Serie Unser Rhein: "Der Rhein schafft Identität"

Serie Unser Rhein: "Der Rhein schafft Identität"

Stephan Kaluza ist Maler, Fotograf und Autor. Er wanderte 2006 den Rhein entlang und fotografierte das linke Ufer komplett, das rechte teilweise. Die RP zeigt alte und neue Uferbilder des Düsseldorfers im Rahmen ihrer Rhein-Serie. Ein Gespräch.

Wir leben am Rhein, nehmen ihn im Alltag aber punktuell wahr. Sie sind ihn acht Monate von der Quelle bis zur Mündung entlang gelaufen. Hat das Ihr Bild des Stroms verändert?

Kaluza Ja, sicherlich. Die Blickwinkel ändern sich, die Gefühlslagen auch, der Fluss ist mächtig, keine Nebensache wie sonst im Alltag. Vierzig Kilometer am Tag zu Fuß zu laufen, das ist etwas anderes, als sie mit dem Auto oder der Regionalbahn zurückzulegen, da ist diese Distanz ja ein Witz.

Wie ist das denn genau?

Kaluza Jeden Tag ein solcher Fußmarsch, frühmorgens bis zur Dunkelheit oder bis zum Zeitpunkt, da schlechtes Wetter aufzieht - das ist harte Arbeit. Ungefähr jede Minute drückst du auf den Auslöser. Man kann auch nicht ausnahmslos direkt und auf gut ausgebauten Wegen am Ufer laufen, sondern ist auch hier und da gezwungen, zu klettern, über Steine zu gehen. Es ist wie ein Rückfall ins Mittelalter, Entfernungen haben plötzlich eine andere Dimension. Zwischen Düsseldorf und Mainz, das ist für Zug- oder Autofahrer relevant, aber die Entfernung von einem Kölner Vorort zum nächsten? Die gewinnt erst an Bedeutung, wenn bis zum Mittagessen noch einige Kilometer zu schaffen sind.

Waren Zäune Hindernisse?

Kaluza Privatgrundstücke, die bis an den Fluss reichen, gibt es im Gegensatz zu England hier gar nicht so viele. Eher große Firmengelände, Werke, Vogelschutzgebiete, die ich natürlich respektiert habe. Die Ufer der Themse habe ich dagegen fast komplett vom Schiff aus fotografiert, da ich sonst oftmals durch Privatgärten hätte laufen müssen, was wohl kaum möglich ist. Die Idee der Projekte bestand ja darin, aus der Zentralperspektive zu zeigen, wie nah der Mensch dem jeweiligen Strom kommen kann, wie das Ufer auf der anderen Seite aussieht. Unverfälscht, da war es nicht von Belang, wenn gerade ein Brückenpfeiler vor Augen steht oder sich gegenüber Containerberge aneinanderreihten.

Welche Bedeutungsebenen hat der Fluss für Sie?

Kaluza Auf der persönlichen Ebene war der Rhein für mich Ideengeber, denn nur weil ich mit meiner damaligen Hündin täglich in Lörick spazieren ging, schoss es mir eines Tages durch den Kopf, diese 1620 Kilometer am Ufer zu Fuß entlang zu gehen. Der besondere Reiz des Konzepts lag natürlich darin, dass dies zum Zwecke der künstlerischen Arbeit noch niemand getan hatte. Und die Zeit sollte in dieser Arbeit und Aneinanderreihung der Bilder aufgehoben sein. Alle Tages- und Jahreszeiten sollten dargestellt werden, die Wanderung war ursprünglich auch auf ein Jahr angelegt. Allgemeiner betrachtet, schafft der Fluss Identität, an ihm haben sich Städte gegründet, er war Grundlage der Existenz - dank des fruchtbaren Schwemmlandes, das er schuf, oder als Handelsweg, der Güter und damit Reichtum brachte. Die Flüsse sind die Autobahnen von gestern, als es noch keine Straßen gab, schnelle Verbindungswege, sie wirkten integrativ. Nicht umsonst gelten Menschen an Flüssen als weltoffener. Es ist wohl auch kein Zufall, dass es im Rheinland eine unvergleichlich aktive Szene an Kunstsammlern gibt. Ganz anders als beispielsweise in Hamburg, das immer auch Handelsmetropole war.

Wie war es, in die Heimatstadt Düsseldorf zu kommen?

Kaluza Erstaunlich, man denkt: Da kenne ich jeden Grashalm, aber diese 40 Kilometer mit den enormen Rheinschleifen sind dann doch außerordentlich. Zwischendurch drängt sich der Gedanke auf, man gehe zurück - und das stimmt ja auch.

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Und dann beginnt der Niederrhein.

Kaluza Zwischen Duisburg und Rotterdam passiert am Rheinufer nicht viel. Es ist eintönig, aber keineswegs im negativen Sinn. Der Niederrhein ist schön. Sandstrände, - bänke und Büsche dominieren das Bild, es wirkt ein bisschen wild, etwa so wie an der Loire in Frankreich oder in Oregon in den Vereinigten Staaten.

Was bleibt nach 1620 Kilometern Fußmarsch besonders haften?

Kaluza Der Anfang in der Schweiz, wo der Rhein ein kleiner Bach ist, ein Meter breit, der Gotthard im Winter. Dann der Breisgau, eine extrem schöne Gegend. Die eine Lieblingsstelle habe ich aber nicht. Abwechslung ist wichtig, auch der Industriehafen in Duisburg hat etwas nach all den Idyllen und Soziotopen wie Campingplätzen, Schrebergärten und Anglervereinen, die zu sehen sind.

Will man eigentlich immer wieder losziehen, wenn man einmal ein solches Projekt erfolgreich hinter sich gebracht hat?

Kaluza Dauerhaft. Ich reise ohnehin gerne, aber ich gebe zu, dass ich so manches Vorhaben den Vorlieben anpasse - denn dann kann ich wieder los. Das Themse- war anders als das Rhein-Projekt, weil ich viele Abschnitte mit dem Schiff zurücklegen musste. Deswegen habe ich dort durchgängig auch beide Uferseiten fotografiert. Eigentlich wollte ich noch ein Seine-Projekt machen, aber da sich die Grundidee wiederholt hätte, habe ich umgeschwenkt und Inseln in den Fokus genommen. Beispielsweise Ko Phi Phi Don in Thailand, oder Mallorca. Immer geht es darum, als visueller Wanderer wertfrei zu vermessen, was wir sehen, bei Mallorca die Vielfalt vom Ballermann bis zu den schönsten Gesteinsformationen.

Ist die Welt für einen wie Sie genug?

Kaluza (lacht) Vorerst ja. Es gibt zwei Projekte, die noch reizvoll wären: der Amazonas, der mit 7000 Kilometern schon logistisch eine Herausforderung wäre. Ästhetisch wäre er wohl langweilig, aber auch das ist radikal. Oder ein anderes Vorhaben, spektakulär, aber da denke ich noch nach. Es wäre ein Novum, das hätte etwas von Kolumbus heute. Ein Traum bislang, nicht mehr.

UWE-JENS RUHNAU FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)