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Sandkuhle-Prozess in Aachen: Urteil - lebenslange Haftstrafe in Cold Case

Urteil im „Sandkuhle“-Prozess : Lebenslange Haftstrafe in 25 Jahre altem Mordfall verhängt

25 Jahre nach dem Fund einer Männerleiche in einer Sandkuhle im Kreis Kleve wurde der Angeklagte vor dem Landgericht Aachen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Im Mordprozess um ein vor rund 25 Jahren in einer Sandgrube im Kreis Kleve entdecktes Opfer hat das Landgericht Aachen den Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Urteil gegen Achim K. erging am Dienstag wegen Mordes in Tateinheit mit räuberischer Erpressung. Zusammen mit einem mutmaßlichen Komplizen, der 1997 bei einem Verkehrsunfall starb, soll K. im Jahr 1996 einen 43 Jahre alten Mann aus Würselen grausam und aus Habgier in dessen Werkstatt getötet haben.

Das Gericht hörte mehr als 45 Zeugen, um das Geschehen vor langer Zeit aufzuarbeiten. Darunter war auch der Hauptbelastungszeuge, der über die Gewalttat vom Hörensagen wusste und sich nach einem Fernsehbericht gemeldet hatte. Mord verjährt nicht.

25 Jahre nach Mord: Sandkuhle-Täter wird verurteilt

In dem Prozess ging es um den Tod eines Wohnmobil-Händlers aus Aachen vor fast 25 Jahren. Der Angeklagte soll zusammen mit einem längst gestorbenen Mittäter in der Werkstatt des Händlers gearbeitet und den damals 43-jährigen Familienvater wegen 5000 Mark aus Habgier getötet haben.

Dessen unbekleidete Leiche war am 8. Dezember 1996 an einer stillgelegten Kiesgrube nördlich von Krefeld entdeckt worden. Die Identität des grausam zugerichteten Opfers war über 20 Jahre nicht bekannt. Daher gab der Leichenfundort „Sandkuhle“ dem ungelösten Fall den Namen. Erst 2019 nannte ein Zuschauer der Fahndungssendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ den Namen des Toten und gab einen Hinweis auf den Angeklagten.

  • Der Angeklagte (r.) spricht vor Gericht
    Mordfall „Sandkuhle“ : Ein Anruf bei Aktenzeichen XY veränderte alles
  • Der Fall wird vor dem Aachener
    Leichenfund aus dem Jahr 1996 : Angeklagter schweigt zu Beginn des Sandkuhlen-Prozesses in Aachen
  • Das Phantombild zeigt das Mordopfer im
    Über 24 Jahre nach Tat in Rheurdt : Mordprozess im Fall „Sandkuhle“ beginnt

Die Kammer sei zu der sicheren Überzeugung gelangt, dass der Angeklagte sich des Mordes schuldig gemacht habe, sagte  der Vorsitzende Richter Roland Klösgen in seiner Urteilsbegründung. Die Leiche des Opfers hätten beide Männer anschließend "wie Müll" in der rund hundert Kilometer entfernten Sandgrube bei Rheurdt-Schaephuysen nahe Duisburg "entsorgt". Wenngleich eine Feststellung der besonderen Schwere der Schuld nach über 24 Jahren nicht mehr möglich sei, wäre sie damals "mit ziemlicher Sicherheit festgestellt worden".

Den Mord begingen der Angeklagte und sein damaliger Komplize Peter S. nach Auffassung der Kammer aus Habgier. Ziel sei es gewesen, durch "das Wegschaffen" des Opfers an dessen Werkstatt zu gelangen. "Das belegt allein der Umstand, dass sie die Werkstatt danach weiter betrieben haben", sagte der Richter.

Die Beweisaufnahme habe für die Verurteilung des Angeklagten "einige Anhaltspunkte hergegeben". Entscheidender seien aber die Aussagen von Zeugen gewesen, allen voran die von Thomas S., Bruder des 1997 gestorbenen mutmaßlichen Komplizen Peter. Als der sogenannte Cold Case 2019 zum wiederholten Mal in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" behandelt wurde, gab S. den entscheidenden Hinweis.

In seiner Aussage benannte er nicht nur das Opfer, sondern auch die Täter. Außerdem sprach er von einem Hammer als Tatwaffe. "Das ist Täterwissen", sagte der Richter. In der Ausstrahlung sei lediglich von einem Rohr als mögliche Tatwaffe die Rede gewesen. Auch dass das Opfer letztlich zu Tode stranguliert wurde, sei zuvor nicht bekannt gewesen.

Dass S. 2019 mit seinem Anruf von seiner eigenen Täterschaft ablenken wollte, befand die Kammer für "unplausibel" und "eher abwegig", weil zu diesem Zeitpunkt nicht einmal die Identität des Toten festgestanden, geschweige denn ein Verdacht gegen S. bestanden habe. "Er wollte, dass das Opfer einen Namen bekommt, dass die Angehörigen Gewissheit haben", schloss Klösgen.

Der Angeklagte schwieg bis zuletzt zu den Vorwürfen. Die Verteidigung kündigte an, Revision gegen das Urteil einlegen zu wollen. "Wir sind der Auffassung, dass das Mordmotiv nicht gegeben ist", sagte der Rechtsanwalt Harald Simons.

Der Tochter des Opfers habe das Urteil Gewissheit gebracht, erklärte Sabine Appel, Anwältin der Nebenklage. Die heute 31-Jährige sei viele Jahre davon ausgegangen, von ihrem Vater "im Stich gelassen" worden zu sein. "Sie hat nun wirklich alle Details erfahren - sie weiß genau, was ihrem Vater passiert ist", sagte Appel. Ihre Mandantin werde viel Hilfe dabei brauchen, dies zu verarbeiten.

(siev/AFP/dpa)