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Nordrhein-Westfalen: Sportler räumen Turnhallen für Flüchtlinge

Nordrhein-Westfalen : Sportler räumen Turnhallen für Flüchtlinge

In Leverkusen haben rund 200 Mitglieder eines Sportvereins gegen die Umwandlung ihrer Turnhalle in eine Notunterkunft für Flüchtlinge protestiert. Der Stadtsportbund wirft der Politik Ignoranz gegenüber Ehrenamtlern vor.

Helmut Schulz und Horst Heinrich rattern mit Metallgitterwagen die Rampe von der Sporthalle Wuppertalstraße im Leverkusener Stadtteil Bergisch Neukirchen hoch in Richtung Vereinsheim. Gefüllt sind die Wagen mit Bällen und Sportmatten. "Das Zeug muss ja raus aus der Halle, alles was morgen noch da ist, soll laut Stadt auf dem Müll landen. Auf dem Müll, das muss man sich mal vorstellen", sagt Schulz empört. Hinter ihm rollen Sportfreunde aus der Herrensenioren-Gruppe des Neukirchener Turnvereins (NTV) weitere Wagen mit Sportutensilien heran.

Währenddessen sitzen in einem Raum des Vereinsheims Spitzen der beiden Neukirchener Sportvereine NTV und BVBN mit den drei Dezernenten für Soziales, Sport und Bauen der Stadt Leverkusen zusammen, um unter anderem auszuloten, wie lange die Halle für den Sportbetrieb ausfällt und was mit den Heimspielen der NTV-Handballer (u.a. Landesliga) in der aktuellen Saison werden soll. Denn: Die Stadt will ab dieser Woche mit den Umbauarbeiten beginnen, die aus der Sporthalle eine temporäre Flüchtlingsunterkunft machen sollen. Freitagmittag hatten die Vereine davon erfahren. In Leverkusen ist es die zweite Sporthalle, die vorübergehend umfunktioniert wird. Allein im Januar und Februar bekam die Stadt 200 neue Flüchtlinge von der Bezirksregierung zugewiesen.

In der Nachbarstadt Köln wohnen aktuell in gleich drei großen Hallen Flüchtlinge. Dort hat die Stadt innerhalb weniger Monate eine Halle bereits zum zweiten Mal in eine Notunterkunft umfunktioniert. Die Vereine kritisieren, dass kein anderer Gesellschaftsbereich so sehr belastet wird wie der Breitensport. Das sieht auch Uwe Busch vom Duisburger Stadtsportbund so. "Grundsätzlich kann es aber bei allem Verständnis nicht sein, dass Städte Turnhallen beschlagnahmen und so aktive Sportgemeinschaften auseinanderreißen", so Busch.

Die Aktiven sehen bei aller Kritik aber auch die Notwendigkeit, dass die Flüchtlinge untergebracht werden müssen. "Wir legen viel Wert darauf, diesen Menschen schnell und unbürokratisch zu helfen", sagt der Vorsitzende des Kölner Stadtsportbundes. Doch dürften solche Entscheidungen, Turnhallen in Asylunterkünfte umzuwandeln, in Zukunft nicht mehr übers Knie gebrochen und Vereine vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Den Sportvereinen müsste Planungssicherheit gewährleistet werden. Auch in Langenfeld soll in der kommenden Woche eine Turnhalle in eine Notunterkunft mit etwa 90 Plätzen verwandelt werden.

Zu Problemen führte diese Form der Unterbringung bereits in Dortmund. Rund 270 Flüchtlinge waren in einer Halle auf engstem Raum eingepfercht. Flüchtlinge, die dort untergebracht waren, berichteten von katastrophalen Bedingungen. Es kam deshalb bereits mehrmals zu Protesten.

Protest gab's auch in Leverkusen. Der Sportbund e.V. warf der Stadt etwa "eine unglaubliche Ignoranz gegenüber unseren ehrenamtlichen Aktiven in den Sportvereinen" vor, zudem verstoße sie mit der Räumung gegen Vereinbarungen im Nutzungsvertrag der Halle. Ausweichmöglichkeiten für Vereine gebe es nicht. Zum Ortstermin mit den Dezernenten sind gestern 200 Vereinsmitglieder von BV und NTV gekommen. Celina Müller, Schülerin des Berufskollegs Opladen, die in der Halle normalerweise Sportunterricht hat, klagt: "Der fällt weg, und damit die Punkte für den Kurs. Das wird den Gesamtschnitt des Schulabschlusses senken. Wer studieren will, hat schlechtere Karten."

(RP)