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Duisburg: Rocker erobern das Ruhrgebiet

Duisburg : Rocker erobern das Ruhrgebiet

Die Machtkämpfe der rivalisierenden Rockerclubs Bandidos und Hells Angels werden längst nicht mehr in den USA ausgetragen. Inzwischen bildet Nordrhein-Westfalen einen Schwerpunkt der Rockerkriminalität. Das Buch eines früheren Polizisten analysiert die Strukturen der Gangs im Land.

Rund 400 Bandidos fuhren mit ihren Harleys in einem langen Konvoi knapp 30 Kilometer von Duisburg nach Gelsenkirchen. 1500 Rocker aus ganz Europa versammelten sich anschließend auf dem Friedhof in Gelsenkirchen, um ihrem Mitglied Rudi Heinz "Eschli" E. die letzte Ehre zu erweisen. Die Beerdigung des 32-Jährigen — Mitglied des Bandidos MC Recklinghausen, ein Ex-Hooligan, Türsteher und Bordellbesitzer — am 18. Oktober 2009 fand unter großer Anteilnahme der Bandidos, der Polizei und der Öffentlichkeit statt.

Der Großeinsatz der Polizei zum Schutz der Trauergäste vor Vergeltungsaktionen wurde auf große Teile NRWs ausgeweitet und kostete den Steuerzahler 600 000 Euro, schreibt Stefan Schubert in seinem Buch "Hells Angels" (Riva Verlag), das heute erscheint. Darin erläutert der frühere NRW-Polizist, "wie die gefürchteten Rocker Deutschlands Unterwelt eroberten", so auch der Untertitel. Schubert greift Fragen auf wie: Eskaliert der Konflikt mit den Bandidos? Was nützen Verbote? Existiert eine bundesweite kriminelle Struktur der Rockerclubs?

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Ruhrgebiet Revier der Bandidos

"Das Ruhrgebiet bildet heute einen Schwerpunkt bei den Auseinandersetzungen zwischen den beiden verfeindeten Rockerclubs", sagt Schubert, der in Bielefeld lebt. Ein blutiger Schauplatz wie einst Quebec oder Kopenhagen sei heute Duisburg. Als die Beerdigung in Gelsenkirchen stattfand, habe das Ruhrgebiet bereits "gebrannt". Die Gewalt und die Machtkämpfe zwischen den rivalisierenden Motorradclubs Bandidos und Hells Angels hatten einen ersten Höhepunkt erreicht: Vorausgegangen war ein erbitterter Streit zwischen dem Solinger Hells Angel Timur "Timo" A. und dem Gelsenkirchener Bandido "Eschli". E. soll Timo die Freundin ausgespannt haben. Andere Quellen bezeichnen die Frau als Prostituierte, die zuerst für den Hells Angel, dann für den Bandido anschaffte. Der türkischstämmige Kampfsportprofi erschoss den Bandido "Eschli" am 8. Oktober 2009 vor einem Clubheim in Duisburg.

Traditionell sei das Ruhrgebiet das Revier der Bandidos, erläutert Schubert den Konflikt. "Das Ruhrgebiet ist seit jeher die Bastion der Bandidos und wird von ihnen dominiert." Sie wachen über die Clubs, Diskotheken, die Rotlichtmeilen und beherrschen die Türsteherszene, besitzen seit Jahrzehnten etliche Ortsgruppen, so genannte Chapter, in Dortmund, Duisburg, Bochum, Dinslaken, Essen, Wuppertal und Gelsenkirchen. Zu diesem Zeitpunkt hätte sich dort kein Hells Angel eingemischt. Das änderte sich am 6. November 2002. Das neue Charter Midland, das in Solingen residierte und zu dem Timur A. gehörte, soll maßgeblich von Ex-Mitgliedern der 2001 verbotenen Düsseldorfer Ortsgruppe gegründet worden sein. Es folgten Charter in Köln, Bielefeld, Siegen, Leverkusen, Krefeld und Düren. "Die Hells Angels rückten immer näher über die Rheinschiene ans Ruhrgebiet heran", sagt Schubert.

Messerstecherei in Mönchengladbach

Gesteuert würden diese Aktivitäten vielfach über Hannover und den dortigen mächtigen Boss der Hells Angels, Frank Hanebuth. "Die Bandidos fühlen sich sicherlich rausgefordert", sagt Schubert. Die Hells Angels und ihre Unterstützerclubs wie der niederländische Club Satudarah gründeten seitdem etliche Charter im Ruhrgebiet. "Die Hells Angels bringen sich in Stellung, wachsen und expandieren." Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis "die Gewalt erneut eskaliert".

Einmal ist das in der jüngeren Vergangenheit passiert: Bei der Messerstecherei am 21. Januar 2012 in Mönchengladbach sei ein halbes Dutzend verschiedener Chapter der Bandidos beteiligt gewesen. Schubert: "Es gibt viele offene Rechnungen. Wegen des starken Drucks der Behörden versuchen die Clubs sich zurzeit aber ruhig zu verhalten."

Neben Duisburg bildet Köln einen Schwerpunkt. Schubert beobachtet dort ähnliche Tendenzen wie in Skandinavien, wo die Rockerclubs sich bereits zunehmend mit anderen ethnischen Gangs bekriegen. Auch hierzulande gebe es immer mehr Nachwuchs mit ausländischen Wurzeln. Er besitze oft weder Motorrad noch Führerschein — sei dafür aber umso brutaler. In Köln habe sich bereits ein kurdischer Club gebildet. Dazu würden künftig weitere kommen. "Es scheint unausweichlich, dass es zu weiteren Konflikten kommen wird", meint Schubert. Lokale Verbote wie das gegen das Kölner Charter der Hells Angels richteten dabei wenig aus. "Die Mitglieder wandern in die Nachbarstädte, wie nach Leverkusen, oder bilden neue Charter auf dem Land."

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(RP/top/das/csi)