So reagieren die Schützenvereine auf die Öffnung für Muslime und Homosexuelle

Brauchtum in NRW : Öffnung für Muslime und Homosexuelle - so reagieren die Schützen

Auch Muslime und Homosexuelle können Mitglied im Schützenverein oder Schützenkönig sein. Das hat der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BDHS) beschlossen. Was sagen die Schützenvereine in der Region dazu?

Die neuen Regeln, die der BDHS am Sonntag in Leverkusen verabschiedet hat, sind nicht bindend, sondern als "Orientierungsrichtlinien" gedacht. Das Schützenparlament stellt seinen 1300 Bruderschaften künftig frei, wie sie im Einzelfall verfahren. Die Bruderschaften und Vereine reagieren in der großen Mehrheit offen auf die Neuerungen.

Die Düsseldorfer St. Sebastianus Schützen von 1316 machen um die Sache kein großes Tamtam. "Bei uns ist jeder herzlich willkommen, solange er sich an die Spielregeln hält", sagt Schützenchef Lothar Inden schlicht. Andreas Bahners, 1. Chef des St. Sebastianus Schützenvereins Düsseldorf-Heerdt 1573 e.V., hält den Schritt des BDHS für überfällig. In seinem Verein werde die Offenheit seit Jahren gelebt. "In unserem Schützenverein kann jede natürliche Person Mitglied werden, völlig gleichgültig welcher Religion sie angehört, ob sie männlich oder weiblich ist und welche sexuelle Orientierung sie hat. Gleiches gilt für die Königswürde", sagt Bahners. Wichtig sei dem Verein, dass nach der Satzung gehandelt und dass die Gemeinschaft und das soziale Engagement des Schützenvereins von den Mitgliedern gelebt werde.

Ganz anders reagiert die Schützenbruderschaft Düsseldorf-Hamm. Ihr Chef Willi Andree stellt klar, dass Muslime auch weiter nicht Mitglied in seinem Verein werden können. "Als Bruderschaft sind wir aus Tradition den christlichen Werten verbunden. Das heißt, dass Angehörige anderer Religionen, wie zum Beispiel Muslime, bei uns nicht Mitglied werden können", sagte er "Bild". Homosexuelle dagegen dürfen dem Bericht zufolge Mitglied und auch Schützenkönig werden. Denn sexuelle Orientierung sei Privatsache. Allerdings dürfe der Partner eines homosexuellen Schützenkönigs nicht den Platz der Schützenkönigin einnehmen.

Ehemaliger Vorsitzender ist jetzt eine Frau

Bei der St. Helena Schützenbruderschaft in Rheindahlen kann man den Wirbel um die Frage, ob sich Schützenvereine für Homosexuelle und Muslime öffnen sollten, nicht nachvollziehen. "Hier haben wir schon seit Jahrzehnten andersgläubige oder homosexuelle Mitglieder", sagt Jürgen Kolonko, erster Brudermeister des Vereins, im Gespräch mit unserer Redaktion. Vor einiger Zeit habe sich außerdem ein ehemaliger Vorsitzender des Vereins einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und lebe seitdem als Frau — auch das sei nie ein Thema unter den Rheindahlener Schützen gewesen, versichert Kolonko.

Zwar stehe nach wie vor in der Satzung des Vereins, dass sich Mitglieder im Sinne des katholischen Glaubens verhalten sollten, jedoch sei das für Kolonko kein Hindernis für Andersgläubige. "Wir sind ein offener Verein, der auch Jugendlichen eine Heimat geben will. Da gehört es für uns dazu, dass man mit der Zeit geht und sich nicht vor Neuem verschließt", sagt der Rheindahlener.

Die historischen Schützenbruderschaften in Neuss begrüßen die Beschlüsse des BDHS. Karl Schäfer, Bezirksgeschäftsführer des BDHS in Neuss, bezeichnet diesen Schritt als große Öffnung. Er begrüßt die Liberalisierung und die nun festgelegte Regelung. Auch Reiner Kivelitz, Präsident der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Grefrath, steht den Beschlüssen positiv gegenüber. In Grefrath habe es vor drei Jahren bereits einen solchen Fall gegeben. Damals habe es eine später zurückgezogene Anfrage zur Königsbewerbung eines Homosexuellen gegeben. Er habe allerdings nicht mit seinem Partner als "Ersatzkönigin" das Königspaar bilden dürfen, so Kivelitz. An dieser Entscheidung wolle man auch in Zukunft festhalten. Bei den Grefrather Schützen hat man also eine ähnliche Haltung wie in Düsseldorf-Hamm.

Der Brudermeister der St.-Peter-und-Paul-Bruderschaft Rosellerheide-Neuenbaum, Heinz Meuter, stellt fest: "Menschen, die man ausgrenzt, kann man nicht gewinnen." Die Gesellschaft habe sich geändert. Es handle sich aber um Einzelfälle, mit denen man nicht jeden Tag konfrontiert werde, betont er. Für Torsten Klein, Schützenkönig auf der Furth und Mitglied der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft, bleiben allerdings einige Fragen offen. "Es gibt keine einheitlichen Richtwerte für die Aufnahme", bemängelt er. Auch bestehe keine Rechtssicherheit für diese Einzelfälle. Man wolle nicht wegen strittiger Entscheidungen in der Kritik stehen, sagt er. Deswegen würden auf der Furth die Beschlüsse noch nicht umgesetzt werden können. Klein sehe noch Besprechungsbedarf.

Drei Türken seit Jahren dabei

Jo Deußen, zweiter Brudermeister der St. Hubertus-Schützenbruderschaft Hackenbroich in Dormagen, sagt: "Ich freue mich über diesen Beschluss. Damit wird nachvollzogen und geregelt, was in vielen Bruderschaften durch pragmatische Entscheidungen schon möglich war. Also die gelebte Praxis: Bei uns sind seit Jahren drei Türken mit Freunde und Engagement dabei, vor Jahren hatten wir auch einen homosexuellen König".

Ähnlich sieht man die Sache bei der St. Hubertus-Schützenbruderschaft Horrem in Dormagen: Brudermeister Manfred Klein sieht sich in dem Beschluss des BDHS bestätigt: "Wir haben das in unserer Bruderschaft bereits besprochen und geklärt, wonach wir offen sind für Nicht-Christen und Homosexuelle, wenn sie ein Amt oder die Königswürde anstreben. Wir haben allerdings bislang solche Anfragen noch nicht erhalten. Ich glaube auch nicht, dass es durch den Beschluss vom Wochenende zu einem Zulauf kommt und außerdem glaube ich nicht, dass ein Moslem auf die Idee kommt, Mitglied in einer Bruderschaft werden zu wollen. Der fragt dann eher bei einem Schützenverein nach. Jetzt haben wir auf alle Fälle die Grundlage durch den Bund bekommen, die die Aufnahme regelt. Das finden wir gut".

Auf die Werte kommt es an

Auch die historischen Schützenbruderschaften in Kaarst begrüßen die Beschlüsse des BDHS zur Öffnung gegenüber Andersgläubigen, vor allem Muslimen, sowie Homosexuellen. Künftig entscheiden die Bruderschaften im Einzelfall, ob diese Mitglied und König der Bruderschaft werden können. Dabei müssen sich die Anwärter aber zu den Zielen und Werten der Bruderschaften bekennen.

Für Guido Otterbein, Schriftführer der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Kaarst, ist dieses Thema nicht neu. Bereits vor zwei Jahren hatte die Bruderschaft einen muslimischen Schülerprinzen. Der durfte zwar damals noch nicht an Bezirksveranstaltungen teilnehmen, feierte aber sonst ein normales Schützenjahr, sagt er. "Man kann sich dem Thema nicht verschließen und muss mit der Zeit gehen." Man werde in Zukunft neutral und liberal mit diesem Thema umgehen, erklärt er weiter.

Auch Thomas Schröder, Brudermeister der Bruderschaft St. Eustachius Büttgen/Vorst, hält die Entscheidung für einen positiven und spannenden Prozess. Er sieht darin eine Chance, sich nochmals grundlegend mit den eigenen inhaltlichen Angeboten zu befassen und diese neu zu gestalten. Wenn sich die Anwärter vorstellen könnten, an den kirchlichen Angeboten und Veranstaltungen teilzunehmen, hätten sie die Gelegenheit, den christlichen Glauben kennenzulernen. Dabei solle aber nicht versucht werden diese zu bekehren, so Schröder. Vielmehr könne ein offener Dialog stattfinden.

Die St.-Sebastianus-Bruderschaft in Büttgen hingegen hat sich bisher noch nicht mit dem Thema beschäftigt. Die damit verbundene Änderung der Satzung, so Brudermeister Franz-Joseph Bienefeld, müsse erst ausgearbeitet und bei einer Mitgliederversammlung im Januar 2018 beschlossen werden.

Bei der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Mündelheim/Ehingen aus Duisburg läuft die Historische Deutsche Schützenbruderschaft mit dem Beschluss unterdessen offene Türen ein. "Unsere Bruderschaft hat bereits in den vergangenen Jahren einen liberaleren Kurs befürwortet. Wir finden den Beschluss des BDHS daher sehr gut, weil er eine Bestätigung unserer Auffassung ist", sagt der 2. Brudermeister Jürgen Willger (65). Die Schützenbruderschaft wurde 1712 gegründet. Derzeit hat sie 145 Mitglieder.

Keine Ablehnung wegen Sexualität oder Religion

Für den Schützenverein Holderberg-Bettenkamp aus Moers ist die Aufnahme homosexueller sowie muslimischer Mitglieder kein Problem. "Das war schon immer so und wird auch künftig so sein", sagt der 1. Vorsitzende Manuel Dittmer. Homosexuelle Mitglieder habe man in der Vergangenheit bereits aufgenommen. Zu Muslimen habe man bisher noch keinen Kontakt gehabt, weil es sich einfach nicht ergeben habe. "Natürlich behalten wir uns vor, Anträge auf eine Mitgliedschaft abzulehnen. Aber das hat weder mit der sexuellen noch mit der religiösen Orientierung zu tun", sagt der 37-Jährige. Der 145 Mitglieder starke Schützenverein Holderberg-Bettenkamp ist als Bürgerschützenverein ohnehin nicht an die Vorgaben des Historischen Deutschen Schützenbundes gebunden.

Ein Interview zum Thema mit dem Bundesschützenmeister Emil Vogt aus Leverkusen lesen Sie hier.

(skr, url, hpaw)
Mehr von RP ONLINE