie im Vorwort.

Die Studie teilt Deutschland in fünf Raumtypen ein:

  • Dynamische Groß und Mittelstädte mit guten Verdienstmöglichkeiten und hervorragender Infrastruktur (in NRW beispielsweise Düsseldorf, Köln, Bonn und Münster)
  • Starkes (Um-) Land mit geringer Armutsgefährdung und Schuldenlast, aber infrastrukturellen Problemen etwa beim Breitbandausbau (in NRW ausschließlich der Rheinisch-Bergische Kreis)
  • Deutschlands solide Mitte mit durchschnittlicher Lebensqualität (viele NRW-Kreise wie Mettmann, Wesel, Viersen, Kleve und der Rhein-Kreis Neuss)
  • Städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel mit niedrigerer Lebenserwartung und hohen kommunalen Schulden (in NRW zum Beispiel Mönchengladbach und viele Städte des Ruhrgebiets wie Gelsenkirchen und Oberhausen)
  • Ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise mit niedrigen Gehältern und schlechter Infrastruktur (diese befinden sich ausschließlich in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands)

Für ihre Untersuchung haben die Autoren 20 verschiedene Kriterien in den 402 Kreisen und kreisfreien Städten unter die Lupe genommen. Am besten lebt es sich demnach in den dynamischen Großstädten und ihren Speckgürteln, vergleichsweise schlecht in den Städten und Regionen mit dauerhaften strukturellen Problemen. Doch die vielen Kriterien sorgen auch für eine Differenzierung dieser schlichten Schlussfolgerung. In den Großstädten etwa wächst durch hohe Mieten und Lebenshaltungskosten der Druck auf die Mittelschicht. Die Folge: Verhältnismäßig viele ältere Menschen leben in Armut. Im sogenannten starken (Um-)Land verdienen die Menschen zwar am meisten, dafür ist die Infrastruktur häufig ausbaufähig. Das betrifft zum Beispiel den Breitbandausbau und die hausärztliche Versorgung.

Eine gute Nachricht für NRW: Der Studie zufolge gehören weder Städte noch Kreise im Land zu den Regionen, die sich in einer dauerhaften Strukturkrise befinden. Diese finden sich ausnahmslos in ländlichen Regionen Ostdeutschlands, etwa in Rostock, Stendal und im Erzgebirgskreis. Zudem gehören gleich sieben Städte zu den dynamischen Regionen: wenig überraschend Köln, Düsseldorf, Bonn und Münster, aber auch Krefeld, Leverkusen und die Städteregion Aachen. Viele Kreise wie Wesel, Viersen, Kleve, Mettmann und der Rhein-Kreis Neuss sind außerdem der soliden Mitte zuzurechnen.

Allerdings leben auch rund 3,7 Millionen Menschen in einer strukturschwachen Region, vor allem im von der Altindustrie geprägten Ruhrgebiet. Und der Rheinisch-Bergische Kreis ist der Studie zufolge der einzige, der zum starken (Um-)Land zu zählen ist. Die politischen Forderungen der Autoren, etwa nach finanzieller Stärkung der Kommunen und deren Verwaltungsstrukturen, lassen sich damit auch auf NRW übertragen: „Ohne leistungsstarke Kommunen in allen Regionen Deutschlands sind gleichwerte Lebensverhältnisse nicht zu erreichen.“

Was die Studie über NRW aussagt – ausgewählte Zahlen

  • Der Anteil hochqualifizierter Beschäftiger ist in NRW sehr ungleich verteilt, zwischen 8 Prozent in Gelsenkirchen (auch deutschlandweit einer der niedrigsten Werte) und Bonn mit 34,3 Prozent. Düsseldorf und Münster kommen ebenfalls auf Werte über 30 Prozent. Auffällig: Bochum als eigentlich eher strukturschwache Stadt hat – vermutlich wegen der ansässigen Ruhr-Universität – mit 20,1 Prozent einen der landesweiten Spitzenwerte.
  • Bei der Altersarmut ist NRW stärker betroffen als viele ostdeutsche Kreise – vor allem in den großen Städten. In Düsseldorf (7,8 Prozent) und Köln (7,7 Prozent) ist der Anteil derjenigen Rentner, die Grundsicherung empfangen, besonders hoch. „Großstädte sind besonders von Armutsgefährdung betroffen“, schreiben die Autoren dazu und verweisen auf die immer weiter steigenden Lebenshaltungskosten.
  • Ein Beispiel liefern sie mit den Bestandsmieten selbst: Diese sind in Köln (durchschnittlich 10,30 Euro pro Quadratmeter) und Düsseldorf (9,80 Euro) sehr hoch. Am günstigen wohnt man in NRW im Hochsauerlandkreis und Gelsenkirchen (5,40 Euro).
  • Davon sind auch Kinder betroffen, wie die Zahlen zur Kinderarmut zeigen. Hier ist das gesamte Ruhrgebiet stark betroffen, die höchste Quote hat Gelsenkirchen (39,5 Prozent), aber auch in Duisburg (30,4) und Dortmund (30,1) und Mönchengladbach (32) leben rund ein Drittel aller Kinder unter 15 Jahren in Hartz IV-Familien. Zudem zeigt sich, dass das Problem auch vermeintlich wohlhabende Städte wie Düsseldorf (20), Köln (21,5) und Bonn (20,1) angeht: Ein Anteil von 20 Prozent gilt laut Studie schon als besonders hoch – in vielen Regionen Bayerns und Baden-Württembergs liegt die Quote bei unter sechs Prozent.
  • Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Bildungschancen von Kindern nicht ausschließlich vom Wohlstand ihrer Familien abhängen. Bei den Schulabgängern ohne Abschluss fallen nämlich auch Städte wie Bottrop (3,9 Prozent) und Leverkusen (3,3 Prozent) positiv aus, in denen mehr als ein Fünftel aller Kinder in Hartz IV-Familien aufwachsen.

Die komplette Studie ist inklusive grafischer Aufbereitung online einsehbar: www.fes.de/ungleiches-deutschland.