Silvester 2018: Notarzt-Chef Frank Riebandt fordert „Böller-Führerschein“

Feuerwerks-Verkauf startet : Notarzt-Chef fordert „Böller-Führerschein“

Am Freitag startet der Verkauf fürs Silvesterfeuerwerk. Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Notärzte in Deutschland macht sich für eine Art Sachkundenachweis für das Abbrennen von Feuerwerkskörpern stark.

Frank Riebandt hat schon so ziemlich jede schwere Verletzung gesehen und behandelt, die durch den unsachgemäßen Gebrauch eines Böllers verursacht worden ist. An der Hand, am Hals und im Gesicht. Und selbst im Genitalbereich soll es immer wieder zu schweren Verbrennungen durch Feuerwerkskörper kommen. „Nämlich dann, wenn die Knaller plötzlich in der Hosentasche explodieren“, sagt der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands. Daher fordert er, dass alles unternommen werden müsse, um dieses vermeidbare Risiko einzudämmen.

„Aus notfallmedizinischer Sicht sollte der Erwerb von Feuerwerkskörpern grundsätzlich erschwert werden. Denkbar wäre auch die Einführung einer Art Führerschein für Böller und Silvesterraketen, bei dem man den sachgerechten Umgang lernt“, sagt Riebandt. Und nicht nur das Abbrennen von Feuerwerkskörpern sollte gelernt sein, sondern auch das dazu gehörende Management. „Das heißt, dass man zum Beispiel wissen muss, dass man niemals in einem stark alkoholisierten Zustand Böller zünden sollte“, sagt er. Einen entsprechenden Nachweis könnte man dann beim Kauf vorlegen.

Mit den ersten Unfallopfern rechnen die Notaufnahmen bereits am heutigen Freitag, dem bundesweiten Verkaufsstart von Feuerwerkskörpern für Silvester. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) warnt dringend davor, in Deutschland nicht zugelassenes Feuerwerk über das Internet zu beziehen. „Vermeintlich billige Raketen oder Chinaböller können Sie teuer zu stehen kommen. Achten Sie deshalb der eigenen Sicherheit zuliebe darauf, nur zugelassenes Feuerwerk zu kaufen“, betont Laumann. Die Bezirksregierungen führen intensive Kontrollen in den Verkaufsstellen durch. Neben der korrekten Kennzeichnung wird zum Beispiel kontrolliert, ob die Händler die Feuerwerkskörper richtig lagern und ob sie die zulässigen Höchstlagermengen einhalten. Im vergangenen Jahr sind laut NRW-Gesundheitsministerium bei Kontrollen vor Silvester 1580 Betriebe überprüft und dabei insgesamt über 850 Verstöße festgestellt worden. Unter anderem wurden mehr als 200 nicht vorschriftsmäßig gekennzeichnete Feuerwerkskörper entdeckt.

Warum sind die Billig-Böller aus Polen und China so gefährlich? Sie enthalten im Gegensatz zu den in Deutschland zugelassenen Feuerwerkskörpern in der Regel Ammoniumnitrat mit einer 40-prozentigen Sprengkraft des Sprengstoffes TNT. Zudem sind bei den Illegalen die Verzögerungszeiten bis zur Detonation nicht bestimmbar. Das heißt, dass die Kracher nach Anzünden jederzeit hochgehen können – also auch in der Hand. „Gefährlich sind auch die sogenannten Blindgänger“, warnt Riebandt. „Wenn ein Böller nicht zündet, sollte man ihn auf keinen Fall aufheben. Der kann plötzlich hochgehen“, sagt er. Trotz der Gefahren lassen sich viele nicht vom Kauf der illegalen Böller abschrecken. Denn sie kosten nur einen Bruchteil von dem Preis der zertifizierten Produkte in den Geschäften. Und natürlich ist es die zum Teil enorme Sprengkraft der illegalen Böller, die viele fasziniert und dazu verleitet, diese zu kaufen. Wer mit den illegalen Krachern von der Polizei oder vom Ordnungsdienst erwischt wird, dem droht eine hohe Geldstrafe.

Eine Mehrheit der Bundesbürger spricht sich einer Umfrage zufolge für Feuerwerksverbote in deutschen Innenstädten aus. Fast 60 Prozent von mehr als 5000 Befragten wünschten sich das, wie das Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag der Online-Portale der „Funke-Mediengruppe“ herausfand. In der Düsseldorfer Altstadt wird es aus Sicherheitsgründen ein solches Verbot geben. „Das dient dazu, die Zahl der Verletzungen und Gefährdungen von Menschen durch unsachgemäßen Gebrauch von Feuerwerkskörpern zu reduzieren“, erklärt Stadtsprecher Volker Paulat. In Köln darf rund um den Dom nicht geböllert werden. Der Bereich werde laut Stadt durch hüfthohe Gitter markiert. Die Besucher würden an den rund 50 Eingangsschleusen kontrolliert.

Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) hat die zunehmenden Verbote von Silvesterfeuerwerken in großen Städten kritisiert. Damit würden die falschen Adressaten getroffen, sagte Verbandsgeschäftsführer Klaus Gotzen. „Man trifft nicht nur die, die über das Ziel hinausschießen, sondern auch alle, die friedlich feiern wollen.“

Infos: Wie lange darf man Silvester knallen?

Für Riebandt spielt das Geschlecht bei den Vorfällen mit Böllern eine entscheidende Rolle. „Es sind überwiegend junge Männer, die sich aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen schwere Verletzungen zuziehen“, sagt der Notarzt-Chef. „Sie sind meist betrunken und wollen angeben. Das ist eine gefährliche Mischung“, betont er.

(csh)
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