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St. Martin: Stärke ist die Botschaft des Teilens

Tradition : St. Martins Stärke ist seine Botschaft

Der Laternenumzug zur Erinnerung an den Heiligen Martin hat Konkurrenz bekommen. Manche finden das Kostümierungsfest Halloween attraktiver. Dabei steht St. Martin für eine Botschaft, die immer wichtiger wird: das Teilen.

Halloween macht Spaß: Haare grau ansprühen, Narben ins Gesicht malen, schwarzen Umhang umwerfen, sich hässlich machen und Leute erschrecken - das widerspricht wunderbar den Diktaten unserer Zeit, in der Schönheit, Höflichkeit, Geschmeidigkeit Zeichen des sozialen Status geworden sind. Halloween ist erlaubter Regelverstoß, ist ein bisschen Karneval, nur gruseliger, hässlicher, ungezogener. Und so scheint es für manche eine Lust zu sein, den Grufti-Brauchtumsimport aus den USA auch bei uns zu pflegen.

Ausstattung gibt es ja genug: zahnlückige Keramikkürbisse für die Eingangstür, Spinnweben aus der Sprühdose, Fledermausprofile als Kuchenformen und so fort. Halloween ist vor allem ein Deko-Fest. Da kennt die Fantasie der Industrie keine Grenzen, Konsumenten lassen sich schließlich willig ein auf immer neue Trends. So hat sich Halloween seit den 1990er Jahren wohl auch deswegen in Europa ausgebreitet, weil dahinter ein fettes Geschäft steht. Nichts, was sich in diesen Tagen mit Kürbisaufkleber nicht besser verkaufen ließe.

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Mit den irischen Ursprüngen von "All Hallows' Eve", dem Abend vor dem katholischen Hochfest Allerheiligen, hat das alles nicht mehr viel zu tun. An den Türen schellen, "Süßes oder Saures" brüllen, das erinnert weder an christliche Märtyrer oder die Verstorbenen der Familie, noch ist es keltischer Brauch. Auch wenn sich Halloween regionale Bräuche wie das herbstliche Rübengeistern einverleibt und damit an hiesige Traditionen anschließen konnte - das Erschreckfest unserer Tage bleibt ein importierter Kostümierspaß, der sich auch deswegen verbreiten konnte, weil er so voraussetzungslos zu feiern ist.

St. Martin ist anstrengender. Bei St. Martin geht es um etwas. St. Martin hat eine Botschaft. Und die ist in diesen Tagen so aktuell wie lange nicht mehr, denn es ist die Botschaft des Teilens. Das ist der gewaltige Unterschied zu Halloween - und das ist St. Martins Stärke.

Wenn Kinder in diesen Tagen Laternen mit Martinsmotiven basteln, wenn Schulen und Kindergärten Umzüge vorbereiten, Samtmantel und Schwert bereitlegen, ein Pferd organisieren, Lieder mit vielen Strophen üben, dann ist das kein hohler Aktionismus. Es geht darum, an die Geschichte eines Mannes zu erinnern, der sich von der Not eines anderen rühren ließ - über Standesunterschiede hinweg, von Mensch zu Mensch.

Dabei war Martin von Tours nicht einfach ein netter Römer. Es war kein Zufall, dass dieser Soldat, im heutigen Frankreich stationiert, einem Bettler die Hälfte seines Militärmantels abgab. Martinus war mit dem Christentum in Berührung gekommen, er hatte von Jesus gehört, der selbst das Schicksal der Armen geteilt hat - weil Nächstenliebe reich macht. Und weil alle Menschen vor Gott gleich sind.

Martin wollte ein Jünger Jesu sein, und er hat auf seinem späteren Lebensweg als asketischer Mönch, Klostergründer und Bischof von Tours gezeigt, wie tief er die Botschaften Jesu verstanden hatte. Doch schon als junger Soldat hat er die Worte erfüllt, die bei Matthäus überliefert sind: "Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet . . . Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Wenn Menschen das heute nachspielen, wenn sie wieder lebendig machen, wie Martin seinen Mantel teilt, einem Schwachen hilft und das Überleben in der Kälte sichert, dann ist das mehr als Folklore. Es ist das Erinnern an die Essenz des Christentums. Am Martinstag wird das "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" anschaulich.

St. Martin ist sicher deswegen einer der bekanntesten Heiligen des Christentums geworden. Er wird von evangelischen, katholischen, orthodoxen und anglikanischen Christen verehrt, ist der Schutzheilige der Reisenden, Armen, Bettler, Reiter und auch der Flüchtlinge, Gefangenen und Soldaten. Seine Botschaft ist universell. Aber es hat mit seinem Glauben zu tun, dass er in jener Situation, die bis heute nachgespielt wird, handeln konnte, wie er es tat.

Darum ist es wenig sinnvoll, das St. Martinsfest seines christlichen Gehalts zu berauben und etwa "Lichterfeste" oder "Fackelfeste" zu feiern, weil das konfessionsloser klingt. Das ist falsch verstandene Integration, denn es geht ja gerade nicht darum, Unterschiede zu verwischen, sondern darüber ins Gespräch zu kommen und nach den Gemeinsamkeiten zu suchen. Natürlich ist es längst gesellschaftliche Wirklichkeit, dass sich in Kita-Gruppen und Schulklassen die Religionen und Weltanschauungen mischen. St. Martin aber bleibt ein vorbildlicher Christ, der aus seinem Glauben einen Humanismus abgeleitet hat, der Menschen bis heute begeistern kann - egal aus welcher Kultur sie kommen.

Es müssen rund um den 31. Oktober also keine Brauchtumsschlachten geschlagen werden. St. Martin sollte St. Martin bleiben. Und Halloween gehört weder verboten noch verpönt. Natürlich können Kinder Martinslaternen basteln, das Fest des Mantelteilens feiern, sich bei Nachbarn Süßigkeiten ersingen und am 31. Oktober mit giftgrünen Muffins zur Kostümparty gehen.

Die unterschiedliche Bedeutung, ja der unterschiedliche Wert beider Anlässe sollte nur klar sein. Und er sollte auch in den Familien Thema sein: Halloween rührt an das Ekstatische im Menschen, das in unserer durchrationalisierten, zweckorientierten Zeit nur verdrängt ist. Halloween macht Spaß - und natürlich darf man den haben. St. Martin aber hat allen etwas zu sagen - unabhängig von der kulturellen Herkunft. Seine Botschaft ist die Menschlichkeit. Er mahnt, hinzusehen, sich rühren zu lassen, zu helfen. Er mahnt auch, herabzusteigen vom hohen Ross und Bedürftigen auf Augenhöhe zu begegnen.

St. Martin ist heute wichtiger denn je. Er ist der Heilige unserer Tage.

Hier geht es zur Infostrecke: Die Martinszüge 2021 in Düsseldorf

(dok)