Spezial zum Muttertag: Als unsere Mütter jung waren

Alles Gute zum Muttertag! : Als unsere Mütter jung waren

Unsere Mütter haben wir nur als Mutter kennengelernt, logischerweise. Aber was für Menschen sind sie gewesen, bevor sie Kinder bekamen? Welche Träume hatten sie? Welche Leidenschaften bewegten sie? Drei unserer Leserinnen gehen diesen Fragen nach.

Patricia Peterek, Düsseldorf Sehnsucht nach freier Entfaltung, Wissensdurst und Sanftmütigkeit – all das strahlen die Augen meiner Mutter aus. Auf dem Foto ist sie etwa 16 Jahre alt. Aufgenommen wurde es in Rybnik, einer Kleinstadt in Schlesien, Anfang der 80er Jahre. Meine Eltern hatten sich gerade erst kennengelernt. Meine Mutter paukte für ihr Abitur, sie wollte Lehrerin werden. Sie war ein Sonnenschein, aufmerksam und positiv, heißt es in der Familie.

Wenn dunkle Wolken am Himmel aufzogen, setzte sich meine Mutter mit einem Regenschirm auf eine Bank und wartete. Wenn es zu regnen begann, lauschte sie einfach den Tropfen, die auf den Regenschirm hinabfielen. Das machte sie glücklich. Und so ist sie noch heute. Allem Schlechten kann sie etwas Gutes abgewinnen.

Nach dem Abitur studierte sie Physik – Naturwissenschaften begeisterten sie. Insgesamt vier Stunden Fahrt nahm sie dafür jeden Tag auf sich. Sie pendelte von ihrem Heimatort nach Kattowitz zur Universität. Geld für eine Wohnung in der Großstadt hatte sie nicht. Trotz Vorbehalten aus ihrer Familie entschied sie sich für die große Liebe, meinen Vater. Sie heirateten, als meine Mutter 19 Jahre alt war. Kurze Zeit später war sie mit mir schwanger.

Doch Schlesien war damals kommunistisch, kein Ort für junge Menschen mit aufstrebenden Ideen. Ohne meinen Vater machte sie sich zwei Wochen vor meiner Geburt alleine mit dem Zug auf nach Haan. Dort lebte ihre taubstumme Großmutter. Ängstlich, aber voller Zuversicht, dass alles gut würde, stieg sie in Düsseldorf am Hauptbahnhof aus. Meine Urgroßmutter stand zufällig genau an der Stelle des Bahngleises, an der sich die Zugtür öffnete. Es wird eben alles gut.

Kurze Zeit später folgte ihr mein Vater nach Düsseldorf. Unter dem Vorwand, seine Frau und Tochter zurück nach Schlesien zu begleiten. Das tat er nie. Ich bekam eine Schwester, und meine Eltern blieben in NRW. Für sich selbst und für uns Kinder. Weil ihr polnisches Abitur nicht anerkannt wurde, musste meine Mutter es wiederholen. Doch sie glaubte daran, dass sie es schaffen würde. Der Glaube begleitete sie ihr ganzes Leben, die Kirche war ein Zufluchtsort für sie.

Anstatt auf Lehramt zu studieren, arbeitete meine Mutter in einer Kindertagesstätte. Die Arbeit dort bereitete ihr viel Freude. Sie machte eine Ausbildung zur Erzieherin und studierte an einer Fernuniversität Erziehungswissenschaften. Ich weiß, dass sie oft nach der Arbeit noch am Schreibtisch saß und lernte. Für uns Kinder war sie trotzdem immer da. Sie hat uns gelehrt, strebsam zu sein. Dankbarkeit für das Leben, das wir führen, zu empfinden. Und vor allem daran zu glauben, dass immer alles gut wird.

Sie war nicht nur lieb als Kind – sie ist lieb als Partnerin, als Mutter und auch als Chefin. Heute leitet meine Mutter eine Kindertagesstätte in Düsseldorf. Sie hat zwei Bücher geschrieben und überlegt, mit 52 Jahren noch einmal zu studieren. „Nimm das Leben, wie es kommt und mach das Beste daraus“, sagt sie immer. (Protokoll: Sabine Kricke)

Heike Herrmann, Krefeld

Monika Segermann, Mutter von Heike Herrmann, in den 50er Jahren als Pflegerin im Kinderheim in Krefeld-Traar. Foto: Privat

Um meine Mutter und die Art, wie sie das Leben liebte, zu beschreiben, muss ich bei meiner Oma anfangen. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zur Arbeit im Büro eines Offiziers im Campus Fichtenhain in Krefeld verpflichtet, wo sich damals ein Stab der Wehrmacht befand. Meine Oma verliebte sich wohl in diesen Mann – mit der Folge, dass meine Mutter im Januar 1942 als uneheliches Kind geboren wurde. Damals war das ein Skandal. Der einzige Kontakt meiner Mutter mit ihrem Vater bestand aus vier Briefen. Er war schon verheiratet, hatte bereits vier Kinder, und er erkannte die Vaterschaft nicht an. Diese Briefe besitzen wir heute noch und hüten sie wie einen Schatz, da es nicht einmal ein Foto von Opa gibt.

Da meine Oma nie wieder heiratete, blieb meine Mutter Einzelkind. Ihr größter Wunsch war es deshalb, später mit Kindern zu arbeiten und selber Kinder zu bekommen – am liebsten zwölf. Sie hat dann tatsächlich Kinderpflegerin gelernt und anschließend im Kinderheim in Krefeld-Traar gearbeitet. Eine weitere Leidenschaft von ihr war die Oper: Sie selbst spielte viele Statistenrollen am Krefelder Stadttheater, nicht zuletzt, weil sie tolle lange Haare hatte, und sie war Mitglied im dortigen „Gefangenenchor“, der sich regelmäßig zum Singen traf. Die 50er Jahre waren ja auch nicht unbedingt eine Spaßveranstaltung. Deshalb bewundere ich es sehr, wie meine Mutter ihren Sinn für das Schöne pflegte und sich ihre Leidenschaft dafür bewahrte.

Ihr Wunsch nach vielen eignen Kindern blieb. 1964 lernte sie dann unseren Vater kennen und lieben. 1965 wurde geheiratet, ein Jahr später kam ich als erstes Kind zur Welt, 1969 folgte unser Bruder. Meine Mutter war von ganzem Herzen Mutter. Als sie 1975 unerwartet ein drittes Mal schwanger wurde,war unser Vater gar nicht begeistert und wollte eine Abtreibung. Aber das liess meine Mutter nicht zu! So wurde 1976 unsere kleine Schwester geboren, bis heute der Sonnenschein unserer Familie.

Nur acht Wochen nach der Geburt stellten die Ärzte eine schlimme Diagnose: Mutter hatte Multiple Sklerose. Sie konnte ihr Muttersein sehr bald nicht mehr ausüben oder genießen, die Krankheit brachte sie innerhalb von zwei Jahren ins Pflegebett. Wochentags kam die Familienpflege der Caritas, um Kinder und Haushalt zu versorgen, aber unsere Mutter konnte nur noch hilflos zuschauen. Elternabende, Schulfeste und andere Veranstaltungen konnte sie nicht mehr mitmachen. Meine Mutter war eine große Kämpferin. Den Kampf gegen MS aber hat sie nach zwölf Jahren verloren. Die Zeit, die ihr blieb, hat sie jedoch in jeder Sekunde ausgekostet – lange bevor sie Mutter wurde und später mit uns.

Katja Schwarzkopf, Hilden

Katja Schwarzkopf als Baby auf dem Arm ihrer Mutter, Irene Zenker. Foto: Privat

Meine Mutter: Eine in jeder Beziehung starke Frau und für mich Vorbild und Meckertante zugleich – damals wie heute.

Die Zeit, in der meine Mutter eine junge Erwachsene mit all ihren Träumen und Vorstellungen von einem selbstbestimmten und finanziell unabhängigen Leben war, ist alles andere als einfach für sie gewesen. Natürlich hatte sie es in vielerlei Beziehung schon wesentlich einfacher als meine Großmutter oder Urgroßmutter.

Nun muss ich dazu erwähnen, dass es – soweit ich zurückblicken kann – immer schon starke Frauen in unserer Familie gab. Das gilt sowohl für meine Abstammung mütterlicher- als auch väterlicherseits. Allesamt Frauen, denen Bildung und Unabhängigkeit sehr wichtig im Leben war und ist. Wen wundert’s also, dass ich so bin, wie ich bin? Mein Mann und meine drei Söhne können da aus dem Nähkästchen plaudern... Allerdings hatte meine Mutter in den 60er Jahren noch reichlich für ihre Rechte als Frau kämpfen müssen. Damals durfte und konnte noch lange nicht jede Frau die Schule bis zum Abitur besuchen oder gar studieren.

Das Abitur und das Studium sind meiner Mutter von meiner Großmutter ermöglicht worden. Das war für damalige Zeiten schon mehr als innovativ. Allerdings wurde meine Mutter während ihres Studiums schwanger. Mit mir. Ungeplant. Die Zeit, die sie von dort bis zu meiner Geburt und darüber hinaus erlebt hat, ist für heutige Verhältnisse nicht wirklich vorstellbar.

Zunächst musste sie meiner Großmutter beichten, dass sie schwanger war und erntete dafür harsche Kritik. Eisiges Schweigen für die nächsten Monate war ihr tägliches Programm.

Das Nächste war die Suche nach einer Wohnung und die Hochzeit mit meinem Vater. Denn damals bekam ein Pärchen, das nicht verheiratet war, schlichtweg keine Wohnung. Dann stellte sich die Frage, wie es mit ihrem Studium und danach weitergehen sollte. Sie studierte Pädagogik mit dem Berufsziel Lehramt Grundschule.

Rückblickend war das sicherlich eine sehr harte Zeit für meine Mutter. Dank meiner Großeltern väterlicherseits konnte sie mich allerdings recht früh von beiden betreuen lassen und ihr Studium ohne weitere Unterbrechung fortsetzen. Für die wunderschöne Zeit, die ich als Kleinkind mit beiden Großeltern verbringen durfte, bin ich heute noch dankbar. Meine Mutter übrigens auch. Die Großeltern sind schon vor langem verstorben, aber die liebevolle Erinnerung bleibt in den Herzen von meiner Mutter und mir.

Meine Mutter hat danach beruflich ihren Weg zielstrebig weiter verfolgt, jedoch niemals zu Lasten unserer Familie. Meine jüngere Schwester wurde fünf Jahre nach mir geboren und kann dieses nur bestätigen. Es geht also manchmal für eine (Mehrfach-)Mutter doch – der Spagat zwischen Familie und Job.

Ich sage einfach mal: Danke, Mama! Du hast mich geprägt und mir gezeigt, wie ich stark und selbstbewusst meinen Weg gehen und doch sympathisch-empathisch ein erfolgreiches Familienunternehmen leiten kann. Du wirst immer mein Vorbild bleiben! Ach ja... und Danke, dass Du hin und wieder gemeckert hast und einfach meine Mutter und nicht mein Freund warst.

Mehr von RP ONLINE