Serie "Unser Rhein": Das Nibelungengold liegt in Wiesdorf . . .

Serie "Unser Rhein" : Das Nibelungengold liegt in Wiesdorf . . .

Die Nibelungen zogen nicht zur Donau, sondern an die Dhünn - auf dem Landesgartenschaugelände querten sie den Rhein.

Fluchende Menschen, Tiere, die unter der Anstrengung fast zusammenbrechen: Es ist ein ungeheures Unterfangen, das Hagen von Tronje an jenem SchicksalsMorgen in grauer Vorzeit in Angriff nimmt. Unablässig rollen die Karren über die steinigen Wege. 144 Wagenladungen sollen es sein, die der Vasall des Burgunderkönigs Gunther vom Herrschaftssitz Worms aus an eine unbekannte Stelle am Rhein hat schaffen lassen, um sie nun tief im Fluss zu versenken.

Die Ladung ist der Stoff, aus dem Legenden gestrickt werden: der Schatz des sagenumwobenen Königs Nibelung, den Hagen durch den Mord an Siegfried, dem Drachentöter, in die Hände bekommen hat. Hagen gilt als heldenhafter Kämpfer und ist unverbrüchlich treu (bis heute geht das Wort Nibelungentreue auf ihn zurück), doch auch als düster und verschlagen. Das Gold soll verschwinden, weil es mit einem Fluch belegt ist. So zumindest erzählt es das Nibelungenlied, das erste deutsche Heldenepos. Aber wo ist diese Stelle?

Das Lied entstand zu Beginn des 13. Jahrhunderts und lässt die Handlung weitgehend im Süddeutschen spielen. Doch genau das wird in wissenschaftlichen Kreisen inzwischen immer öfter angezweifelt. Sowohl der deutsche Privatgelehrte Heinz Ritter-Schaumburg als auch der Rheinlandtaler-Preisträger, Buch- und Fernsehautor Harry Böseke behaupten: "Die Sage nennt tatsächliche Begebenheiten, die aber woanders als in der Nibelungensage spielen: nämlich im Rheinland und in Westfalen!" Und Bösecke wird noch konkreter:

Die Nibelungen zogen demnach nicht entlang der Donau, sondern dort, wo die Dhünn in den Rhein fließt - auf dem Gelände des heutigen Neulandparks in Wiesdorf.

Einem Mönch in Passau sei ein Missverständnis unterlaufen, behauptet der Autor: Bei der Bearbeitung der Sage stieß er auf die merkwürdige geografische Formel: "Die Nibelungen gingen über den Fluss, da wo Rhine und Dune zusammenfließen." Der Mönch hatte offenbar aus den Überlieferungen "Donau" herausgehört.

Bösecke behauptet dagegen: "Die Nibelungensaga ist eine Auftragsarbeit des Bischofs Pilgrim aus Passau (sie entstand um das Jahr 1200). Wahrscheinlich schrieb ihm Konradus, ein Meister seiner Zeit, diese Legende schon zu Lebzeiten auf den Leib, weil Pilgrim heilig gesprochen werden wollte. Deshalb geriet die Donau wohl ins Spiel und damit traten alle süddeutschen Ortsbezeichnungen auf."

Lege man jedoch die viel genauere Parallelerzählung zur Nibelungensage zugrunde, die Thidrek(Dietrich)-Saga, ergebe sich ein ganz anderes Bild: Die "Dune" ist der alte Name für die Dhünn, die einst bei Leverkusen direkt in den Rhein floss und heute über die Wupper umgeleitet wird. Auch Schaumburg hält dieses Szenario für wahrscheinlicher: " An der ursprünglichen Mündung der Dhünn in den Rhein befand sich wohl schon immer eine sehr flache Furt (heute Manfort), die seit Alters her benutzt wurde, um den Rhein zu überqueren", schreibt er in seinem Buch "Die Nibelungen zogen nordwärts".

Tatsächlich ist überliefert, dass wo der Fußweg entlang des Rheins endet und das Bayerwerk anfängt, einst ein Nachen Reisende ans andere Ufer brachte. Für den Fährmann, der den Tross übersetzen sollte, war es indes die letzte Reise. Der Überlieferung zufolge wurde er von Hagen umgebracht.

Würde der Nibelungenschatz annähernd vollständig gefunden, hätte der glückliche Finder heute 50 Tonnen Gold und Edelsteine im Wert von 430 Millionen Euro zu bergen. Kein Wunder also, dass der sagenumwobene "Hort" bis heute nicht nur die Wissenschaft beschäftigt, sondern auch immer wieder allerlei Hobby-Schatzjäger anlockt.

Im "Nibelungenlied" heißt es: "Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein" - eine Textzeile, dieDutzende Sucher auf den Plan gerufen hat. In der Nähe von Worms könnte Hagen das Geschmeide in den Fluss gekippt haben hieß es. Loch, eine typische Bezeichnung für tiefe, schwer passierbare Stellen im Rhein, ließ Forscher auf den sogenannten "Schwarzen Ort" bei Gernsheim schließen. Dort befindet sich das schärfste Rheinknie. Doch obwohl Taucher den Flussabschnitt wiederholt mit Echolot und Radar abgesucht haben, fehlt von dem sagenhaften Nibelungenschatz bisher jede Spur.

Auch an anderen Stellen blieb die Suche nach dem Rheingold erfolglos. Warum also nicht den Rhein bei Wiesdorf in Augenschein nehmen, mag sich da manch einer im Licht der neuen Erkenntnisse denken.

Doch Vorsicht: Ein bizarrer Höhepunkt der Schatzfluss-Hysterie aus den 1930er Jahren mag als Warnung dienen. Nazi-Größe Hermann Göring ließ einen riesigen Schwimmbagger bauen, um den Rhein nach dem Nibelungengold abzusuchen. Die Ausbeute war eher gering: 300 Gramm Rheingold werden gefördert - gerade genug für einen Ring.

(RP)
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