1. NRW
  2. Panorama

Schule trotz Corona: Abiturient aus Krefeld erklärt, warum sie geschlossen bleiben sollte

Abiturient aus Krefeld : „Ich gehe sicher nicht zur Schule“

Ab Donnerstag sollen Abiturienten wieder in die Schule gehen, freiwillig. In vielen Städten protestieren Schüler dagegen, so auch David-Luc Adelmann. Der 18-jährige Krefelder hat das Bündnis „Schulboykott NRW“ mit ins Leben gerufen. Hier erklärt er, warum er am Donnerstag nicht in die Schule gehen wird.

Ich gehe am Donnerstag ganz sicher nicht in die Schule. Das hat mehrere Gründe. Erstens bin ich Allergiker. Das heißt, ich niese und huste, habe also eine symptomatische Krankheit. In der Schulmail des Bildungsministeriums heißt es, dass Schüler mit eben solchen Erkrankungen nicht gehen dürfen. Ich würde aber auch dann nicht hingehen, wenn ich gesund wäre, denn ich mache mir Sorgen. In meinem Umfeld gibt es mehrere Menschen aus der Risikogruppe. Meine Großmutter lebt im Seniorenheim, und ein Besuch bei ihr wäre vollkommen undenkbar, wenn ich in die Schule ginge. Gleiches gilt für meine Eltern. Meine Mutter ist Physiotherapeutin. Das bedeutet, sie könnte nicht weiter arbeiten, wenn das Risiko besteht, dass ich infiziert bin.

Und das Risiko würde bestehen. Denn meiner Meinung nach ist es vollkommen unmöglich, die Kontaktbegrenzungen in der Schule umzusetzen. Man kennt das doch: die engen Gänge in der Schule, das Foyer, der Eingang. Das sind alles Orte, an denen es viel Gedränge gibt. Das ist kaum zu verhindern. Gleiches gilt für die Klassenzimmer. Ich bin in der Q2. Allein in meiner Stufe gibt es rund 120 Schüler. Es sitzen also rund 30 in einer Klasse. Wie soll man da 1,50 Meter Abstand halten?

  • Bislang sind die Schulen noch geschlossen
    Brief an Ministerin Gebauer : Schüler bittet Ministerin um längere Schulschließung
  • David-Luc Adelmann (17) gestern nach seiner
    Krefeld : Adelmanns Rede: Wie die Klima-Jugend denkt und spricht
  • Bonni-Schulleiter Rolf-Olaf Geisler im zurzeit verwaisten
    Hilden : Bonni bietet keinen Kunst-LK im Abitur

Aber sagen wir, all das wäre möglich, ich würde immer noch nicht in die Schule gehen, und zwar aus Solidarität zu jenen Mitschülern, die es eben nicht können. Die krank sind, die Menschen aus der Risikogruppe in ihrem Umfeld haben. Und die aus diesem Grund einen Nachteil beim Lernen haben. Ich bin davon überzeugt, dass man besser lernen kann, wenn man im Unterricht sitzt als wenn man zu Hause Ersatzunterricht bekommt. Dazu muss ich sagen, dass wir noch nicht wissen, wie der aussehen wird. Die Gymnasium hat uns noch nicht darüber informiert. Vielleicht kommen sie ja wirklich auf eine magische Idee, die fantastisch funktioniert. Aber aus meiner eigenen Erfahrung kann ich bis jetzt schon sagen, dass es deutlich schwerer ist.

Eigentlich fällt es mir leicht, allein und auch digital zu lernen. Aber wenn das die einzige Möglichkeit ist, ändert sich das schon. Derzeit tauschen wir uns mit den Lehrern vor allem per Mail aus. Es gibt außerdem eine Plattform, auf der Dokumente geteilt werden. Aber das ist kein Vergleich dazu, wenn man im Unterricht direkt Fragen stellen kann oder ein Lehrer den Stoff erklärt. Lernen wird so ständig unterbrochen, weil man warten muss, bis der Lehrer per Mail auf eine Frage antwortet. Ich merke, wie das meine Effizienz und meine Konzentration senkt. Es ist ja ohnehin schwerer, sich zu konzentrieren, weil der Ausgleich fehlt. Ich gehe kaum vor die Tür, kann nur eingeschränkt Sport machen, soziale Kontakte gibt es auch nicht. Das geht auch auf die Konzentration. Wie geht es da erst Schülern, die sich zusätzlich mit dem Lernen am Computer schwer tun?

Es ist alles andere als ideal. Genau genommen ist es eine Notlösung und zwar leider für ein Abitur, das so nicht sein müsste. Länder wie Frankreich oder Spanien machen es doch vor. Man könnte auch ein Durchschnittsabitur anbieten. Das bedeutet, das Abitur errechnet sich aus dem Notendurchschnitt aus der Q1 und der Q2. Außerdem wird eine freiwillige Abiprüfung angeboten, die jene in Anspruch nehmen können, die diese Chance brauchen, um ihren Notenschnitt anzuheben.

Ich weiß, es ist schwierig, das mit dem dezentralen Abitur in Deutschland zu vereinen. Aber die Abschlüsse aus den Nachbarländern werden ja sicher auch nach der Corona-Krise noch in Deutschland anerkannt. Warum sollte dann ein deutsches Durchschnittsabitur in Deutschland nicht anerkannt werden, ein französisches aber schon? Solche Fragen kommen auf und machen einen als Betroffenen unheimlich wütend.

Aus diesem Grund haben wir auch das Schülerbündnis „Schulboykott NRW“ ins Leben gerufen. Wir sind enttäuscht darüber, dass so ein Chaos im Bildungssystem entsteht - und dass ein solches Risiko eingegangen wird. Die führenden Wissenschaftler sagen ja, dass es auch weiterhin Corona-Fälle geben wird. Sollte es außerdem eine zweite große Corona-Welle geben, sind all jene betroffen, die jetzt in die Schule gehen. Und wozu? Warum hören die Bildungsminister nicht auf die Wissenschaft? Uns Schülern wird ja auch dauernd eingetrichtert, dass wir darauf hören sollen. Dass wir auf vernünftige Argumente hören sollen.

Das Beste wäre, Ministerpräsident Armin Laschet und Schulministerin Yvonne Gebauer würden jetzt erkennen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Das ist ja auch nicht schlimm. Politiker sind auch nur Menschen. Dass die Landesregierung also sagt, wir hören auf die Mehrheit der Betroffenen, das sind Schüler und Lehrer, und setzen jetzt noch einmal einen Stopp. Motto: Ihr seid Donnerstag und Freitag in die Schule gegangen, das tut uns leid. Das müsst ihr jetzt nicht mehr. Ihr haltet euch auch an die allgemeine Ausgangsbegrenzung, derzeit bis 4. Mai. Und wir setzen per Eilverfahren das Durchschnittsabitur um. Das würde ich mir wirklich wünschen. Ich muss dazu sagen, ich kenne mich mit Landespolitik nicht so gut aus. Aber aus Gesprächen mit Politikern der Grünen weiß ich, dass es wohl möglich sein soll, das Schulrecht in NRW per Eilverfahren auch in drei Wochen entsprechend zu verändern.