"Race4Friends": Rennauto statt Rollstuhl auf dem Nürburgring

Wohltätigkeitsevent „Race4Friends“ : Rennauto statt Rollstuhl

Bereits zum zehnten Mal findet am Nürburgring das „Race4Friends“ statt. Bei dem Wohltätigkeitsevent können Menschen mit Handicap einmal selbst in einem Rennauto mitfahren. Wir haben eine Gruppe aus Neuss begleitet.

Helge Schaffrath und Marvin Zins rasen mit 160 Kilometer pro Stunde über die Rennstrecke. Marvin ist Hobbyrennfahrer und gibt Vollgas. Helge lehnt sich tief in eine scharfe Rechtskurve. Dass das klappt, liegt vor allem an Lara Voß. Sie sitzt auf der Rückbank und hält Helges Kopf samt Helm mit den Händen fest. Denn Helge ist Wachkomapatient und Lara seine Betreuerin. Alleine kann er seinen Körper kaum bewegen.

Doch einmal im Jahr tauscht Helge den Rollstuhl gegen ein Rennauto. Dann findet auf dem Nürburgring das „Race4Friends“ statt, bei der geistig sowie körperlich behinderte Menschen und psychisch Erkrankte als Beifahrer in einem Rennauto mitfahren können. 80 Fahrer, 100 ehrenamtliche Helfer und rund 800 Menschen mit Handicap und ihre Betreuer aus ganz Deutschland sind dabei. Viele kennen sich schon, das Event findet bereits zum zehnten Mal statt – man duzt sich.

Helge ist mit rund 50 anderen von den Gemeinnützigen Werkstätten Neuss (GWN) hier. Am Morgen ist die Gruppe aufgebrochen. Mit dabei sind auch Beate Evers, Florian Hofmann und Maurice Olbertz. Im Gegensatz zu Beate und Florian hat Maurice bereits Renn-Erfahrung. Er ist seit 14 Jahren Mitglied im Düsseldorfer Go-Kart-Verein „SG-Stern“. Einen Führerschein hat er auch, erzählt er. Das ist ihm wichtig. Seine Rennfahrer-Jacke mit aufgesticktem Vereinsemblem mag er auch im warmen Bus nicht ausziehen.

Thomas Gindra weiß, dass es aber auch für Nicht-Rennauto-Liebhaber wie Beate oder Florian ein besonderer Tag wird. Der Sportlehrer arbeitet seit mehr als 25 Jahren für die GWN und organisiert die Fahrt seit acht Jahren. Außerdem sitzt er im Präsidium der deutschen Special-Olympics. „Ich arbeite gerne mit Menschen, die ein Handicap haben. Die machen einem nichts vor“, sagt er. Emotionen kommen direkt an die Oberfläche – gute wie schlechte.

Über den Nieselregen bei acht Grad meckert keiner, als die Gruppe am Nürburgring aussteigt. Maurice macht sich mit Beate und Florian auf zur Boxengasse. In der Schlange zur Helm-Anprobe werden die beiden ganz hibbelig. Maurice hat seinen eigenen Helm mitgebracht. Vorsichtig faltet er sein Käppi zusammen, das er bei einem Besuch auf dem Nürburgring von einem Fahrer geschenkt bekommen hat.

Die Motoren der Rennautos röhren. Es riecht nach Benzin, Eintopf und Wurstbrötchen. Florian unterstellt Beate, dass ihr sicher bei der Fahrt schlecht werden wird und macht laute Würgegeräusche, um sie zu ärgern. Beate knufft ihn in die Seite. Einmal, da habe sich eine sehbehinderte Mitfahrerin auf der Strecke in einen ziemlich schicken Porsche übergeben, erzählt Gindra. „War aber kein Problem für den Besitzer und das Team – die gehen damit hier ganz locker um.“

Helge ist einer der Wenigen in der GWN, der jedes Jahr mitfahren darf. Monatelang freut er sich darauf. Vor acht Jahren ist er noch selbst Auto gefahren, führte ein eigenständiges Leben. Dann kam ein Sturz, der alles veränderte. Mehr möchte seine Betreuerin nicht erzählen. Jetzt, mit 30, kann Helge nicht viel mit seiner Umwelt kommunizieren, aber Lara sieht auch die kleinen Zeichen. „Er macht heute richtig mit.“ Auf der Grand-Prix-Strecke trotzt sie vier Runden lang ihren und Helges Fliehkräften. Stützt, schwitzt und scherzt noch mit dem Piloten. Dieser hat mehrere Bandscheiben „kaputt“ – sein Arzt hat ihm gesagt, er solle nicht mehr fahren. Aber heute sei es ja für einen guten Zweck.

Kritik daran, dass die Veranstaltung schädlich fürs Klima sei, kontert Thomas Gindra so: Ein Mensch mit Handicap fahre in der Regel mit Fahrgemeinschaften zur Arbeit. Selten würde er mit seiner Familie oder mit der Wohngruppe verreisen. Dann ginge es oft an die Nordsee. Ein sehr kleiner Klimaabdruck sei das. Man dürfe da die Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen  verlieren, auch der Rennsport habe seine Daseinsberechtigung.

Als Florian aus dem Wagen steigt, reißt er die Arme in die Höhe wie ein Formel-1-Sieger. Kurz darauf kommt auch Beate an. „Vier Runden!“, quietscht sie und hüpft auf und ab. Thomas Gindra sagt, der Ausflug bedeute jedem viel. Ob für Beate, die sich sonst oft wenig zutraut. Für Florian, der etwas richtig Cooles gemacht hat. Für Maurice, der als begeisterter Kartfahrer einmal auf einer richtigen Rennstrecke mitfahren durfte. Oder Helge, dessen Handicap hier keine Einschränkung bedeutet. Für alle steht der Tag vor allem für eines: Wertschätzung.

Florian (in Rot), rechts daneben Thomas Gindra, dahinter Beate (blaue Jacke) und links von ihr Maurice. Foto: Marie Ludwig
Diese Teilnehmerin kommt nach der Fahrt freudestrahlend im Ziel an. Foto: Patrick Funk / Race4Friends

Nach der Fahrt machen Lara und Helge Raucherpause. Gelegentlich pustet sie ihm ein wenig Rauch zu. Helge habe früher auch geraucht, erzählt sie. Es gefällt ihm hier mit Lara, er sieht zufrieden aus. Dem Rennfahrer hat Helge etwas geschenkt: einen Adventskalender und einen Brief. Die Eltern haben den Stift mit seiner Hand geführt. Dankesworte – beinahe selbstgeschrieben.