Razzia gegen Mafia 'Ndrangheta auch in Pulheim und Duisburg (NRW) - GSG9 im Einsatz

Schwerpunkt NRW: 90 Festnahmen bei Großrazzia gegen italienische Mafia

Am Mittwochmorgen haben Einsatzkräfte in mehreren Ländern eine Razzia gegen die Mafia-Organisation 'Ndrangheta gestartet. Es gab Durchsuchungen, 90 Personen wurden festgenommen, 4000 Kilogramm Kokain sichergestellt. Schwerpunkt war Nordrhein-Westfalen.

In Pulheim bei Köln ist in den frühen Morgenstunden eine Pizzeria von Einsatzkräften durchsucht worden. Der 45-Jährige Gastwirt wurde verhaftet. Er gilt als einer der Haupttäter im Drogenhandel. Dass ein mutmaßlich ranghöherer Mafioso der mächtigen kalabrischen Mafiagruppe 'Ndrangheta abgeführt wurde, ließ sich nur an wenigen Details erahnen. So trug die schwere schwarze Harley Davidson, die auf einen Abschlepper verladen wird, ein italienisches Kennzeichen.

In der Duisburger Innenstadt durchsuchten Polizisten ein italienisches Eiscafé. In Solingen wurde ein 55-Jähriger verhaftet. Es sind nur drei Einsatzorte von vielen in NRW. Ein Schwerpunkt der internationalen Razzia gegen die Mafia-Organisation 'Ndrangheta waren das Rheinland und das Ruhrgebiet.

Allein rund 240 Polizisten des Bundeskriminalamtes und 200 Kräfte der Bundespolizei durchsuchten am frühen Mittwochmorgen Restaurants, Wohnungen und Geschäftshäuser in Deutschland, wie unsere Redaktion aus Ermittlerkreisen erfuhr. Darunter waren auch Kräfte der GSG9, einer Spezialeinheit der Bundespolizei zu Bekämpfung von Schwerstkriminalität und Terrorismus.

GSG9 bei Großrazzia gegen italienische Mafia im Einsatz

Hintergrund ist eine internationale Aktion: Polizei- und Justizbehörden in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien führen Festnahmen und Durchsuchungen gegen mutmaßliche Angehörige der ’Ndrangheta durch, teilte das Bundeskriminalamt am Morgen mit. Bei einer Pressekonferenz in Den Haag teilte die Europäische Justizbehörde Eurojust am Mittag mit, dass in Deutschland und drei weiteren Ländern rund 90 Tatverdächtige festgenommen und bis zu 4000 Kilogramm Kokain sowie 140 Kilogramm Extasy-Pillen beschlagnahmt worden sind. Allein in Deutschland seien bis zum Beginn der Pressekonferenz gegen Mittag 14 Verdächtige in Gewahrsam genommen worden, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt von Duisburg, Horst Bien. Bien zufolge wurden vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch in anderen Bundesländern insgesamt Vermögenswerte in Höhe von rund fünf Millionen Euro vorläufig beschlagnahmt.

Rund 50 Tatverdächtige allein in Deutschland sind bei der Razzia im Visier der Fahnder, wie unsere Redaktion erfuhr. Es geht um Geldwäsche und Handel im Kokain im großen Stil. Involviert sind die Staatsanwaltschaften Duisburg, Köln und Aachen. Die Polizei in Köln führt seit längerem eigene Ermittlungen gegen die Mafia-Gruppierung.

Koordiniert werde die länderübergreifende Aktion mit dem Codenamen „Pollino“ von der europäischen Justizbehörde „Eurojust“. Informationen zu den Ermittlungen und den aktuellsten Erkenntnissen in Deutschland will BKA-Vizepräsident Peter Henzler am Nachmittag in Wiesbaden vorstellen. International habe es zahlreiche Festnahmen und Beschlagnahmungen gegeben. Das sei das Ergebnis „einer intensiven gemeinsamen Ermittlungsarbeit, die im Jahr 2016 begann und europaweit koordiniert wurde“, hieß es in einer Pressemitteilung. In Deutschland sind neben NRW außerdem Einsätze in Bayern offiziell bestätigt. Dort sollen im Osten von München Objekte durchsucht worden sein.

  • Bericht italienischer Ermittler : 'Ndrangheta aktivste Mafia in Deutschland

Die kalabrische 'Ndrangheta gilt inzwischen als die mächtigste italienische Mafia-Organisation. Sie dominiert den Drogenschmuggel nach Europa und ist auch in Deutschland aktiv. So gehen die Mafia-Morde von Duisburg im Jahr 2007 auf ihr Konto. Damals waren dort vor einer Pizzeria sechs Menschen erschossen worden. Ein Streit zwischen dem Pelle-Vottari-Clan und dem Strangio-Nirta-Clan war der Auslöser für die Bluttat.

Laut BKA stellt die ’Ndrangheta mit rund 344 Mitgliedern den größten Teil der organisierten italienischen Kriminalität in Deutschland. Auch die meisten Festnahmen (168) gab es unter Mitgliedern dieser Gruppierung.

Auf die Spur der mutmaßlichen Mafia-Mitglieder kamen die deutschen Ermittler nach eigenen Angaben durch den Fund von Kokain in einem präparierten Pferdetransporter. Der Transporter sei vor zwei Jahren im britischen Fährhafen Harwich sichergestellt worden.

Peter Henzler, Vize-Chef des Bundeskriminalamts, sagte am Nachmittag in Wiesbaden, das sichergestellte Rauschgift sei in Containern von Südamerika in europäische Häfen transportiert und dann in kleineren Mengen von zehn bis 20 Kilo mit präparierten Fahrzeugen nach Deutschland und Italien geschafft worden. "Die Erlöse aus diesem Rauschgifthandel wurden investiert, wurden gewaschen" - überwiegend in Italien, in Immobilien, insbesondere in Restaurants, erläuterte Henzler. "Hier in Deutschland ist bislang nicht festgestellt worden, dass in Immobilien investiert wurde, aber wir sind ja noch mitten in den Ermittlungen."

In Deutschland dienten Henzler zufolge Restaurants und Eiscafés als logistische Basis, um Personal halten und austauschen zu können. Das BKA und die Polizeien der Länder gehen von etwa 600 aktiven Mafia-Mitgliedern in Deutschland aus, am stärksten vertreten sei die 'Ndrangheta.

Italiens Anti-Mafia-Staatsanwalt Fredirico Cafiero de Raho wies darauf hin, dass die 'Ndrangheta weiterhin stark und gefährlich sei: "Wenn wir glauben, wir haben die 'Ndrangheta ausgehoben, dann täuschen wir uns."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Großrazzia gegen italienische Mafia in NRW

(or/top/hsr/dpa)
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