Streitthema Schulmilch: NRW-Umfrage zum Schulkakao erntet Kritik

Schulmilch in NRW : NRW-Umfrage zum Schulkakao erntet Kritik

Mit einer Online-Umfrage will das Land NRW von Eltern wissen, wie sie zur Förderung des Schulkakaos stehen. Foodwatch kritisiert die Umfrage als manipulativ, IT-Experten zufolge könne das Ergebnis leicht beeinflusst werden.

Kakao in der Schule fördern oder nicht – die Debatte darum wird in NRW nach wie vor hitzig geführt. Ernährungsexperten sehen in der Förderung einen eklatanten Verstoß gegen die Grundsätze gesunder Ernährung. Befürwortende Politiker argumentieren, dass mehr als die Hälfte des Zuckers aus der Milch stamme und diese schließlich gesund sei. Zwischen Kritikern und Befürwortern stehen die Eltern. Diese sollen seit Ostern mit einer vom Ministerium ins Internet gestellten Umfrage mitentscheiden. Das Umfrageergebnis darf jedoch bezweifelt werden. IT-Experten bescheinigen dem System eine leichte Manipulierbarkeit. Foodwatch nennt die Fragen darüber hinaus manipulativ, die Umfrage enthalte wichtige Informationen vor. Etwa, dass NRW das letzte Bundesland in Deutschland ist, in dem mit EU-Geldern gezuckerte Milchgetränke gefördert werden.

Eigentlich richtet sich die Umfrage, die unter www.schulmilchfrage.de aufgerufen werden kann, nur an Eltern. Ausfüllen kann das Formular aber jeder, so oft er will. Es gibt keine technischen Hürden, die eine mehrfache Teilnahme verhindern oder erschweren. „Schlimmer geht es gar nicht“, sagt Lucas Davi, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Duisburg-Essen. „Das Ergebnis ist im Prinzip nicht repräsentativ.“ Mit sogenannten Vote-Bots, also automatischen Programmen zur Stimmabgabe, könnten innerhalb kurzer Zeit Tausende Stimmen abgegeben werden.

Das Ministerium hält dagegen: „Das Landesumweltamt betreut die Umfrage für unser Haus, wertet sie aus und prüft sie umfangreich auf inhaltliche und technische Plausibilität.“ Über einen Zeitstempel könne festgestellt werden, ob innerhalb eines bestimmten Zeitraums ungewöhnlich viele oder gleichlautende Antworten abgegeben würden. Mehrfach genutzte Internetadressen würden zudem aussortiert, heißt es. Wie das Eltern von allen anderen potenziell Abstimmenden unterscheiden soll, geht aus der Antwort des Ministeriums nicht hervor. Auch nicht, was mit nur zufällig gleichen Antworten unterschiedlicher Personen passiert. In der Praxis könnten dadurch auch Antworten mehrerer Eltern, die sich vom gleichen Computer aus nacheinander einloggen, nicht gezählt werden.

Etwa 8000 Antworten seien bereits eingegangen, Unstimmigkeiten habe es bisher keine gegeben, teilte das Ministerium unserer Redaktion mit. Informatik-Professor Davi überzeugt das nicht: „Jemand der Interesse hat, das Ergebnis zu manipulieren, kann natürlich darauf achten, dass die Antworten semantisch zueinander passen. Gegen gezielte Manipulation sehe ich erstmal keinen Schutz.“

Doch nicht nur an den technischen Grundlagen gibt es Kritik, auch inhaltlich lässt sich über Fragenauswahl und Formulierungen streiten. Schon in der Einleitung heißt es: „Seit über einem halben Jahr wird öffentlich lebhaft diskutiert, ob neben reiner Trinkmilch auch Kakao über das Programm vom Land NRW gefördert werden soll.“ Nur dass es nicht um eine zukünftige Förderung von Kakao geht, sondern um ein mögliches Ende derselben.

Einen regelrechten Kritik-Katalog hat Foodwatch veröffentlicht. So werde etwa an keiner Stelle erwähnt, dass die EU mit ihrem Schulmilchprogramm eigentlich nur noch ungezuckerte Milchprodukte fördern will. NRW nutzt für die Förderung des Kakaos eine noch existierende Ausnahmeregelung der EU. Ebenso werde nicht genannt, dass gezuckerte Milchgetränke gegen die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für die Schulverpflegung verstoßen. Das Weglassen von derlei Informationen sei besonders problematisch, da Eltern in den vergangenen Jahren mit einer Vielzahl falscher Informationen konfrontiert worden seien. So konnte Foodwatch im vergangenen Jahr mehrere gerichtliche Anordnungen gegenüber Tetrapak, Landliebe und der Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW erwirken. Diese hatten mit unzulässigen Aussagen geworben, etwa mit „Kakao steigert die Intelligenz und Konzentration“ und „...konnte durch den Konsum von Joe Clever Schokolade eine Steigerung des Intelligenzquotienten um sieben Punkte gemessen werden“. Derartige gesundheitsbezogene Aussagen unterliegen der sogenannten Health-Claims-Verordnung der EU, die gerade für lebensmittelbezogene Werbung sehr enge Grenzen zieht.

Die Eltern, deren Kinder womöglich lieber Kakao als Milch trinken, befinden sich in einem Interessenkonflikt. Sie müssen sich zwischen der Vorliebe ihres Kindes und den gesundheitlichen Empfehlungen der Ernährungswissenschaft entscheiden. Doch die Diskussion sei eigentlich viel zu klein, sagt Birgit Völxen von der Landeselternschaft der Grundschulen in NRW. „Auch die Landeselternschaft hält es für wenig sinnvoll, gezuckerte Milch zu subventionieren“, sagt sie. Doch viel problematischer seien die Kinder, die ganz ohne Frühstück zur Schule kommen. Es sei wichtig, dass die Kinder über den Tag gut versorgt werden. Was den Schulkakao angeht, gibt Völxen zu bedenken: Nicht jedes Kind mag haltbare Milch pur, beim Kakao ist die haltbar gemachte Milch geschmacklich kein Problem. Sie betont: „Die Kinder sind die Endverbraucher, ohne deren Akzeptanz geht es nicht, die müssen mit ins Boot geholt werden.“

„Humbug“ und „einen peinlichen Auftritt für ein Verbraucherschutzministerium“ nennt die schulpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen, Sigrid Beer, die Umfrage. Beer kritisiert insbesondere, dass auch jeder außerhalb NRWs an der Umfrage teilnehmen könne. „Zudem wird die Debatte um Schulkakao im Anschreiben zwar erwähnt, völlig unerwähnt bleibt aber, warum diese überhaupt geführt wird – die Zuckerproblematik wird nicht dargestellt“, betont Beer. So mache man keine seriöse Befragung, das Geld hätte besser in ein gesundes Frühstück für arme Kinder investiert werden können.

Die SPD-Landtagsfraktion scheint dagegen weder mit der Umfrage noch mit der Förderung des Schulkakaos ein Problem zu haben. Auf Nachfrage hieß es gegenüber unserer Redaktion: „Die SPD-Fraktion sieht in den angebotenen Milchmischgetränken keine Gefahr für die Ernährung der Kinder oder eine Ursache für die Entstehung von Übergewicht und Fehlernährung.“ Zu Fragen der Umsetzung und zum Inhalt der Umfrage gab es hingegen keine Antwort.

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