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Starke Bebauung in NRW: Täglich verschwinden mehr als neun Hektar Natur in NRW

Massive Bebauung : Beton verdrängt Bäume

Natur verschwindet, Häuser und Straßen entstehen: In NRW wird seit Jahren gebaut - das sorgt vor allem bei Landwirten für Kritik.

Jeden Tag werden mehr als neun Hektar Landschaft in NRW mit Asphalt oder Beton bebaut. Das entspricht der Fläche von 13 Fußballfeldern. Natur wird dort in Siedlungs- oder Verkehrsfläche - etwa für Häuser oder Straßen - umgewandelt. Man spricht deshalb von Flächenverbrauch oder auch Flächenfraß.

Bundesweit sind es 66 Hektar täglich – davon fast 13 in Bayern. Dort hat deshalb das Aktionsbündnis „Betonflut eindämmen“ mit mehr als 50.000 Unterschriften ein Volksbegehren gegen Flächenverbrauch ins Leben gerufen, war jedoch vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof gescheitert. Auf Platz zwei liegt Niedersachsen mit 9,7 Hektar, danach folgt Nordrhein-Westfalen.

„Der Verlust an Fläche ist auch in NRW ein Problem“, sagt Bernhard Conzen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands (RLV). „Die Flächenpreise steigen durch die hohe Nachfrage - das macht es für Bauern schwieriger.“ Ohnehin seien bereits rund 30 Prozent der Fläche mit Wald bedeckt. Dem NRW-Umweltministerium zufolge gingen mehr als 118.000 Hektar Acker- und Grünlandflächen verloren. Die Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche schadet zum Großteil den rund 50.000 landwirtschaftlichen Betrieben in NRW. „Unsere Mitglieder spüren den Strukturwandel“, sagt Conzen. „Der durchschnittliche Betrieb ist etwa 50 Hektar groß und reicht gerade zum Überleben. Bei einem Verlust von Nutzfläche wird es knapp.“ Allein für die Haltung von 100 Kühen benötige man mindestens 40 Hektar.

Nach Angaben des Landesbetriebes IT.NRW waren im Jahr 2015 (letzter Stand) rund 7800 Quadratkilometer Siedlungs- und Verkehrsfläche – etwa 23 Prozent der Gesamtfläche. Das bedeutete einen täglichen Anstieg von 9,3 Hektar am Tag. Darin fließen im Gegensatz zu versiegelten Flächen auch unbebaute und nicht versiegelte Flächen ein.

Mehr als zehn Prozent der Fläche des Landes war zudem versiegelt (etwa 3600 Quadratkilometer) – täglich knapp drei Hektar mehr. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2014 beträgt der Versiegelungsgrad von Siedlungs- und Verkehrsflächen 43 bis 50 Prozent.

Seit 2010 sind die Zahlen nur leicht geschwankt. 2001 waren lediglich 7200 Quadratkilometer verbaut – damals eine Zunahme von mehr als 16 Prozent pro Tag. Im Jahr 1992 wurden erst knapp 6700 Quadratkilometer als Siedlungs- und Verkehrsfläche genutzt.

Umgerechnet auf die Bevölkerungszahlen war der bayerische Flächenverbrauch 2015 pro Kopf gar doppelt so hoch wie in Baden-Württemberg oder NRW, heißt es beim bayerischen Umweltministerium.

Überschwemmungsgefahr könnte steigen

Eine mögliche Konsequenz der starken Bebauung ist ein Schwund bei Insekten und Vögeln, argumentieren Kritiker. Auf versiegelten Flächen könne außerdem Regenwasser nicht so versickern wie in Wiesen und Wäldern. Dadurch werde das Wasser in Bäche und Flüsse abgeleitet, wodurch das Risiko von Überschwemmungen steige.

Die Bundesregierung hat aus diesem Grund in ihrer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie das Ziel formuliert, bis zum Jahr 2020 die tägliche Nutzung neuer Siedlungs- und Verkehrsflächen auf 30 Hektar am Tag zu reduzieren. Die NRW-Landesregierung hatte einst sogar angestrebt, bis 2020 täglich nur noch fünf Hektar zu verbauen. Das scheint aktuell in weiter Ferne.

„Wollen wir in Zukunft keine Lebensmittel mehr vor Ort produzieren?“, fragt Conzen. „Es braucht intelligente Lösungen und Vorgaben zum Schutz der heimischen Nahrungsmittelproduktion.“ Während der Abriss von Industriebrachen in den Niederlanden häufig bezuschusst werde, damit die Flächen neu genutzt werden, blieben Brachen in NRW oft bestehen. „Wir müssen sorgsam mit der Fläche umgehen: Nicht jeder kleine Ort braucht ein eigenes Gewerbegebiet“, sagt Conzen.

(mba)