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Pensionierte NRW-Lehrer: "Das Unterrichten hält jung und fit"

Pensionierte NRW-Lehrer über ihren Wiedereinstieg : "Unterrichten hält geistig fit"

Das Schulministerium möchte pensionierten Lehrern die Rückkehr ermöglichen. Quereinsteiger sollen leichter eine Chance bekommen. Wir haben mit zwei bereits pensionierten Lehrern über ihren Wiedereinstieg gesprochen.

Natürlich hat Wilfried Hensges Pläne für den Ruhestand gehabt: in den Urlaub fahren, Motorradfahren, am Haus werkeln. Aber es kam anders. Nun verreist er weiterhin in den Ferien, fährt nach Feierabend Motorrad — "und die Reparaturen am Haus bleiben halt liegen", sagt er schmunzelnd.

Wilfried Hensges ist mit 66 Jahren im Sommer 2015 in Pension gegangen — und hat schon damals ein halbes Jahr länger gearbeitet, als er gemusst hätte. Weil der Mönchengladbacher die Mangelfächer Mathe, Physik und Informatik an einer Düsseldorfer Realschule unterrichtet hatte, verlängerte er anschließend seinen Beamtenstatus und hängte dort noch ein Jahr als Vertretungslehrer dran.

Anschließend wechselte er zu einer anderen Realschule und übernahm für eine Kollegin in Elternzeit deren Informatik-Stunden. Die Vergütung dafür gleicht der für angestellte Lehrer: Für elf Stunden bekommt er 1500 Euro brutto. Zuletzt wurden ihm davon aber 300 Euro von seiner Pension abgezogen. "Ich erweitere durch meine Arbeit meinen Horizont, bekomme immer wieder neue Einblicke", sagt er. Zudem unterrichtet er zweimal in der Woche an einer Volkshochschule junge Erwachsene, die einen Schulabschluss nachholen wollen, in Mathe und Physik.

"Es gibt schlichtweg zu wenige Lehrer"

Das Schulministerium unter Sylvia Löhrmann (Grüne) will mehr Lehrer wie Wilfried Hensges und hat deshalb angekündigt, Ruheständlern und Quereinsteigern den Einstieg als Lehrer zu erleichtern. Damit die Rückkehr attraktiver wird, soll unter anderem die Hinzuverdienstgrenze für Ruheständler bis 2019 außer Kraft gesetzt werden. So werde es möglich, sogar einen größeren Stundenanteil bis hin zur Vollbeschäftigung zu erreichen, so das Ministerium. Ebenso vorgesehen sind erhöhte Ruhegehaltssätze und Besoldungszuschläge.

Das Ministerium begründet diese Maßnahme zwar nicht mit einem Mangel an Lehrern. Nach Angaben der Lehrergewerkschaft GEW ist dieser aber massiv. Viele Stellen können nicht besetzt werden, egal ob an Grund-, Haupt-, oder Realschulen, Gymnasien oder Berufskollegs. "Es gibt schlichtweg zu wenige Lehrer und der Markt hat sich umgedreht", sagt Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der GEW NRW. "Nicht mehr die Schulen suchen sich die Lehrer aus, sondern die Lehrer die Schulen."

Nach 42 Jahren im Schuldienst wurde Dorothea Stommel am 1. Februar 2015 pensioniert. Ganz zurückziehen wollte sich die damals 65-Jährige Gesamtschullehrerin aus Essen aber nicht, schließlich war sie noch fit. "Ich habe mich direkt wieder nach einer regelmäßigen Aufgabe gesehnt", so Stommel. Seit zwei Jahren unterrichtet die heute 67-Jährige nun wieder an einer Gesamtschule.

Nur ein halbes Jahr nach der Pensionierung wieder im Dienst

Nachdem Dorothea Stommel die Essener Gesamtschule Süd zum Februar 2015 verlassen hatte, wollte sie zunächst in der Flüchtlingshilfe als Deutschlehrerin aktiv werden. "Ich wäre auch in ein Flüchtlingsheim gegangen", so die 67-Jährige. Doch trotz aufwendiger Bewerbung wurde sie nicht eingestellt.

Über das regionale Integrationsamt ergatterte Stommel dann doch eine Stelle, wodurch sie im September 2015, also nur ein halbes Jahr nach ihrer Pensionierung, wieder in den Schuldienst eintrat. An der Essener Gesamtschule Bockmühle unterrichtet sie seitdem Flüchtlingskinder in Deutsch. Die Kinder sind zwischen elf und 13 Jahren alt und werden an sechs Stunden pro Woche, verteilt auf zwei Tage, von Stommel unterrichtet.

Sämtliche Nationalitäten seien unter den Kindern vertreten, ob Iraner, Iraker, Syrer, Afghanen, Rumänen oder Polen. Einigen ihrer Schüler merke man leider an, dass sie bereits Furchtbares erlebt haben. "Es macht trotzdem wahnsinnigen Spaß, diesen Kindern unsere Sprache beizubringen", sagt Stommel. "Der Umgang mit Kindern, das Unterrichten an sich hält jung und fit." Ans Aufhören denkt die 67-Jährige also auch noch lange nicht.

"Ich will ja nur unterrichten"

Wilfried Hensges ist Lehrer geworden, weil ihm die Arbeit mit Schülern so wichtig ist. Den Schulwechsel — das neue Umfeld und die neuen Kollegen — hat er gut gemeistert. "Andere haben mit sowas Probleme, ich befasse mich gar nicht so sehr damit. Ich will ja nur unterrichten." Fast zwei Drittel der Lehrer gehen vorzeitig in Pension, 42 Prozent quittierten 2014 den Dienst mit 63 Jahren.

"Das wäre für mich nicht in Frage gekommen", sagt der Mönchengladbacher, der sich selbstironisch als "Teilzeit-Rentner" bezeichnet und den Spaß an der Arbeit nicht verloren hat. "Ich habe von anderen schon Sprüche gehört wie ,Ich gehe in zwei Jahren eh in Pension, da mache ich doch jetzt keine Fortbildung mehr'. Dafür habe ich kein Verständnis."

Obwohl seine Frau schon im Ruhestand ist, ist für Wilfried Hensges die Pension noch fern. Am 6. März endet sein Vertrag, im Mai wird er 68. "Vorher schaue ich mich aber um und halte Ausschau", sagt er. Bei seinen Fächern werden Angebote kommen. Da ist er sich sicher.

(RP)