Polizei in NRW warnt: So viele Wildunfälle wie noch nie

Mehr Unfälle in NRW: Polizei warnt Autofahrer vor Wildwechsel

Dem Verband der Unfallversicherer zufolge hat es 2017 so viele Wildunfälle gegeben wie noch nie. In NRW starben allein in der abgelaufenen Jagdsaison rund 28.000 Rehe im Straßenverkehr – enorm viel, meint der Landesjagdverband.

Es ist kurz nach 23 Uhr am vergangenen Montag, als eine junge Autofahrerin aus Grevenbroich in Jüchen plötzlich in einen Wildwechsel gerät. Die Frau kann nicht mehr rechtzeitig bremsen, will aber ausweichen und kommt deshalb von der Fahrbahn ab. Der Wagen landet in einem Entwässerungsgraben. Während sie unverletzt bleibt, verletzt sich ihre 47 Jahre alte Beifahrerin leicht.

Immer wieder kommt es gerade in ländlichen Gebieten zu gefährlichen Situationen, wenn Wildschweine, Rehe oder andere Wildtiere plötzlich über die Fahrbahn laufen. Die Folgen eines Zusammenstoßes zwischen Auto und Wild werden laut Polizei oftmals unterschätzt, obwohl sie dramatisch sein können und nicht immer so glimpflich enden wie in Jüchen. „Ein 20 Kilogramm schweres Reh hat bei einer Kollision mit Tempo 100 ein Aufschlaggewicht von beinahe einer halben Tonne“, warnt die Kreispolizeibehörde des Rhein-Kreises Neuss. Noch schlimmer sei es allerdings, wenn man mit einem Wildschwein zusammen stößt, das dreimal so viel wiegen kann wie ein Reh.

In NRW wurden laut Jagdverband in der abgelaufenen Jagdsaison vom 1. April 2017 bis zum 31. März 2018 insgesamt 28.157 Rehe im Straßenverkehr getötet. Hinzu kommen noch rund 3600 Wildschweine und 317 Tiere, die zur Gruppe des Rotwilds zählen, die bei Kollisionen mit Autos oder anderen Fahrzeugen verendeten. „Das ist schon eine deutliche und sehr hohe Zahl. Denn das bedeutet, dass rund ein Drittel des jährlich in NRW getöteten Wildes allein im Straßenverkehr ums Leben gekommen ist“, sagt Andreas Schneider, Sprecher des Landesjagdverbandes.

Nach Angaben des Landesjagdverbandes haben die Wildunfälle in den vergangenen zehn Jahren aufgrund des zunehmenden Verkehrs deutlich zugenommen. „Jährlich sterben in Deutschland 30 bis 35 Autofahrer bei Zusammenstößen mit Wildtieren“, sagt Schneider. Dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zufolge wurden im Jahr 2017 rund 275.000 Wildunfälle gemeldet. „Das sind 11.000 mehr als im Jahr davor und so viele wie noch nie zuvor“, sagt ein Sprecher. Der dadurch entstandene wirtschaftliche Schaden liegt demnach bei rund 744 Millionen Euro.

Die Wildunfall-Statistik untermauert auch die Angaben des Landesjagdverbands, wonach es seit Jahren stetig mehr Unfälle gibt. So lag die Zahl der Wildunfälle im Jahr 2008 bei 240.000 mit einem finanziellen Schaden von rund 500 Millionen Euro. Bei 80 Prozent aller Wildunfälle kollidiert ein Auto mit einem Reh, bei zehn Prozent mit einem Wildschwein. Die Auswertung für das Jahr 2018 erfolgt laut GDV erst im Herbst 2019.

Nach Angaben des Verbandes passieren die meisten Wildunfälle zwischen fünf und acht Uhr morgens sowie abends zwischen 17 Uhr und Mitternacht. Aber auch die Zeit zwischen ein und vier Uhr nachts sei angesichts der geringen Verkehrsstärken gefährlich. Über das Jahr verteilt gebe es im mehrjährigen Durchschnitt bei den Wildunfällen Spitzen im Mai sowie Oktober und November; die Abweichung zwischen den Monaten sei aber relativ gering. „Vorsicht ist also das ganze Jahr über geboten“, so ein Verbandssprecher.

Die Gründe für die Zunahme der Wildunfälle seien vielfältig, erklärt Berthold Antpöhler, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Paderborn. Neben dem wachsenden Verkehrsaufkommen und oftmals überhöhter Geschwindigkeit spielten wohl auch veränderte Bedingungen in der Landwirtschaft eine entscheidende Rolle. „Die großflächig zusammengelegten Felder  mit jährlich wechselnden Kulturen, die bis an die Straßenränder rücken, dienen den Wildtieren  als Rückzugs- oder Futterstelle“, sagt Antpöhler. Das habe dazu geführt, dass die dämmerungsaktiven Tiere gerade morgens und abends ihre Standorte wechselten und dabei vermehrt Straßen überqueren müssten. „Das heißt, sie treffen bei ihren Wanderungen genau zu diesen Zeiten auf den Berufsverkehr, was wiederum das Unfallrisiko steigen lässt“, so der Jägerchef.

Einen absolut sicheren Schutz zur Vermeidung von Wildunfällen gibt es offenbar nicht. Polizei, Kreisjägerschaft und Landesjagdverband appellieren an alle Autofahrer, in den mit Warnschildern gekennzeichneten Gefahrenzonen zu einer angepassten Fahrweise. Auf diesen Abschnitten sollte man Fuß vom Gas nehmen und die Fahrbahnränder aufmerksam beobachten.

Hier geht es zur Infostrecke: Wildunfälle: Polizei in NRW gibt Autofahrern Tipps

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