38-Jähriger benötigt Organspende Zehn Jahre warten auf eine Niere

Düsseldorf · Gregory Schulz muss jeden zweiten Tag zur Dialyse, um sein Blut reinigen zu lassen. Seine Nieren arbeiten nicht mehr. Auf ein Spenderorgan muss er wohl lange warten.

 Gregory Schulz muss regelmäßig zur Dialyse ins KfH-Nierenzentrum im Universitätsklinikum Düsseldorf.

Gregory Schulz muss regelmäßig zur Dialyse ins KfH-Nierenzentrum im Universitätsklinikum Düsseldorf.

Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Was es für einen Kranken bedeutet, ein neues Organ zu bekommen, weiß Gregory Schulz ganz genau. Mit 21 versagten seine Nieren ihren Dienst, sein Blut musste per Dialyse gereinigt werden. Ein Jahr später spendete ihm sein Vater eine Niere. Dies habe ihm damals ermöglicht, wieder ein normales Leben zu führen, erzählt der Düsseldorfer. Zu studieren, einen Beruf zu ergreifen, eine Familie zu gründen. Nun, 16 Jahre später, arbeitet auch die Spenderniere nicht mehr. Schulz ist wieder Dialyse-Patient und steht auf der Warteliste für ein neues Organ. Voraussichtliche Wartezeit diesmal: acht bis zehn Jahre. „Ich versuche, das auszublenden“, sagt der 38-Jährige. „Sobald ich aus der Dialyse raus bin, denke ich nicht mehr darüber nach.“

Wenn es nach Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Politiker Karl Lauterbach geht, soll sich die Wartezeit bald verkürzen. Die Politiker haben einen Gesetzentwurf für eine Widerspruchslösung bei der Organspende vorgestellt. Dabei wird jeder Bürger ab 16 Jahren ausführlich informiert und als Spender registriert – sofern er nicht widerspricht. Dieser Widerspruch soll sich in einem zentralen Register speichern lassen, vorerst in der Arztpraxis, später auch online. Ärzte sollen das Register abrufen können, wenn eine Transplantation infrage kommt. Gibt es dort keinen Eintrag, soll der nächste Verwandte gefragt werden, ob er einen „entgegenstehenden Willen“ des Verstorbenen kennt oder um ein schriftliches Nein weiß – etwa einen Zettel in einer Schublade. Spahn hofft, dass sich die Zahl der Organspender mit der Widerspruchsregelung deutlich erhöht.

Schulz teilt diese Hoffnung, und er begrüßt daher den Vorstoß des Ministers. „Es gibt sicher viele potentielle Organspender, die sich mit dieser Lösung leichter gewinnen lassen als mit einer konkreten Zustimmung“, sagt der Architekt. Dass noch funktionstüchtige Organe mit dem Tod eines Menschen verfallen, diese Vorstellung behagt ihm nicht. Zumal damit möglicherweise eine Niere begraben würde, die ihm ein Stück Normalität hätte schenken können. Schulz leidet an einer angeborenen Nieren-Erkrankung. Da sein Organ den Körper nicht mehr ausreichend entgiftet, müssen das Maschinen übernehmen. Alle zwei Tage wird Schulz im KfH-Nierenzentrum am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) an den Dialyse-Apparat angeschlossen, der Zeitaufwand beträgt etwa sechs Stunden. Der Düsseldorfer arbeitet Teilzeit und schafft es so, auch noch Zeit für sein Kind zu haben. Aber die Krankheit dominiert seinen Alltag, zwingt ihm eine Diät auf und mit der Dialyse vor allem einen Lebensrhythmus, dem alles andere unterzuordnen ist. Nur ein neues Organ könnte daran etwas ändern.

Bundesweit warten derzeit rund 8000 Patienten allein auf eine Nierentransplantation. Etwa viermal so viel wie die pro Jahr übertragenen Organe. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Deutsche Stiftung Organtransplantation insgesamt 955 Organspender, im Jahr davor waren es 797, immerhin ein Zuwachs von 20 Prozent. Gerade deshalb müsse man am Thema dranbleiben, sagt die Transplantationsbeauftragte des UKD, Katrin Ivens. Sie befürwortet die Widerspruchsregelung. „Ich finde es zumutbar, dass sich jeder Gedanken darüber macht, was nach dem Tod mit seinen Organen passiert“, sagt sie. Momentan werde das, wenn kein Organspendeausweis vorliege, an die Angehörigen delegiert. Auf ihnen laste damit extremer Druck. Die Neuregelung verlange allerdings intensive Aufklärungsarbeit, sagt die Medizinerin, etwa darüber, dass es bei den meisten Organen keine Altersgrenze für Spender gebe. Hier seien die Hausärzte gefragt. „Und das Thema sollte in die Schulen getragen werden.“

Europaweit bildet Deutschland fast das Schlusslicht, was die Organspender gemessen an der Einwohnerzahl angeht. So hatte Spanien 2016 43,3 Spender auf eine Million Einwohner, Deutschland aber nur 10,4. Entsprechend kürzer sind die Wartezeiten für Organempfänger in Spanien. Ein Umstand, den Ivens aber nicht nur auf die Widerspruchsregelung zurückführt, die bereits in vielen anderen europäischen Ländern greift. Sondern auf bessere Strukturen, die es auch kleinen Krankenhäusern ermöglichen, etwa auf Neurologen-Pools und Entnahme-Teams zurückzugreifen oder Transplantationsbeauftragte zu beschäftigen. Ein entsprechendes Gesetz ist hierzulande seit April in Kraft. „Noch nie war der Zeitpunkt günstiger für eine Neuregelung“, sagt Ivens. „Ob es klappt, weiß ich aber nicht.“

Denn die Lager sind gespalten. So lehnt eine Abgeordneten-Gruppe um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock die Widerspruchsregelung ab und schlägt stattdessen vor, Bürger beim Abholen von Ausweisen über das Thema Organspende zu informieren. Zur Spende verpflichtet werden soll dabei niemand. Aber gerade das hält Gregory Schulz für verkehrt. Mit der Widerspruchsregelung würde jeder gezwungen, sich mit seinem Ableben und der Frage, was danach mit seinen Organen geschehen soll, zu beschäftigen. „Die meisten Menschen denken ja auch über ein Testament nach und darüber, was mit ihren Besitztümern geschehen soll“, sagt Schulz, „warum nicht auch über ihre Organe?“

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