Stau-Rekord in NRW: Auf diesen Autobahnen staut es sich am meisten

Autobahnen in Nordrhein-Westfalen : Straßen.NRW zweifelt an Stau-Messungen des ADAC

ADAC und Straßen.NRW haben die Stau-Kilometer für das Jahr 2017 gezählt - der Autoclub kommt zu einem deutlich höheren Ergebnis als Nordrhein-Westfalens Landesbetrieb. Auch in einem anderen Punkt sind sich beide uneinig.

"Wir werden das Stauaufkommen nachhaltig senken." So steht es im Wahlprogramm der CDU für die vergangenen Landtagswahlen in NRW. Rund ein halbes Jahr nach der Wahl und dem Antritt der schwarz-gelben Landesregierung zweifelt der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) die Umsetzung dieses Ziels bis zur nächsten Wahl im Jahr 2022 an.

"Ich würde niemandem raten, kurz- oder mittelfristig Besserung zu versprechen." Die Worte von Roman Suthold, Leiter des Fachbereichs Verkehr beim ADAC, sind eine Vorwarnung an alle Autofahrer in NRW. Für 2017 zählte der ADAC 454.870 Kilometer Stau auf den 31 Autobahnen in Nordrhein-Westfalen - nie war die Zahl höher. Insbesondere auf den zentralen Verbindungsstraßen - der A1, A3, A40 und A46 - häuften sich laut ADAC-Datenerhebung jeweils mehrere Zehntausend Staukilometer an. Spitzenreiter ist demnach die A1 mit 70.385 Kilometern (s. Grafik).

Widerspruch kommt von Straßen.NRW. "Wir wissen nicht, wie der ADAC auf diese Werte kommt", sagt Sprecher Bernd Löchter. Auf Anfrage unserer Redaktion hat der Landesbetrieb seine eigenen Werte für das abgelaufene Jahr vorgelegt.

Wie lang sind die Staus in NRW?

Demnach staute sich der Autobahnverkehr 2017 auf 108.205 Kilometern - weniger als 25 Prozent der ADAC-Zahlen. Und auch in der Spitze unterscheiden sich die Daten, so sieht Straßen.NRW die A40 mit 18.271 Kilometern als Stau-Spitzenreiter, gefolgt von der A1, der A3 und der A57. Letztere taucht beim ADAC erst auf Platz 8 auf.

Erhoben werden die von Straßen.NRW veröffentlichten Daten durch so genannte Kontaktschleifen, verbaut in den Fahrbahnen. Dabei wird der Wert zwischen Anfang und Endpunkt eines Staus erfasst. "Die Kollegen vermuten, dass der ADAC die Werte eines einzigen Staus stündlich addiert", sagt Löchter. Sprich: Staut es sich drei Stunden lang auf fünf Kilometern, nimmt der ADAC 15 Kilometer in seine Statistik auf. Genau das vermuten auch die Stau-Experten aus der WDR-Verkehrsredaktion.

Doch den Vorwürfen der Stau-Addition widerspricht nun wiederum der Verkehrsclub vehement. "Unsere Datenbasis ist dreimal so groß wie die von Straßen.NRW und absolut belastbar", sagt Suthold. Der ADAC setze bei seiner Auswertung auf sogenannte "Floating Car Data (FCD)" - Daten, die fahrende Autos generieren und die dadurch genauer und umfassender seien als die Schleifen des Straßenbaubetriebs.

ADAC misst 227 Kilometer - Straßen-NRW nur 31

Denn so könnte der ADAC auch kleinere Staus erfassen, die von den Kontaktschleifen des Straßenbaubetriebs unentdeckt bleiben. "Wir nehmen Staus immer nur einmal in unsere Statistik auf, aber wir nehmen den höchsten Wert", sagt Suthold und sieht darin eine weitere mögliche Diskrepanz zu den Auswertungen von Straßen.NRW.

Auffällig ist jedenfalls: Während der ADAC beispielsweise für die A1 im September 2017 auf einen Tages-Durchschnittswert von 227 Kilometer Stau kommt, zählte Straßen.NRW durchschnittlich nur 31 Kilometer pro Tag. Doch ob nun letztlich über 100.000 oder doch über 450.000 Kilometer im vergangenen Jahr - einig sind sich die Beteiligten an einem Punkt: In NRW gibt es viel Stau. Zu viel Stau. Und wenn man Suthold glaubt, war 2017 erst der Anfang. Allein für das gerade begonnene Jahr sieht die Landesregierung über 120 Baustellen auf den Fernstraßen in NRW vor.

"Es wird jetzt viel in die Verkehrswege investiert, das ist zunächst mal eine gute Nachricht", sagt der Experte. Doch Investitionen bedeuten im Umkehrschluss Baustellen. "In den meisten anderen Bundesländern liegen die Ursachen für Stau zu je einem Drittel bei Unfällen, Kapazität und eben Baustellen", sagt Suthold. Doch in NRW "entsteht schon jetzt jeder zweite Stau aufgrund von Baustellen".

Gerade erst hat die Landesregierung einen Masterplan für rund 200 große Bauvorhaben vorgestellt, 20 Milliarden Euro vom Bund sollen investiert werden - bis 2030. "Bis dahin wird sich auch die Stausituation in einem Pendler- und Transitland wie NRW nicht verbessern", prognostiziert Suthold mit Blick auf über 4,5 Millionen Berufspendler und rund 6,6 Milliarden Kilometer, die Lkw auf NRW-Autobahnen jährlich zurücklegen.

Der ADAC-Experte bezeichnet die Wahlkampf-Werbung der CDU zwar als "Widerspruch zu den aktuellen Entwicklungen", verantwortlich für selbige seien aber letztlich alle Landesregierungen der vergangenen Jahrzehnte. "Schon in den 70er Jahren gab es gravierende Fehleinschätzungen, die sich bis heute auswirken", sagt Suthold. Seitdem waren sowohl die SPD als auch die CDU in NRW viele Jahre an der Macht.

"Bummelbaustellen müssen vermieden werden"

Der Blick geht nun in die Zukunft. NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst kündigte für die Umsetzung des Masterplans an, Bauzeiten zu verkürzen und "Verkehrsbeeinflussungsanlagen" auszubauen - dazu zählt beispielsweise die temporäre Freigabe von Seitenstreifen und eine stärkere Zuflussregelung an den Auffahrten. Außerdem wolle das Land rund 50 neue Stellen für Planer beim Landesbetrieb Straßen.NRW schaffen.

Genau solche Maßnahmen empfiehlt auch ADAC-Experte Suthold und fordert darüber hinaus eine bessere Bauüberwachung: "Bummelbaustellen müssen vermieden werden. Es fehlt Bauunternehmen häufig an Personal für die Planung und Ausführung." Aber auch in diesem Punkt widerspricht Straßen.NRW: "Ich kann ausschließen, dass Baustellen nicht plangemäß fertig werden, weil nicht genügend Personal oder Baumaschinen vorhanden sind", sagt Sprecher Löchter.

(cbo)
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