Siegburg: 67-jähriger Arzt verschenkt seine Praxis

Kein Nachfolger gefunden: Arzt verschenkt seine Praxis in Siegburg

Richard Beitzen hat es satt: Seit fünf Jahren sucht der 67-jährige Hausarzt einen Nachfolger für seine Praxis in Siegburg im Rhein-Sieg-Kreis. Nun hat er sich zu einem drastischen Schritt entschieden.

Für den 67-jährigen Richard Beitzen ist die Situation eine Katastrophe. Einfach niemand will seine Praxis übernehmen. "Das ist, als würde dir einer beim 400 Meter-Lauf auf der Zielgeraden die Beine wegtreten", sagt er.

Eigentlich hatte der Allgemeinmediziner seinen Ruhestand bereits geplant: Verreisen, Fremdsprachenkenntnisse vertiefen und: "einfach mal ohne Wecker wach werden." Aber daraus ist bislang nichts geworden. Der Erlös aus der Praxis, die laut einem Gutachter 150.000 Euro wert ist, war als Altersvorsorge für den Arzt gedacht. Doch jetzt sieht Beitzen nur noch einen Ausweg: Er will seine Praxis verschenken.

"Auf herkömmlichem Weg habe ich einfach keinen geeigneten Nachfolger finden können", sagt Beitzen im Gespräch mit unserer Redaktion. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtete zuerst über den Fall. Vor einiger Zeit hatte sich sogar eine potenzielle Interessentin gemeldet. "Es handelte sich um eine Brasilianerin, die aber schon seit vielen Jahren in Deutschland lebt", sagt Beitzen. Als sie jedoch einige Tage in der Praxis gearbeitet hatte, seien sich beide Seiten einig gewesen, dass sie für die Nachfolge nicht geeignet war. "Sie konnte an einem Arbeitstag acht bis zehn Patienten versorgen", sagt Beitzen. Wegen der Krankenkassen-Vorgaben müsse man dieses Pensum aber in einer Stunde schaffen. Also machte sich Beitzen erneut auf die Suche.

Schnell sei aber klar geworden, dass kaum jemand bereit ist, 40 bis 50 Stunden in der Woche in einer Praxis zu arbeiten. "Viele Frauen haben Interesse gehabt, die wollen häufig nur vormittags arbeiten, um nachmittags für die Kinder da zu sein", sagt Beitzen. Das sei bei einem Patientenstamm von 1000 Personen nicht möglich.

Bei der Praxis handelt es sich um eine Gemeinschaftspraxis. Eine weitere Ärztin dort hat noch einmal die gleiche Anzahl an Patienten. Außerdem müsse man als Hausarzt mehr mitbringen als 150.000 Euro: "Wichtig sind Empathie, Wahrnehmungsfähigkeit, fachliche Kompetenz und auch unternehmerisches Denken", beschreibt Beitzen die Qualifikationen, die ein potenzieller Nachfolger mitbringen sollte.

Laut Heiko Schmitz von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein gestaltet sich die Nachfolgersuche insbesondere bei den Hausärzten in ländlichen Regionen schwierig. "Zurzeit haben wir insgesamt über 200 freie Hausarztsitze in der Region", sagt Schmitz unserer Redaktion. Wegen der Altersstruktur der Hausärzte rechne man zudem damit, dass sich die Anzahl der freien Praxen noch weiter erhöhen werde. "Etwa jeder dritte heute noch aktive Hausarzt in der Region ist über 60 Jahre alt und wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich einen Praxisnachfolger suchen", sagt Schmitz.

Nachdem sich Beitzen zu dem schweren Schritt entschied, die Praxis zu verschenken, haben sich innerhalb von 24 Stunden sieben Bewerber bei dem Hausarzt gemeldet. "Und da sind sogar einige aus der näheren Umgebung dabei", sagt Beitzen. Die Praxis in der Ortschaft Kaldauen sei laut einem Gutachter 150.000 Euro wert. Die Möbel, Praxisausstattung und medizinischen Geräte seien in dem Preis bereits inklusive und rund 35.000 Euro wert. Obwohl er die Praxis verschenken will, möchte Beitzen diesen Anteil eigentlich noch raushandeln. Schließlich habe er auch noch eine Hypothek, die abbezahlt werden müsse.

Laut Schmitz von der Kassenärztlichen Vereinigung gebe es eine lange Liste von Maßnahmen, mit deren Hilfe das Nachfolgerproblem angegangen werden soll. "Um die angespannte Nachwuchslage in der ambulanten Versorgung nachhaltig zu beheben, braucht es aus unserer Sicht aber vor allem mehr junge Nachwuchsmediziner", sagt Schmitz.

(skr)