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Prozess um Gruppenvergewaltigungen in Essen: Angeklagter Gianni H. sagt aus

Prozess um Gruppenvergewaltigungen in Essen : „Sie hätten ja gehen können“

Eine Gruppe junger Männer soll im Ruhrgebiet sieben Mädchen zum Sex gezwungen haben. Am zweiten Prozesstag verharmlost einer der Angeklagten, was geschehen ist. Dass die Mädchen all das nicht gewollt hätten, habe er nicht so empfunden.

Fünf junge Männer fahren mit einem Mädchen an den Stadtrand, nehmen ihm das Handy ab. Das Mädchen kennt sich nicht aus, es ist stockdunkel draußen. „Betrachten Sie allein mal dieses Setting“, sagt der Vorsitzende Richter zu Gianni H. Ob der Angeklagte sich vorstellen könne, dass eine solche Situation bedrohlich wirken könne, fragt der Vorsitzende.

Der 19-Jährige sagt: „Ich habe kein Mädchen aufgefordert, etwas zu machen.“ Er und seine Freunde hätten den Schülerinnen nichts tun zu wollen. „Es war nie die Rede von Vergewaltigungen.“ Keiner habe die Mädchen im Auto festgehalten. „Sie sind ja nicht rausgelaufen oder haben geschrien.“ Jedes der Mädchen hätte gehen können, sagt er.

Gianni H. ist einer von fünf Angeklagten im Prozess um Gruppenvergewaltigungen im Ruhrgebiet. Die Angeklagten sind zwischen 17 und 24 Jahre alt, stammen aus Essen, Gelsenkirchen und Wuppertal. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, mindestens sieben Mädchen zum Sex genötigt zu haben. Dreimal blieb es beim Versuch. Nachdem am ersten Prozesstag im Juli der erste Angeklagte ein Geständnis abgelegt hat, äußerte sich nun Gianni H. vor dem Essener Landgericht. Er hat sich mit seinen Verteidigern vorbereitet und Notizen zu jedem Fall vor sich liegen.

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Eines der Opfer sitzt den Angeklagten gegenüber. Das Mädchen wirkt angespannt. Als es um Fall sechs geht, muss die Schülerin weinen. Es geht um sie. Gianni H. erzählt, dass sie das Mädchen im Januar dieses Jahres zu dritt abgeholt hätten. Wie in allen Fällen war die Schülerin mit einem der Männer befreundet – in diesem Fall war das Dean L. „Die beiden haben sich auf dem Rücksitz geküsst“, sagt Gianni H. Er spricht mit sanfter, ruhiger Stimme, alles klingt harmlos aus seinem Mund. Er sagt nicht Auto, sondern Fahrzeug, nicht Kneipe, sondern Gaststätte, und wenn er über Sex spricht, sagt er Geschlechtsverkehr. Man sei damals auf einen Parkplatz in Essen gefahren. Er sei ausgestiegen und als er zurückkam, hätte das Mädchen auf dem Rücksitz Sex mit seinem Bruder gehabt. Laut Anklage soll der zu der 16-Jährigen gesagt haben, sie könne wählen, ob er ihr Handy wegschmeiße oder sie tot prügele - oder machen, was er von ihr verlange. Darauf angesprochen sagt Gianni H. „Das hab ich nicht gehört.“ Dann macht er als Verwandter von seinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern zu Fragen, die seinen 17-jährigen Bruder betreffen.

Er selbst habe das Mädchen gefragt, ob sie nun Sex mit ihm haben wolle, alles sei danach wieder „ganz normal gewesen“, man habe im Auto Musik gehört. „Mir kam es nicht so vor, als ob sie geweint hätte“, sagt er. „Ich habe keine Träne gesehen.“ Er schätze also, dass „die das dann gewollt habe.“ Gianni H. setzt nach: „Herr Richter, wenn sie gesagt hätte, sie möchte das nicht, dann hätte ich nichts gemacht.“

Gianni H. war es, der die beiden Whats-App-Gruppen „Spinnen GE“ und „Scorpions MC“ gegründet hat. Warum Scorpions, will der Vorsitzende wissen. „Naja, wenn jemand cool ist, ist er ein Skorpion“, sagt H. In Hunderten Chats sollen die Angeklagten die Taten geplant haben und die Opfer verhöhnt haben. H. bestreitet, die Gruppen deshalb gegründet zu haben. Es sei um normale Verabredungen unter Kumpels gegangen, zum Darts und Poker spielen, sagt er. Und dann formuliert er wieder einen seiner unnatürlich sperrigen Sätze: „Es sollte nie zu kriminellen Machenschaften kommen.“

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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