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Schulstart in NRW trotz Corona: Schüler demonstrieren in Düsseldorf

Schüler demonstrieren in Düsseldorf : „Abitur 2020 geht über Leichen“

Mit Schildern und Plakaten demonstrierten am Donnerstag mehrere Schüler gegen die Entscheidung der Landesregierung zur Schulöffnung. Unter Sicherheitsabstand erheben die Jugendlichen schwere Vorwürfe.

Emily Birkner ist wütend. Während viele ihrer Mitschüler am Donnerstagmorgen nach fast sechswöchiger Pause erstmals wieder zum Unterricht am städtischen Gymnasium Wülfrath erschienen waren, ist die angehende Abiturientin stattdessen nach Düsseldorf gefahren. Dort tat sie ihren Protest mit weiteren Mitstreitern vor der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei am Horionplatz kund. Auf ihren Schildern stehen Aussagen wie „Abitur 2020 geht über Leichen“ oder „Jede Schule ein kleines Heinsberg“.

„Ich hätte heute die freiwillige Möglichkeit gehabt, wieder in die Schule zu gehen und an den Vorbereitungen für die anstehen Abiturprüfungen teilzunehmen“, sagt die 18-Jährige. Damit hätte sie Glück im Gegensatz zu anderen Schülern an Berufskollegs und Realschulen, deren Schulpflicht weiter Bestand hat. „Aber ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Meine Eltern gehören beide zur Risikogruppe. Ich habe mich wochenlang möglichst isoliert und kann nicht verantworten, jetzt über die Schule etwas nachhause zu bringen.“ Verantwortungslosigkeit wirft sie stattdessen NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) vor, die mit ihren Schulöffnungsplänen für die jeweiligen Abschlussklassen viel Kritik vonseiten der Schülerschaft zu hören bekam.

1.300 weitere Schüler, Lehrer und Eltern hätten die Kundgebung nach Angaben der Initiatoren „Schulboykott NRW“ mit einer Petition virtuell unterstützt. Aufgrund des Versammlungsverbots und um weitere Ansteckungsrisiken zu vermeiden waren nur etwa 20 Demonstranten aus verschiedenen Städten erschienen, die in Zwei-Meter-Abstand unter den Augen der Polizei ihre Schilder hochhielten. Zuvor waren bereits am Montag einige Schüler zum Demonstrieren vor die Staatskanzlei gekommen.

„Wir fordern ein Durchschnittsabitur, was sich aus den bisherigen Leistungen der Q1 und Q2 errechnet, mit einer freiwilligen Prüfung zur möglichen Notenaufbesserung“, sagt Co-Initator David-Luc Adelmann vom Krefelder Maria-Sibylla-Merian-Gymnasium. Abschlussprüfungen unter diesen Voraussetzungen seien auch besonders mit Blick auf Real-, Hauptschulen oder Berufskollegs ungerecht, betont er. „Wir Abiturienten sind da ja meist noch privilegiert. Aber die soziale Herkunft kann Einfluss auf die heimische Vorbereitung haben. Nicht jeder Schüler hat W-Lan zuhause oder ein eigenes Zimmer. Bei manchen kommt auch noch häusliche Gewalt oder psychische Belastung durch mehrköpfige Familien auf engem Wohnraum hinzu“, sagt er. Bestärkt sieht er sich durch ähnliche Aussagen von der landesschulpolitischen Sprecherin der Grünen, Sigrid Beer, sowie der Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Auch Chris Thiemann von der Duisburger Gesamtschule Mitte fürchtet die erhöhte Ansteckungsgefahr, wenn viele Schüler wieder auf engstem Raum zusammenkommen. „Ich würde es höchstwahrscheinlich gut überstehen aber ich habe eine große Familie zuhause, darunter sogar eine Ur-Großmutter.“ Helena Hayer wiederum hofft, dass der Schulstart auch für die anderen Stufen noch weiter verschoben wird. „Damit noch besser geplant werden kann. Ich mache im nächsten Jahr erst meinen Abschluss. Aber spezielle Programme aus der Schule kann ich zuhause am PC gar nicht umsetzen“, sagt die Schülerin vom Berufskolleg für Technik in Moers.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schüler demonstrieren gegen Schulöffnungen