Misshandlungen in Flüchtlingsheimen: Skandalbranche Sicherheit

Misshandlungen in Flüchtlingsheimen : Skandalbranche Sicherheit

40 Stunden Ausbildung reichen, um Wachmann in einem Flüchtlingsheim zu werden. Die Löhne sind niedrig, die Fluktuation der Beschäftigten groß, und der Staat drängt auf niedrige Preise. Wie ein Skandal provoziert wurde.

Lässt sich eine schlimmere Misstrauenserklärung für eine Branche denken, als dass der Verfassungsschutz und die Polizei jetzt jeden Mitarbeiter durchleuchtet? Gab es Vorstrafen, gab es sexuelle Belästigung, ist jemand im Umfeld von radikalen Gruppen aktiv geworden? Nach diesen Kriterien werden nun die Sicherheitsmitarbeiter aller vom Land betriebenen Flüchtlingsheime in NRW durchleuchtet. Gestern erläuterte in Arnsberg dazu der für Flüchtlingsbetreuung zuständige Regierungspräsident auch noch den Betreibern der Flüchtlingsheime im Land, wie sie künftig mit Sicherheitsdiensten zusammenarbeiten sollten.

Die neue Überwachungspraxis ist überfällig - und auch notwendig. Denn das Sicherheitsgeschäft gehört zu den umstrittensten und am schlechtesten zahlenden Branchen in Deutschland. Wegen möglicher Straftaten in mehreren Flüchtlingsheimen ermittelt die Staatsanwaltschaft, sowohl die Bundesregierung als auch die Landesregierung geben sich entsetzt, doch in Wahrheit hat die Krise Methode.

"Wenn der Staat immer nur billig, billig, billig ruft, braucht er sich über die Qualität nicht wundern", sagt Andrea Becker, Landesfachleiterin besondere Dienstleistungen bei der Gewerkschaft Verdi. Ähnlich sieht das ausgerechnet der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BSW), in dem sich 900 von rund 4000 Unternehmen der Sicherheitswirtschaft zusammengeschlossen haben. "Zu viele Mitarbeiter haben keine richtige Qualifikation", sagt BDSW-Sprecherin Silke Wollmann, "das ist gerade beim Einsatz in sensiblen Einrichtungen riskant."

Denn nur zehntausend der insgesamt 185 000 Mitarbeiter der Branche haben eine zwei- oder dreijährige Ausbildung absolviert, die anderen nur kurze Schulungen, die oft nur 40 Stunden lang waren. Und der Kölner Unternehmer Jan-Ole Dietrich, der die Sicherheitsfirma Rad mit 150 Mitarbeitern führt, sagt: "Die Sicherheitskräfte in den Asylbewerber-Wohnheimen bekommen fast nie mehr als zehn Euro die Stunde. Es ist eigentlich nicht möglich, zu diesen Löhnen Mitarbeiter zu finden, die für diese schwierige Aufgabe ausreichend qualifiziert sind."

Dabei verschärfen die niedrigen Gehälter die Krise. Weil die Sicherheitsfirma SKI nicht schnell genug genügend Mitarbeiter für das Flüchtlingsheim in Burbach fand, heuerte sie eine weitere Firma an - und deren Mitarbeiter gefielen sich dann darin, einen Flüchtling zu demütigen und dies auch noch zu fotografieren. Nachträglich stellte sich dann heraus, dass niemand diese Beschäftigten ernsthaft auf ihre Qualifikation geprüft hatte.

Als Reaktion auf den Skandal hat European Homecare als Betreiberin von sechs Flüchtlingsheimen des Landes sich von SKI getrennt. Für vier Häuser wurde die Gelsenkirchener Stoelting-Gruppe als Sicherheitsfirma angeheuert, für ein weiteres in Essen die dortige Kötter-Gruppe. "Wir brauchen schnell große Partner, die auch zügig genügend Leute bereitstellen können", erklärt Renate Walkenhorst als Sprecherin von European Homecare. Immerhin müssen für die Bewachung nur eines Hauses bei Zwölf-Stunden-Schichten rund 30 Mitarbeiter eingeplant werden.

Doch tatsächlich gehen die Probleme weiter. Die neue Sicherheitsfirma Stoelting selbst erklärt zwar, für die neuen Aufträge nur eigene unbescholtene und ausgebildete Mitarbeiter einzusetzen.

Doch Stoelting ist nicht Mitglied im für hohe Standards eintretenden Branchenverband DSW. Und bei der Gewerkschaft Verdi hat das Unternehmen einen schlechten Ruf, weil Lohnabrechnungen oft falsch seien. "Hier kommen jede Woche Beschwerden rein", berichtet die zuständige Gewerksschaftssekretärin Katja Arndt. Einen Betriebsrat gäbe es bei dem Unternehmen auch nicht. "Viele Mitarbeiter bei Stoelting haben Angst", sagt Frau Arndt.

Auch mit der anderen neuen Sicherheitsfirma Kötter Security hat European Homecare nicht nur Glück. Das Unternehmen mit 15 000 Mitarbeitern hat zwar einen relativ guten Ruf, aber als Anhänger hoher Gehälter gilt Firmenchef Friedrich Kötter nur bedingt. Er wetterte lange gegen allgemeine Mindestlöhne. Allerdings hat sich Friedrich Kötter selbst immer wieder für höhere Ausbildungsstandards in seiner Branche eingesetzt - der Einsatz in den Heimen

Trotz der vielen Probleme in den Flüchtlingsheimen fordert aber niemand, dass die Polizei den Schutz der Häuser komplett übernimmt. "Das wäre keine Polizeiaufgabe", heißt es beispielsweise bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Die konkurrierende Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) ergänzt, bei nur niedrigen Löhnen dürfe man sich "nicht wundern, wenn Personal mit so sozial und psychisch anspruchsvollen Aufgaben wie der Sicherung von Flüchtlingswohnheimen überfordert ist". Das sagt Erich Rettinghaus als NRW-Chef der DPoIG.

Was sich ändern muss, erklärt Silke Wollmann als Sprecherin des Branchenverbandes: Nicht das Wirtschaftsministerium, sondern das Innenministerium müsse entscheiden, ob eine Sicherheitsfirma arbeiten darf. Nur so ließen sich Standards wie bei der Polizei durchsetzen.

(RP)
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