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Die Drosselgasse in Rüdesheim: Warum ist es am Rhein so schön?

Die Drosselgasse in Rüdesheim : Warum ist es am Rhein so schön?

Sie ist nur 144 Meter lang, zwei Meter breit und eines der beliebtesten Ausflugsziele am Rhein: die Drosselgasse in Rüdesheim. Dort reihen sich Lokale aneinander, in denen noch getanzt wird wie früher. Ein Besuch.

Manchmal geht es in der Drosselgasse kaum vorwärts. Das sind die guten Tage. Dann schieben sich die Menschen durch das nur zwei Meter breite Sträßchen in Rüdesheim am Rhein, vorbei an den Lokalen mit der Livemusik, den Eisdielen, den Souvenirläden mit den bunten Sammeltellern, Asbach-Pralinen und bedruckten Gaudi-Unterhosen. Und dann biegen sie ein. In den Drosselhof. In die Quetschkommod. Oder oben bei Breuer ins Rüdesheimer Schloss. Und amüsieren sich wie früher.

Rheinische Fröhlichkeit - das war das Vergnügungs-Ideal der 50er und 60er Jahre. In den Jahren nach dem Krieg wollte man unbeschwert beisammen sein, den ersten Wohlstand genießen und herzeigen. In den Wirtschaftswunderjahren durfte Amüsement ruhig betulich sein, sollte es auch im Urlaub heimelig zugehen. Danach sehnten sich die Deutschen, die ihr Land aufbauten und sich den Ausflug am Wochenende wieder leisten konnten.

Also fuhr man an den Rhein, zu Wein, Weib, Gesang. Schunkelte in "froher Runde", riskierte auch mit der Dame vom Nebentisch ein Tänzchen und trank einen Asbach Uralt Weinbrand zur Zigarre. Später kamen die Kegelclub-Ausflüge hinzu. Die Stimmung wurde zünftiger, Herrenclubs trafen auf Damenclubs, und das Zuhause schien weit entfernt. Die Deutsche Bahn schickte Sonderzüge, die Ausflugsboote gingen in Rüdesheim vor Anker. Das waren die großen Jahre der Drosselgasse.

Heute kommen Gäste aus Nostalgie. Und um zu tanzen. Michael und Aleksandra Pesch haben sich für ihren Abend an der Drosselgasse das Rüdesheimer Schloss ausgesucht. Sie leben in Mainz und fahren regelmäßig nach Rüdesheim. Seit 19 Jahren. Jetzt legen sie einen Cha-Cha-Cha aufs Parkett. Mit Drehfiguren. Die beiden schätzen die Live-Musik und dass sich in der Drosselgasse auch Menschen jenseits der 40 auf die Tanzfläche wagen. "Hier fühlt man sich nicht so alt wie in der Disco", sagt Aleksandra Pesch. Ihr Mann tanzt mit durchgedrücktem Kreuz, sie schwebt in seinen Armen. Gut sieht das aus, gekonnt. Wie in Filmen mit Peter Alexander.

Die Musiker, Keyboard, Klarinette, Gesang, stehen gleich am Rand mit Blickkontakt zu den Tänzern. Drumherum sitzen die Leute mit ihrem Schoppen Wein und lassen den Abend in den Innenhof sinken. An der warmen Mauer ranken lieblich die Weinreben empor.

Viele Menschen lieben das noch immer. 2,8 Millionen Besucher schlendern jedes Jahr durch die Drosselgasse. Touristen aus Asien, den USA oder England schätzen das Ambiente besonders. Sie trinken Rüdesheimer Kaffee mit flambiertem Asbach, darauf Sahnehaube, und schauen den Deutschen beim Tanzen zu. Und nach dem Essen macht die Touristengruppe aus Vietnam, die hinten im Rüdesheimer Schloss an einem längeren Tisch sitzt, eine Polonaise durchs Lokal. Die Asiaten lachen etwas unsicher, winken. Ein paar halten die Telefone hoch, knipsen Selfies in der Schunkelschlange. Mike Babonau aus Bristol, England, gefällt die Stimmung in der Gasse. "Hier ist Deutschland, wie man sich Deutschland vorstellt", sagt er, "nur schöner."

Für die Deutschen ist dieses Deutschland dagegen konservierte Vergangenheit. Die Epoche der Vergnügungslokale ist an der Drosselgasse lebendig. Bei "Hannelore" hängen noch Weinlaub und Plastikreben von der Decke, auf den Tischen liegen rote Decken über Eck, am Eingang gibt es hinter Glas eine Straßenszene mit Puppen: Ein Mann im Frack hält sich an einer Laterne fest. Die Kellnerinnen tragen Dirndl und servieren "Rheinwein lieblich" oder "Rheinwein trocken". Die Leute bestellen Schnitzel dazu.

Schon am Nachmittag sind Jaroslav und Gabriela im Dienst. Er steht in Hemd und schwarzer Hose am Keyboard, sie trägt enges Oberteil mit Tigermuster, die Haare zum wippenden Pferdeschwanz gebunden, und singt jetzt "Atemlos". Ihren Akzent hört man kaum, die Musiker kommen aus Tschechien. Seit 1993 arbeiten sie mit Unterbrechungen in der "Hannelore", spielen Helene Fischer, Andrea Berg, klassische Standard-Tanzmusik. "Wir stellen uns immer darauf ein, was die Gäste gerade gut können", sagt Jaroslav. "Wenn viele Leute tanzen, macht auch uns die Arbeit Spaß." An diesem Nachmittag ist ein Paar auf der Tanzfläche. Auch an den Tischen sitzen wenige Gäste, die meisten Touristen ziehen Eis schleckend draußen vorbei.

"Die Drosselgasse ist eben ein kostenloses Vergnügen, wenn man nicht einkehrt", sagt Ulli Behrens (55), Chef der "Hannelore". Das Lokal ist nach seiner Mutter benannt, sein Vater hat es in den 50er Jahren gegründet. Seine eigenen Söhne arbeiten schon mit im Betrieb, werden bald übernehmen. Gastronomie ist Familiensache an der Drosselgasse.

Der "Hannelore" ging es früher besser, da redet Behrens nicht drumherum. Die Kegelclub-Ära, das war seine goldene Zeit. "Hier wurde getanzt, hier haben sich die Paare gefunden, hier wurden noch Komplimente gemacht", sagt Behrens. 250 Gäste passen in seine Wirtschaft, früher musste er jeden Abend Leute fortschicken. Dann kam der Pauschaltourismus, kamen die Billigflieger und Riesenkreuzfahrtschiffe. Und mit dem Vereinswesen ging es bergab. Nun gibt es kaum noch Kegelkassen, die in Rüdesheim in Wein umgesetzt werden. Die Leute fliegen billig "nach Malle" oder fahren mit dem Schnellzug direkt nach Norderney und amüsieren sich all-inklusive in den Hotelanlagen. Auch ohne Komplimente.

Spricht man mit dem Marketingchef im Tourismusbüro von Rüdesheim, sagt der Sätze wie: "Damit alles bleibt, wie es ist, muss man bereit sein, alles zu ändern." Die Drosselgasse habe perfekt zum Lebensgefühl der Nachkriegsjahrzehnte gepasst, als man in schöne Ecken Deutschlands fuhr, um sich etwas zu gönnen. Nun müssten sich die Gastronomen in der Gasse neue Anreize einfallen lassen. "Wir müssen die Rheinische Fröhlichkeit für die Zukunft transformieren", sagt Rolf Wölfert und erzählt, was bestens nachgefragt ist im Rheintourismus: Weintouren, bei denen Wissen vermittelt wird, oder Aktivtouren für Wanderer und Radfahrer.

Die Schäfers aus Düsseldorf kombinieren Sport mit Rüdesheim. Sie laden die Räder ein, nehmen an der Drosselgasse Quartier und unternehmen von dort Touren in pittoreske Orte wie Eltville oder zu historischen Denkmälern wie dem Kloster Eberbach und freuen sich abends auf ein Tänzchen in der Gasse. "Rüdesheim hat ja den Ruf, furchtbar rummelig zu sein", sagt Ursula Schäfer, "wir können das nicht finden. Der Ort ist ideal gelegen, um den Rheingau zu erkunden, und wenn man in die richtigen Lokale geht, kann man wunderschöne Abende erleben."

Die Rheinromantik lockt die Schäfers nach Rüdesheim. So wie schon die Menschen im 19. Jahrhundert, als nach der napoleonischen Ära der Rheintourismus an Fahrt aufnahm. Rüdesheim war schon immer ein wichtiger Handels- und Vergnügungsort. Dort entspannten sich die Schiffer, wenn sie die gefährlichen Passagen um die Loreley gemeistert hatten. 1857 öffnete die erste fest angesiedelte Weinwirtschaft an der Drosselgasse - und den Drosselhof gibt es noch immer.

Auch dort spielt abends eine Tanzkapelle, sitzen die Leute auf Terrassen unter Weinlaub, und wenn die Musiker "die Flippers" spielen, eilen sie zur Tanzfläche. Wie früher. In ihren besten Jahren.

(RP)