Streik: Wohin mit den Kita-Kindern?

Streik: Wohin mit den Kita-Kindern?

Kita-Erzieher demonstrieren in Düsseldorf

Heute beginnt auch in NRW der Kita-Streik. Viele Familien müssen umplanen. Dennoch haben viele Verständnis für die Erzieher und Erzieherinnen. Und Unternehmen wie Vodafone, Eon und Metro versuchen, ihren Mitarbeitern zu helfen.

Julia Deckers ist von den heute beginnenden Streiks in den städtischen Kitas hart getroffen: Die 35-jährige Sozialpädagogin aus Mülheim an der Ruhr ist alleinerziehend und braucht für ihren vierjährigen Sohn Emil eine Übergangsbetreuung. Doch die Unterbringung in einer Notgruppe, in der Kinder auch während des Streiks betreut werden, komme nur in Betracht, wenn dies "unumgänglich" sei und es keine Alternative gebe, hat die Stadt den Eltern mitgeteilt. Deckers, die dem Elternrat der städtischen Kita "Sternenzauber" angehört, hat sich darüber mächtig geärgert. "Ich sehe nicht ein, mich für die Inanspruchnahme der Notgruppe rechtfertigen zu müssen. Schließlich habe ich einen Betreuungsvertrag abgeschlossen." Dass die Stadt das Problem auf die Eltern abzuschieben versuche, könne sie nicht nachvollziehen.

Zwar hat sie inzwischen für Emil eine Notgruppe in einem anderen Kindergarten zugewiesen bekommen, doch die Probleme gehen weiter. In der "neuen" Kita sollen die Kinder über Mittag nicht verköstigt werden. "Uns wurde gesagt, das geschehe aus Sorge vor möglichen Allergien", sagt die Mutter. Sie überlegt, sich mit anderen Eltern und deren Kindern zu einer Demo vor dem Rathaus zu versammeln. Ihr Protest richtet sich wohlgemerkt gegen die Stadt und nicht gegen die Streikenden. Im Gegenteil: Sie habe großes Verständnis für die Arbeitsniederlegungen: "Ich bin sehr dafür, dass die Erzieherinnen, die unsere Kinder betreuen, auch vernünftige Arbeitsbedingungen vorfinden."

1000 Kitas in NRW bleiben geschlossen

Das dürfte Musik in den Ohren der Gewerkschaft Verdi sein, die eine deutliche Aufstockung der Gehälter der bundesweit rund 240.000 Erzieher und Sozialarbeiter durchsetzen will. Verdi rechnet damit, dass ab heute etwa 1000 kommunale Kitas in NRW geschlossen bleiben. Wahrscheinlich werden nicht alle betroffenen Eltern so generös denken wie Deckers, zumal niemand weiß, wie lange der Ausstand dauern wird. Der Landeselternbeirat (LEB) der Kindertagesstätten in NRW befürchtet, dass es zu langen Streiks kommen wird - zum Nachteil der Kinder. Sie litten am meisten unter der Unterbringung in einer Notgruppe und unter wechselnden Erzieherinnen. "Insbesondere für Kinder im U3-Bereich ist eine solche Situation nicht tragbar", heißt es vom LEB.

"Wir appellieren an beide Tarifparteien, dringend die Verhandlungen wieder aufzunehmen und eine entsprechende Lösung zu finden", betont LEB-Sprecher Marcel Preukschat. Er ist der Ansicht, dass vom Kita-Streik betroffene Eltern einen Teil ihrer Beiträge zurückfordern können - "das Geld einzubehalten, ist dagegen problematisch". Das Jugendamt der Stadt Düsseldorf sieht hingegen keine Möglichkeit zur Beitragsrückerstattung. Es bietet aber an, für die Zeit, in der die Tageskinder streikbedingt keine Verpflegung erhalten, das Verpflegungsentgelt zu erstatten, "um auf diese Weise die finanziellen Auswirkungen für die Familien gering zu halten".

Der Städte- und Gemeindebund NRW hat Verständnis für die Eltern, die verärgert auf den Streik des Kita-Personals reagieren. "Ich kann den Frust verstehen, aber den müssen die Eltern bei Verdi abladen", sagte der Hauptgeschäftsführer der Organisation, Bernd Jürgen Schneider unserer Redaktion. Die Gewerkschaft müsse "aufpassen, dass sie die Kindergärtnerinnen nicht zu Lokführern der sozialen Landschaft macht", sagte er mit Blick auf den lange anhaltenden Streik der Eisenbahner.

Bekommen Eltern ihr Geld zurück?

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2009 hätten einige Kommunen nach wochenlangen Kita-Streiks zwar Elternbeiträge zurückerstattet, weil keine Leistung erbracht worden sei; aber rechtlich geklärt sei diese Frage nicht, erklärte die Bundeselternvertretung der Kinder in Kitas. Deswegen wiesen etliche Kitas darauf hin, dass Streiks "höhere Gewalt" seien und somit kein Anspruch auf Erstattung bestehe. Ob eine Rückzahlung erfolgt, ist nach Angaben des NRW-Familienministeriums von der jeweiligen Satzung vor Ort und der Entscheidung der Kommune abhängig. "Im Sinne der Eltern ist eine freiwillige Rückerstattung der Elternbeiträge für die Zeit der streikbedingten Schließung sicherlich wünschenswert", heißt es.

Der LEB sieht am Ende, wenn sich kommunale Arbeitgeber und Gewerkschaften geeinigt haben sollten, auch Bund und Land in der Pflicht. Die höheren Tarifabschlüsse dürften nicht über die Elternbeiträge auf die Familien abgewälzt werden, warnt Preukschat. Für einen solchen Automatismus gebe es keinen Grund. Dies wäre vielmehr "ein Eingeständnis der Unfähigkeit von zielgerichteter Familien- und Bildungspolitik".

Eon ermöglicht Heimarbeit

Doch ab heute ist Streik angesagt, und das bedeutet Stress für viele berufstätige Mütter und Väter. Die Stadt Wuppertal will mit gutem Beispiel vorangehen: Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) hat alle Führungskräfte in Verwaltung und städtischen Betrieben aufgerufen, den Beschäftigten Heimarbeit zu ermöglichen - oder die Kinder mit an den Arbeitsplatz zu bringen. Auch viele Unternehmen sind gut vorbereitet, bei kleineren Firmen wird improvisiert. Bei Eon dürfen die rund 2000 Mitarbeiter in den Verwaltungsstandorten Düsseldorf und Essen bei Betreuungsproblemen von zu Hause aus arbeiten. Notfalls können auch Kinder mit ins Büro gebracht werden, zum Kinderbetreuen oder Windelnwechseln gibt es spezielle Räume. Außerdem hat Eon einen Familienservice, der mit ausgebildeten Kinderpflegern in Notfällen helfen kann, der aber wohl dieser Tage ausgelastet ist. Ähnlich sieht es bei Henkel, Vodafone und Metro aus, die jeweils mit Partnern eigene Kitas haben.

Interessant ist, dass Metro als großer Handelskonzern Ende vergangener Woche trotz bevorstehendem Kita-Streik keine höhere Zahl von Urlaubsmeldungen registrierte. Die drei Kindergärten am Düsseldorfer Hauptstandort werden vom Deutschen Roten Kreuz betrieben - es gibt also keine Ausfälle. Aber durch eine allgemein flexible Heimarbeit könnten Mitarbeiter schon länger "in Absprache mit dem Vorgesetzten" von zu Hause aus arbeiten.

Sehr speziell stellt sich Rewe aus Köln auf den Streik ein. Man habe flexible Einsatzpläne ausgearbeitet, damit Eltern zu Hause bleiben können. Der Elternservice der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hilft in Notfällen - Rewe zahlt die Hälfte der Vermittlungskosten für Babysitter und Notfallhelfer.

(RP)
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