Schausteller-Messe „Interschau“ 2019: Wo der Achterbahnbesitzer shoppen geht

Trends von der Schausteller-Messe „Interschau“: Wo der Achterbahnbesitzer shoppen geht

Wer die Vorfreude auf die Kirmes gefährden will, geht am besten auf die Schausteller-Messe „Interschau“ in Essen. Dort werden Illusionen nicht erzeugt, sondern verkauft.

Zum Beispiel ist Popcorn noch lange nicht Popcorn. Da gibt es die Sorte Mini, die besonders große Sorte Jumbo und Mushroom Plus, das so heißt, weil es an einen Pilz erinnert. Gourmet White ist nicht nur sehr hell, sondern hat auch eine sehr weiche Spelze, dieser Maisschalenrest, der einem ständig am Rachen klebenbleibt. Und für den Geschmack gibt es nicht nur Zucker und Salz, sondern auch Karamell, Schokolade, Vanille, eine Wintergewürzmischung und Cheddar.

Das kann man alles in dem Katalog nachsehen, dem einen Ulrich Eberhardt von der „Haase Food GmbH“ in die Hand drückt auf der Interschau in Essen, der größten Schaustellermesse Europas. In diesem Katalog stehen Details, die den Laien gleichzeitig irritieren und beeindrucken. Mandelbrennanlagen sind für bis zu 10.000 Euro zu haben. Der Beutel Mais umfasst 22,68 Kilogramm, der Cheddar im Eimer wiegt 13,6 Kilo. Der Waffeltrend aus Japan heißt Taiyaki, gefüllte Waffeln in Fischform. Außerdem gibt es für die Zuckerwatte LED-Stäbe, die in vier Farben blinken. Und Mini-Zuckerwatte für den Cappuccino – gibt es auch.

Wer sich als Laie auf die „Interschau“ begibt, der sieht zwar die Bestandteile einer Kirmes, aber es fühlt sich nicht wie eine an. Auf dieser Fachmesse, die am Freitag endet, riecht es nicht an jeder Ecke nach Zucker und Fett. Keiner ruft „Gewinne! Gewinne! Gewinne!“ oder „Und jetzt rückwärts“. Die Messe trifft daran überhaupt keine Schuld. Denn sie soll den Leuten keine Lust darauf machen, auf die Kirmes zu gehen, sondern die Schausteller auf Produkte hinweisen, die den Leuten wieder Lust auf die Kirmes oder den Weihnachtsmarkt machen. 350 Millionen Besucher jährlich sollen es laut Deutschem Schaustellerbund sein. Mit Achterbahnen. Mit Pommes. Mit Popcorn. Mit Glühwein und Glühwein und nochmals Glühwein. Auch alkoholfrei. Und das alles in riesigen Mengen. Und nein, die Achterbahnhersteller haben keine Achterbahnen aufgebaut, sondern bloß ihre Laptops mit Videovorführungen.

Von Stand zu Stand kann man sich seine Illusionen weiter verderben. „Best Back“ wirbt mit „Backmischungen für Profis“ – „Nur Wasser dazu“. Für Profis heißt nicht, für Profi-Bäcker, sondern für Profi-Schausteller, die mit möglichst geringem Aufwand Waffeln, Quarkbällchen und Crêpe herstellen wollen. „Backen ist aus Teig geformte Liebe“, steht im Prospekt und das ist schon aus dem Grund falsch, weil das, was aus Teig geformt wird, nicht Backen heißt, sondern Backwerk. Und sowieso sind Fertigbackmischungen gerade das Gegenteil von Liebe. Das muss einmal festgehalten werden.

Der niederländische Pommesgigant Aviko nimmt für sich in Anspruch, nach mehreren Jahren Entwicklung eine Pommes erfunden zu haben, die 30 Minuten crunchy bleibt, unter der Wärmelampe sogar eine Stunde. Das erleichtert auch den armen Studenten auf dem Ausliefer-Rad die Arbeit. In diesen Pommes stecken nicht nur Kartoffeln, sondern zusätzliche Kartoffelstärke und Reismehl. Die Pommes schmecken wie bei McDonald's, die eine exakt wie die nächste.

Auf den Jahrmärkten dürfte es bald auch Poutine geben, „Der Food-Trend aus Kanada“, erklärt ein Prospekt. Poutine sind Pommes, die unter einem Haufen Soße und anderen schwergewichtigen Lebensmitteln begraben werden. „Black Forest Style Pure“ zum Beispiel mit Bratensauce, Gouda, Leberkäse, Krautsalat, Zwiebeln, Schnittlauch. „Käse Feta-Art 4 kg“ lässt sich laut Prospekt auch ordern. Vielleicht verkauft man die Poutine ja aus einer Bude heraus, die man bei huettendiscount@web.de bestellt hat. Der Vertreter hat seinen Stand gleich neben dem Airbrush-Unternehmen, das die Promis auf die Fahrgeschäfte sprüht. Das soll wohl Helene Fischer sein.

Vor lauter kühler Geschäftlichkeit fällt da schon der Hersteller eines alkoholfreien Punsches mit dem Namen „Heißer Harry“ auf. Mit Aronia, der Apfelbeere, Rezept der Schwiegermutter, Aronia wuchs hinterm Haus, Bio, kein Konzentrat, echte Gewürze. Erzählt Markus Moll, der aus dem Marketing kommt, dann wurde seine Frau schwanger und sie dachten, warum sich denn nicht mit den Rezepten von Schwiegermutter selbständig machen. „Reich an Antioxidantien“ steht im Prospekt, „Manufaktur mit Herzblut“.

All diese Abgrenzungen sind nötig, denn alkoholfreien Punsch bieten auf dieser Messe fast ein halbes Dutzend Hersteller an. Die Punsch-Versorgung der Weihnachtsmärkte und Jahrmärkte 2019 ist gesichert, ebenso die mit Kuscheltieren und Feuerwerk. Und sollte es doch Probleme geben, werden die beiden Branchenhefte „Kirmes & Park Revue“ und „Der Komet“, ebenfalls mit einem Stand vertreten, schon davon berichten. Ob „Becks Steinzeit“ dort auch schon Erwähnung fand? Die Firma ist eine Reaktion auf den Terroranschlag in Berlin 2016. Sie stellt mobile Betonabsperrungen her. Auf der Messe steht auch eine in Form eines Tannenbaums. Noch irritierender ist nur der aufblasbare Pub.

Wenn die Schausteller was fürs Herz brauchen, dann bleiben sie wohl anderswo stehen. Da gibt es noch die Boxautomaten, die Greifautomaten, die Münzspielgeräte und in der Halle vor der Messe hat der Veranstalter eine historische Kirmes errichtet mit Raupe, Flohzirkus und Kettenkarussell. Diese Leute, man kann sie sich alle sehr gut auf den Jahrmärkten dieses Landes vorstellen. Diese Männer mit den Händen wie Felsbrocken und XL- bis XXXL-Hemden und Camp-David-Pullovern, die Frauengruppen mit sehr wenigen nicht-gefärbten und -getönten Haaren, diese Dynastien der traditionellen Familienunterhaltung. Und dann werden sie vielleicht daran erinnert, dass schon vor ihnen Generationen von Schaustellern es geschafft haben, das harte Business vor den Kirmesbesuchern immer wie ein leichtes Vergnügen aussehen zu lassen.

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