NRW: Krummes Gemüse bei Rewe und Penny

Marketinggag oder Hilfe für Landwirte? : Hässliches Gemüse landet wegen Dürre in NRW-Supermärkten

Karotten mit Füßen, Möhren in Herzform und blasse Äpfel - was normalerweise nicht in den Geschäften landet, packt Rewe ab sofort ins Regal. Damit will die Supermarktkette Bauern unterstützen, die unter den Dürrefolgen leiden. Doch hilft die Maßnahme den Landwirten wirklich?

Die lang anhaltende Sommerhitze hat Landwirten deutschlandweit Ernteeinbußen gebracht. Warum dann nicht einfach das Obst und Gemüse, das sonst nicht in den Regalen landet, in die Supermärkte bringen? Genau so hält es Rewe. In den Filialen der Kette und auch bei der Tochter Penny wird es bis Anfang 2019 Äpfel, Möhren, Zwiebeln und Kartoffeln mit Farb- und Formfehlern geben. Klingt nach einer naheliegenden Lösung für das Problem. Doch ganz so einfach ist es nicht, sagen Verbände und Bauern in NRW.

„Das ist wirklich ein netter Zug, aber so viel krummes Gemüse gibt es gar nicht“, sagt Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW. Für ihn ist die Aktion eine Marketingstrategie, die auch den Händlern zugutekommt. Denn die müssten zusehen, dass sie den Bedarf ihrer Kunden decken. „Kartoffeln werden gerade europaweit knapp“, sagt Rüb. Die Knolle bestehe zu 78 Prozent aus Wasser. Da könne man sich denken, dass die Ernte in diesem trockenen Sommer schlechter ausfalle als in anderen Jahren. Für die wenigen Kartoffeln, die es derzeit gibt, muss der Verbraucher mehr bezahlen. Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) rechnet mit einem Preisanstieg von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schon im August mussten Verbraucher laut Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft (AMI) zehn Prozent mehr für ein Kilogramm Kartoffeln ausgeben.

Neu ist die Idee vom Verkauf des krummen Gemüses nicht. Edeka, Netto und Aldi haben oder hatten bereits „Wunderlinge“ oder „Krumme Dinger“ im Sortiment. Rewe selbst hat bereits 2013 in Österreich mit dem Verkauf von Obst und Gemüse abseits der Schönheitsnorm begonnen.

Der Viersener Kartoffelbauer Bernd Drößer moniert, dass der Handel zwar derzeit Abstriche bei Größe und Form des Gemüses mache, nicht aber generell. „Die Kartoffeln werden automatisch sortiert. Zu große oder zu kleine kommen nicht in den Handel. Da wurde in den vergangenen Jahren im großen Stil Gemüse weggeworfen.“ Weggeworfen bedeutet aber nicht automatisch, dass die Knollen auf dem Müll landen. Drößer erklärt, dass den Landwirten Kartoffeln mit äußeren Mängeln vom Gesamtertrag abgezogen würden. Diese würden dann etwa zu Reibekuchen verarbeitet. „Wir bekommen aber nur das Gemüse bezahlt, das abgepackt in den Tüten im Supermarkt landet“, sagt der Landwirt.

Würde die automatische Sortierung angepasst, landeten auch kleinere und größere Kartoffeln in den Tüten - so wie jetzt etwa von Rewe beabsichtigt. Das eigentliche Problem sei aber ein anderes, so Drößer. „Durch die Dürre sind Risse im Boden entstanden. Dadurch ist Licht an die Kartoffeln gekommen.“ Die wurden grün und sind zum Verzehr nicht mehr geeignet.

Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern seien für den Handel laut Qualitätsnorm eigentlich gar nicht vorgesehen, sagt Peter Muß, Stellvertretender Geschäftsführer des Provinzialverbandes Rheinischer Obst- und Gemüsebauern - und krummes Gemüse gebe es auch nicht in Massen. „Das kommt immer mal wieder vor, wenn etwa die Möhre mit ihrer zarten Wurzel auf einen Stein trifft“, sagt Muß. Das eigentliche Problem des Handels sei ein logistisches: Denn krumme Gurken etwa nehmen in den Kartons viel mehr Platz ein als gerade. „Würde man regulär krumme Gurken ins Sortiment aufnehmen, hätte man ein geringeres Transportvolumen, da weniger Gurken in einen Karton passten, und dadurch wieder mehr Lkw auf den Straßen.“ Für den Diplom-Agraringenieur ist die Initiative Rewes eine Marketingstrategie. Wäre der Markt überversorgt, „wäre das Obst und Gemüse nicht absatzfähig“.

Eine wirkliche Lösung für die Ernteeinbußen der Landwirte sei der Verkauf von krummem Gemüse also nicht, sind sich die Verbände und Landwirte einig. Nichtsdestotrotz würden es alle Beteiligten begrüßen, wenn sich der Handel bei Schönheitsfehlern toleranter zeigte. „Das wäre sowohl für den Landwirt ein Vorteil als auch für den Handel, der den Bedarf in trockenen Jahren wie diesem nicht durch Produkte aus dem Ausland, sondern durch regionale Erzeugnisse decken könnte“, sagt Landwirt Bernd Drößer.

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