Dringliche Suche NRW sucht händeringend nach Pflegeeltern für Kinder

Düsseldorf · Kommunen und soziale Verbände in NRW suchen händeringend nach Pflegefamilien. Der Bedarf ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Vor allem für Kinder ab vier Jahren finden sich kaum Plätze. Dabei sei der Gewinn für alle Seiten enorm, sagen Experten.

In NRW fehlen Familien, die Pflegekinder aufnehmen.

In NRW fehlen Familien, die Pflegekinder aufnehmen.

Foto: dpa/Peter Kneffel

Es gibt viele Gründe, warum Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können – weil diese zum Beispiel überfordert sind, drogenabhängig oder psychisch krank. Auch traumatisierte Minderjährige aus Kriegsgebieten brauchen ein neues Zuhause. Für alle diese Kinder suchen Jugendämter und Sozialverbände in NRW Pflegeeltern. Zunehmend verzweifelt, da die Zahl derjenigen, die untergebracht werden müssen, steigt. Zuletzt startete die Stadt Essen einen Aufruf, das Problem ist aber ein flächendeckendes. „Die Gesellschaft ist wachsamer geworden, der Kinderschutz steht mehr im Fokus“, sagt Steffen Suuck vom Netzwerk Pflegefamilien. „Aber die Zahl der Pflegefamilien ist zu gering, um den Bedarf aufzufangen.“

Die Einrichtungen der Jugendhilfe in den meisten Kommunen seien voll, es werde mit Wartelisten gearbeitet, sagt Marcus Grzesko, der im Netzwerk Pflegefamilien, das sieben Standorte in NRW und Niedersachsen unterhält, als Familienberater arbeitet. „Wir suchen dringend nach Pflegefamilien“, sagt Grzesko. Bundesweit waren im Jahr 2022 rund 86.000 Kinder in Pflegefamilien untergebracht und 121.000 Kinder in Heimen. Gestiegen seien die Zahlen zuletzt durch die Einreise von Flüchtlingen und mehr Inobhutnahmen aus prekären Verhältnissen. „Gemessen an der Zahl der Plätze haben wir deutlich zu viele Kinder“, sagt Grzesko.

Dabei sei die Anfragesituation im Netzwerk eigentlich gut, erklärt Suuck, die Zahl der Pflegeeltern in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Aber eben nicht hoch genug. „Es ist bedrückend zu sehen, dass wir nicht alle Kinder so schnell unterbringen können, wie wir es möchten“, sagt Suuck. Die Gründe, warum Menschen sich vorstellen können, Pflegeeltern zu werden, sind vielfältig. „Vor ein paar Jahren haben viele Paare angefragt, die schon Kinder hatten und aus sozialen Gründen noch eines aufnehmen wollten“, sagt Grzesko. „Heute melden sich auch viele kinderlose Menschen, die Eltern werden wollen.“

Das führe häufiger dazu, dass sich für Kinder ab vier Jahren aufwärts kaum noch Pflegeeltern finden lassen. Argumentiert werde seitens der Familien, dass man mit dem Kind wachsen, Kindergarten, Einschulung und weiteren Lebensweg mitbekommen möchte. Und dass es schwieriger sei, mit älteren Kindern eine Bindung aufzubauen. „Das ist jedoch ein Trugschluss“, sagt Grzesko. Er habe viele Kinder erlebt, die erst mit sieben oder acht Jahren vermittelt wurden und zu ihren Pflegeeltern später „Mama“ und „Papa“ sagten.

„Pflegekinder, vor allem ältere, haben in der Gesellschaft einen schlechten Ruf. Viele Menschen sagen, dass das Kind in eine Pflegefamilie müsse, liege auch am Kind selbst“, sagt Grzesko. „Das ist natürlich Quatsch. Zum größten Teil sind solche Pflegebündnisse ein großer Gewinn für die Familie und die Kinder, bei denen alle Seiten viel Dankbarkeit und Wertschätzung erfahren.“

Natürlich bedeutet die Aufnahme eines Pflegekindes eine Herausforderung, auch das hält viele Eltern ab, sich zu engagieren. Im Netzwerk wie in den Jugendämtern werden potenzielle Eltern intensiv auf diese Aufgabe vorbereitet. Etwa neun Monate dauern die Workshops und Einzeltreffen, die alle Themenbereiche streifen, etwa die Fragen, wie sich Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft auf ungeborene Kinder auswirken oder sich auch die Paarbeziehung verändern kann.

„Erst wenn alle Beteiligten entschlossen sind, gehen wir den Prozess an“, sagt Suuck. „Wir wollen ja, dass die Kinder einen sicheren Ort finden und nicht ein, zwei Jahre später wieder eine Trennungserfahrung erleben.“ Auch nach der Aufnahme eines Kindes kümmert sich ein Berater um die Familie, fährt alle vier Wochen vorbei und ist Ansprechpartner nicht nur in Krisensituationen. Es gehe darum, Ängste abzubauen, auch die leiblichen Kinder würden in die Beratung einbezogen.

Was muss nun geschehen, um mehr Paare als Pflegeeltern zu gewinnen? Laut Suuck und Grzesko gelte es, an verschiedenen Stellen anzusetzen. So müsse vor allem mehr Aufklärung betrieben werden. „Viele Menschen denken, wenn es mit einem eigenen Kind nicht klappt, erst an eine Kinderwunschklinik und dann an eine Adoption, aber nicht an ein Pflegekind“, sagt Grzesko, „auch weil sie glauben, dass das nur für eine bestimmte Zeit ist. Dabei bleiben viele Pflegekinder bis zum 18. Lebensjahr oder sogar darüber hinaus in einer Familie, mit allem, was andere Eltern auch erleben, von der Schulzeit über die Pubertät bis zum Auszug.“

Aufgeräumt werden müsse dazu mit falschen Vorstellungen, was das Alter von Pflegeeltern angehe, ein entsprechendes Engagement sei durchaus für Paare zwischen 50 und 60 möglich. Auch gleichgeschlechtliche Paare könnten selbstverständlich Pflegekinder aufnehmen. „Es ist daher wichtig, alle Wege wie etwa die sozialen Medien zu nutzen, um aufzuklären“, sagt Suuck. Er produziert beispielsweise einen Podcast (Netzwerk Pflegefamilien – der Podcast, u.a. bei Spotify), der sehr erfolgreich ist und in dem unter anderem Pflegeeltern zu Wort kommen.

Nicht zuletzt gehe es darum, zu zeigen, dass es sich lohne, Kinder aus allen Altersstufen aufzunehmen. „Es ist eben individuell ganz unterschiedlich, welchem Kind ich ein gutes Zuhause geben kann“, sagt Grzesko. „Und für uns ist es einer der schönsten Momente zu sehen, wenn Kinder und Pflegefamilie langsam zusammenwachsen.“

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