Sexuelle Übergriffe gegen Kinder: Was Eltern ihren Kindern sagen können, um sie zu schützen

Sexuelle Übergriffe : Wie Eltern ihre Kinder vor Übergriffen schützen können

In Düsseldorf sind innerhalb von kurzer Zeit mehrere Kinder von einem Fremden sexuell belästigt worden. Wie können Eltern ihre Kinder auf solche Fälle ansprechen - und sie davor schützen? Sieben Tipps für das Gespräch in der Familie.

Innerhalb von acht Wochen sind drei Kinder in Düsseldorf sexuell belästigt worden. Bislang ist nicht klar, ob es sich um denselben oder unterschiedliche Täter handelt, die Polizei fahndet. Viele Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Kind Opfer eines Übergriffs werden könnte. Damit auch Kinder eine Gefahrensituation rechtzeitig erkennen, ist es wichtig, frühzeitig mit ihnen zu reden. Aber wie spricht man altersgerecht über dieses schwierige Thema, ohne sein Kind direkt in Panik zu versetzen? Wir haben mit Christina Lenders-Felske von der Fachberatungsstelle für Familien und Gewalterfahrung der Diakonie Düsseldorf gesprochen. Sie sagt: Präventionsarbeit ist Aufgabe der Eltern und fängt im ganz normalen Familienalltag an. Wir haben Beispiel-Sätze gesammelt, die das Gespräch zwischen Eltern und Kindern eröffnen können.

1. „Du entscheidest über deinen Körper“ - Distanz und Nähe lernen

Kinder sollten von Geburt an lernen, dass sie selbst über ihren Körper bestimmen dürfen und umgekehrt auch die Körper anderer respektieren müssen. Natürlich überschreiten Eltern selbst täglich diese Grenze, bestimmen über den Körper und das Wohl ihres Kindes. Etwa wenn man es von der Straßenkreuzung wegzerrt oder ihm gegen seinen Willen eine Mütze überzieht, weil es draußen nun mal kalt ist. Wichtig ist, dass der Protest des Kindes dabei nicht einfach übergangen wird. Man kann dem Kind zuhören, ihm vermitteln, dass man seine Meinung registriert hat, aber jetzt einen Kompromiss finden muss. Beispielsweise, dass das Kind zwar nicht im Buggy, dafür fest an der Hand über die Kreuzung geht oder statt der dicken Fellmütze wenigstens ein Stirnband aufzieht.

2. „Das ist dein Bauch, dein großer Zeh, dein Penis“ - Körperteile klar benennen

Damit Kinder ihren Körper verteidigen können, müssen sie ihn benennen können. Kinder müssen eine Sprache finden, um sich wehren und sagen zu können, wo ihnen im Falle eines sexuellen Übergriffes wehgetan wurde. Bei vielen Erwachsenen sind die Geschlechtsteile mit einer anerzogenen Scham belegt. Dieses Gefühl haben Kinder nicht und sollen es nach Möglichkeit auch nicht entwickeln. Dafür ist es wichtig, dass über Geschlechtsteile in der Familie so normal gesprochen wird wie über andere Körperteile auch. Vagina, Scheide, Penis sollten genauso normale Wörter sein wie Ohren, Daumen und Schienbein.

Über den unverkrampften Umgang mit Geschlechtsteilen und die richtige Aufklärung von Kindern spricht Psychologin  Claudia Kader-Tjijenda in einer Folge unseres Wissens-Podcasts „Praktisch Faktisch“.

3. „Du darfst auch zu Erwachsenen ‚Nein’ sagen“ - In den eigenen Gefühlen bestärken

Wie soll sich ein Kind in einer Extremsituation gegen einen Erwachsenen behaupten können, wenn es im Alltag keine Übung darin hat? Daher ist es wichtig, dass Eltern sich im Alltag hinter ihre Kinder stellen, wenn diese bestimmten Körperkontakt mit anderen Erwachsenen nicht möchten. Wenn ein Kind sich von der Großtante zur Begrüßung nicht auf die Wange küssen lassen möchte, muss es das nicht. Es muss auch niemandem die Hand geben oder bei jemandem auf dem Schoß sitzen, wenn es ihm unangenehm ist. Erwachsene sollten bei einer Zurückweisung durch ein Kind nicht beleidigt oder enttäuscht reagieren, sondern die Signale einfach akzeptieren. Das gilt für Außenstehende genauso wie für die Eltern selbst.

4. „Es gibt Menschen, die meinen es nicht nur gut mit Kindern“ - Warnen, ohne Angst zu schüren

Anstatt von „Kinderklauern“ oder ähnlich diffusen Dingen zu reden, können Eltern ganz allgemein darüber sprechen, dass es Menschen gibt, die nicht nur gute Absichten Kindern gegenüber haben. Von konkreten Vorfällen in der Nachbarschaft, wie zum Beispiel derzeit in Düsseldorf-Bilk, zu erzählen, ist nicht sinnvoll. Es könnte Kinder so in Angst versetzen, dass sie sich nicht mehr vor die Tür trauen. Es ist auch nicht hilfreich, Kindern einzubläuen, dass sie nicht mit Fremden reden sollen, schließlich will man ihnen auch kein überzogenes Misstrauen anerziehen. Vielmehr sollten Kinder darin bestärkt werden, ihre eigenen Gefühle zu registrieren und ihnen zu trauen.

5. „Es ist immer okay, wegzulaufen oder zu schreien“ - Im Notfall ist alles erlaubt

Wenn ein Kind in eine Situation gerät, in der es sich nicht wohl fühlt, darf es alles tun, um sich daraus zu befreien. Es soll wissen, dass es in solchen Fällen völlig in Ordnung ist, einfach wegzugehen und einen Gesprächspartner stehen zu lassen. Manche Kinder würden ein solches Verhalten vielleicht als feige oder unhöflich empfinden. Ihr eigenes Gefühl ist aber wichtiger als die Gefühle anderer. Sollte tatsächlich jemand die körperliche Grenze des Kindes überschreiten, darf es brüllen und schreien so laut es kann. Von „Lass das!“ über „Hilfe!“ bis hin zu Schimpfwörtern ist alles erlaubt. Hier sollte man seinen Kindern lieber keine zu langen Sätze in den Mund legen, an die sie sich in einem Notfall dann möglicherweise krampfhaft zu erinnern versuchen.

6. „Egal was dir mal passiert: Du bist nicht schuld“ - Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem eigenen Verhalten und bösen Dingen

Wenn Eltern mit ihren Kindern über mögliche Übergriffe reden, ist es wichtig zu jedem Zeitpunkt deutlich zu machen, dass der Fehler voll und ganz bei der anderen Person liegt. Bei manchen Kindern führen beigebrachte Verhaltensregeln (zu denen ja auch das oben beschriebene „Nein“ sagen gehört) zu einem Gefühl der Mitschuld. Das Kind macht sich im Falle eines Übergriffs möglicherweise Vorwürfe, beispielsweise nicht laut genug „Nein“ gesagt zu haben. Deswegen muss bei dem Thema eindeutig klar sein, dass immer, immer, immer der Täter verantwortlich ist. Niemand darf Kindern wehtun.

7. „Du kannst uns alles erzählen“ - Ein Netz aus Vertrauten schaffen

Kinder sollen wissen und - noch wichtiger - spüren, dass sie Menschen um sich haben, denen sie alles anvertrauen können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Für Kinder ist es wichtig, dass dieser geschützte Raum auch so benannt und gelebt wird. Gut ist es, dem Kind außerhalb der Familie Ansprechpartner aufzuzeigen. Frei nach dem Motto: „Wenn es mal etwas gibt, das du nicht mit mir besprechen willst, kannst du auch mit deiner Lehrerin, dem Kinderarzt, deiner Patentante oder einer anderen nahestehenden Person reden.“ Die Botschaft muss sein, dass viele Menschen ein offenes Ohr für das Kind haben.

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