Prozess um Doppelmord in Düsseldorf-Bilk: Kritik an Polizei nach Ermittlungen

Mutmaßlicher Doppelmord in Düsseldorf : Wenn die Polizei sich irrt

Die Düsseldorfer Polizei soll im Mai 2016 einen Doppelmord übersehen haben. Kein Einzelfall in NRW, sagt die Gewerkschaft der Kriminalbeamten. Erfahrene Polizisten kritisieren die Ausbildung von Ermittlern.

Die Anwälte von Tuba S., der in einem Indizienverfahren am Gießener Landgericht drei Morde zur Last gelegt werden, haben Freispruch gefordert. Die Ermittlungsergebnisse der Düsseldorfer Polizei müssen sie nicht fürchten: Die hatte den Doppelmord, der S. zur Last gelegt wird, zunächst nicht einmal erkannt.

Im Mai 2016 sorgte sich die in Berlin lebende Tochter von Sylvia F. um ihre Mutter, die telefonisch nicht erreichbar war. Ihr Onkel teilte die Sorge, nicht zuletzt, weil er seine Mutter Jole G. ebenfalls nicht ans Telefon bekam. Die 86-Jährige lebte in der Nähe ihrer Tochter (57) im Düsseldorfer Stadtteil Bilk, und spätestens, seit Sylvia an Depressionen erkrankt war, sahen sich die Frauen nahezu jeden Tag. Die Berliner Angehörigen schalteten die Polizei ein. Die fand die Frauen tot in Sylvia F.s Küche - umgeben von leeren Packungen verschreibungspflichtiger Tabletten.

Polizei kam erst spät auf Spur

Für die Kripo war schon, als sie von Sylvia F.s Erkrankung hörte, klar: Die 57-Jährige hatte ihre Mutter mit einem Schal erdrosselt und sich selbst mit Tabletten getötet. Eine Einschätzung, die nicht zuletzt vom Sohn und Bruder der Frauen bestärkt worden war. Der hatte, als er in Düsseldorf anrief, Druck machen wollen, damit die Polizei bei ihnen nach dem Rechten sieht, und deshalb erzählt, seine Schwester habe vor Jahren einen Suizidversuch unternommen, und er fürchte nun, es sei etwas passiert.

Unter dieser Prämisse bewerteten die Beamten auch die späteren Obduktionsergebnisse. Hämatome der alten Dame erklärten sie sich damit, dass sie sich womöglich verzweifelt gegen ihre Tochter zur Wehr gesetzt haben könnte. Und Verletzungen der Tochter damit, dass sie nach der Einnahme der Medikamenten-Überdosis gestürzt sei. Mord-Selbstmord lautete das Fazit, und schon eine halbe Stunde nach der Leichenschau gab die Kripo den Tatort für die Familie frei.

Merkwürdigkeiten, die den Angehörigen in der Wohnung ins Auge stachen, wurden von der Kripo nicht weiter untersucht. Weder die fremden Zigarettenkippen noch das Handy, in dem, wie die Töchter feststellten, ein Großteil der Nachrichten gelöscht worden war. Erst Wochen später entdeckten die Beamten, dass sie es doch mit einem Verbrechen zu tun hatten: Als Ermittler aus Gießen in einer Aachener Wohnung EC-Karten und Schmuck von Sylvia F. entdeckten. Es war die Wohnung von Tuba S., die in Hessen des Raubmordes an einem Rentner verdächtigt wurde.

"Fälle wie dieser werden sich häufen"

Den Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger empörten die nachlässigen Ermittlungen am Rhein derart, dass er auch den nun im Raum stehenden Doppelmord an sich zog. Sogar die Fahndungsplakate mit dem Foto einer maskierten Frau, die mit den EC-Karten am Abend vor Muttertag an einem Düsseldorfer Automaten Geld abgehoben hatte, klebten hessische Beamte in der NRW-Hauptstadt. Dort ist der Fall der Polizei mehr als peinlich. Als im Sommer 2017 die Liste ihrer Fehler vor dem Gießener Gericht vorgetragen wurde, blieb den Ermittlern nur eine Entschuldigung - eine Erklärung hatten beide nicht.

Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK) in NRW, will sich zu dem konkreten Fall nicht äußern, verweist lediglich auf extreme Überlastung. "Gerade aus Düsseldorf ist bekannt, dass Kollegen da in Arbeit ertrinken - losgelöst von diesem Fall, macht das natürlich anfällig für Fehler." Ein Einzelfall sei das allerdings nicht. Fiedlers beunruhigende Prognose: "Fälle wie dieser werden sich häufen." Zum einen, weil es landesweit an Personal fehlt. Rund 20.000 Beamte hat die Landespolizei zu wenig, rund ein Viertel davon fehlt der Kripo.

Thomas Berger (Name und Alter geändert) ist ein erfahrener Leiter eines Kriminalkommissariats (KK) in NRW, der schon viele Mordkommissionen geleitet hat. Er bestätigt die Probleme. Nicht mehr die besten Leute, sagt er, würden in den Mordkommissionen arbeiten.

Zum einen liege es am Beamtenrecht. Wenn etwa ein Kriminaloberkommissar, spezialisiert auf Brand- und Tötungsdelikte, eine Gehaltsstufe höher wolle (Kriminalhauptkommissar), sei er gezwungen, seine Dienststelle zu verlassen - und zum Beispiel zur Verkehrspolizei oder zur Pressestelle zu wechseln.

"Das ist Wahnsinn", betont der KK-Leiter. Dadurch gehe in den Mordkommissionen viel Erfahrung verloren. Es ermittelten Beamte, die noch nicht den Umgang mit Leichen am Tatort und die Arbeit in großen Kommissionen kennen, erklärt Berger. Dadurch sei auch intern der Stellenwert der Kripo gesunken. Früher sei es eine Auszeichnung gewesen, dort tätig sein zu dürfen. Aber mittlerweile wolle da kaum noch jemand hin. "Die meisten scheuen die Arbeit dort. Kripoleute müssen viel mehr arbeiten als normale Beamte der Polizei", so Berger.

Probleme bei der Ausbildung

Auch in der Ausbildung laufe einiges schief. Die jungen Kollegen, so der erfahrene Ermittler, könnten die an den Fachhochschulen erlernten kriminalpolizeilichen Inhalte nach der Ausbildung gar nicht anwenden - sondern erst nach fünf Jahren, weil sie vorher zur Schutzpolizei müssen.

"Wenn sie dann endlich anfangen, ist ihr Wissen weg oder veraltet. Und sie müssen wieder von vorne anfangen. Unfassbar ist das", sagt der KK-Leiter. Und man solle nicht glauben, dass es durch die aktuellen Mehreinstellungen bei der Polizei besser werde. "Quantität ist keine Qualität. Aber gerade die brauchen wir dringend."

Bei den Staatsanwaltschaften soll es nach Informationen unserer Redaktionen immer wieder Ärger geben wegen angeblich schlampiger Tatortarbeit der Ermittler. "Es kommt vor, das Kollegen der Polizei Beweismittel unbrauchbar gemacht oder Spuren gar nicht erst gesehen haben", sagt ein Staatsanwalt, der anonym bleiben möchte.

So habe etwa ein junger Polizist bei einem Tötungsdelikt in einer Wohnung nach Betreten des Tatorts einfach den Lichtschalter angeknipst, das Rollo hochgefahren und dann das Fenster aufgemacht. Und das alles auch noch ohne Handschuhe. "Und leider sind das wirklich sehr häufig junge Polizisten, die die gravierenden Fehler mache", so der Jurist.

Mehr Differenzierung gefordert

Schuld daran ist nach Ansicht des BdK die Gleichschaltung von Schutz- und Kriminalpolizei. "Alle Polizeianwärter erhalten dieselbe Ausbildung - und die hat vor allem das Ziel, die jungen Kollegen fit zu machen für den Einsatz im Streifenwagen." Denn da werden sie in erster Linie nach der Ausbildung eingesetzt.

"Auf dem Stundenplan steht beispielsweise für alle das Fach Verkehrslehre. Aber Themen wie das Führen einer Ermittlungsakte oder verdeckte Einsätze werden nur gestreift", sagt Fiedler. "Ein Kriminalpolizist muss vom Straßenverkehr nur unwesentlich mehr wissen, als er für seinen eigenen Führerschein braucht."

Deshalb plädiert der BdK dafür, dass sich angehende Polizisten schon im Studium für den ein oder anderen Bereich entscheiden. "Für Schutzpolizei und Kripo gilt gleichermaßen: Unsere Aufgaben werden immer vielfältiger und anspruchsvoller, mit einer Einheitsausbildung ist das nicht zu leisten."

Der Düsseldorfer Doppelmord scheint geklärt zu sein - auch wenn abzuwarten ist, ob dem Gericht die Indizien für eine Verurteilung von Tuba S. reichen. Die Kripo Düsseldorf hat aus dem Ermittlungsdesaster beim Doppelmord Konsequenzen gezogen. Die Standards für Todesermittlungsverfahren seien neu festgelegt worden, heißt es.

Dazu gehört eine grundsätzliche umfassende Spurensicherung. Außerdem werden bei kleinsten Unklarheiten nun sofort Rechtsmediziner konsultiert. Eine Entlastung im Pensum der Kripo freilich ist das nicht.

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(csh)
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