Prozess nach Brandattacke in Ratingen „Ich habe zu meinen Kollegen hinter mir gerufen: Alle raus!“

Düsseldorf/Ratingen · Am Freitag hat der Strafprozess im Fall der Feuerattacke auf Einsatzkräfte in einem Ratinger Hochhaus begonnen. Der 57 Jahre alte Angeklagte gibt zunächst keine Erklärung ab. Ein Polizist schildert den Einsatz vom 11. Mai.

Ratingen: Explosion in Hochhaus am 11. Mai
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Explosion in Hochhaus in Ratingen – Mann zündet am 11. Mai Feuerwehrleute und Polizisten an

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Foto: dpa/David Young

Alle Blicke im Saal E116 des Düsseldorfer Landgerichts sind an diesem Freitagmorgen auf den 57-Jährigen gerichtet, als er von Justizvollzugsbeamten hineingeführt wird. Der Angeklagte, ein schmächtiger Mann mit blassem Gesicht, macht einen verwahrlosten Eindruck. Seine wenigen grauen Haare sind zerzaust, er ist unrasiert. Er bleibt demonstrativ sitzen, als der Vorsitzende Richter den Saal betritt, alle anderen aufstehen und der Strafprozess eröffnet wird. Die Anklageschrift wird verlesen. Der Angeklagte gibt keine Erklärung ab.

Seit 10 Uhr wird dem 57-Jährigen, der neun Einsatzkräfte mit einer brennbaren Substanz überschüttet und angezündet haben soll, der Prozess gemacht. Konkret soll er am 11. Mai diesen Jahres an seiner Wohnungstür in der zehnten Etage eines Ratinger Hochhauses mehrere Liter Benzin auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter geschüttet und dann angezündet haben.  Das Gas-Luft-Gemisch explodierte und ein Feuerball verletzte die Einsatzkräfte. Mehrere von ihnen kämpften wochenlang um ihr Leben.

Ratingen: Ermittlungen am Tag nach der Explosion - Fotos
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Ermittlungen am Tag nach der Explosion in Ratingen

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Foto: dpa/Roberto Pfeil

Als erster Zeuge sagt ein junger Polizist im Prozess aus, der an dem Tag mit im Einsatz war. Er schildert, wie er zunächst mit seiner Kollegin zum Hochhaus fuhr und dort vergeblich an der Tür des Beschuldigten klingelte und klopfte. Als den beiden Polizisten nicht geöffnet wurde, befragten sie zunächst Nachbarn. Die Polizisten nahmen zu diesem Zeitpunkt an, dass sich zwei hilflose Personen in der Wohnung befinden würden: der später Beschuldigte und dessen Mutter. Darauf alarmierten sie die anderen Rettungskräfte. Gemeinsam mit der Feuerwehr entschied man sich, die Wohnungstür aufzusägen. Den Einsatzkräften schlug dabei extremer Verwesungsgeruch entgegen.

Am Wohnungseingang stießen die Einsatzkräfte nach Angeben des Zeugen dann auf provisorische Barrikaden aus gestapelten Wasserkästen, die sie nach und nach abtrugen. „Ich bin dann mit dem Kopf voraus in die Wohnung und habe zunächst nichts Verdächtiges gehört“, berichtet der Polizist. Dann aber nahm er Geräusche wahr. „Ich zog daraufhin meine Dienstwaffe und verblieb in Schießstellung. Ich sah den Beschuldigten vor mir mit einem brennenden Textilstück in der Hand. Ich habe dann zu meinen Kollegen hinter mir gerufen: Alle raus“, sagt der Polizist. „Dann nahm ich einen enormen Hitzeschlag war und sah meine Kollegin in Vollbrand stehen.“

Gemeinsam mit den anderen Rettungskräften schafften sie es – teils brennend – die Treppen hinunter ins Freie. „Dort habe ich meine Kollegin abgeklopft“, berichtet der Polizist, der dann mit seinem Privathandy Verstärkung und das SEK anforderte, weil er bemerkte, dass er seine Dienstwaffe verloren hatte. „Ich habe mich dann entkleidet und auf die Verstärkung gewartet. Das letzte, was ich weiß, ist, dass ich schwarzen Ruß ausgehustet habe. Dann wurde es dunkel“.

Bodycam-Aufnahmen zeigen den Moment der Explosion

Es gibt drei Videos aus Bodycams, zwei davon sind etwas länger. Sie zeigen, wie die Einsatzkräfte die Wohnung betreten und wieder verlassen. Und die Aufnahmen zeigen, wie es zur Explosion kam. Eine Sequenz wird im Gerichtssaal gezeigt. „Da ist einer drin“, hört man eine Frauenstimme darauf sagen. „Setz dich hin. Der zündet sich an“, ruft der Polizist unmittelbar danach. Dann sieht man Flammen.

Die Einsatzkräfte erlitten schwerste Verbrennungen, an der Körperoberfläche zwischen elf und 80 Prozent. Ratingens Feuerwehrchef, der nach der Explosion als erster Retter am Einsatzort war, macht in seiner Zeugenaussage die Dramatik noch einmal für jeden deutlich: „Es kam jemand auf mich zugelaufen, der mir gesagt hat, dass im Rettungswagen eine Polizistin liegt, die aber gleich sterben werde.“

 Szene aus dem Gerichtssaal: Der Angeklagte (Mitte) sitzt neben seinem Anwalt Frank Schubert.

Szene aus dem Gerichtssaal: Der Angeklagte (Mitte) sitzt neben seinem Anwalt Frank Schubert.

Foto: dpa/Oliver Berg

Michael Mertens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, verfolgt den Prozess als Zuschauer. Besonders die Schilderungen des Polizisten haben ihn tief bewegt. „Er hat funktioniert. Er hat seine eigene Gesundheit zurückgestellt, um seiner Kollegin und den anderen zu helfen“, sagt Mertens. „Ich habe so eine Tat in meiner ganzen Dienstzeit nicht erlebt. Ich hätte auch nie gedacht, dass so etwas Grausames geschehen kann.“

(csh)
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