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NRW: Kindesmissbrauch ist erschreckend alltäglich

Missbrauchsfälle in NRW : Kindesmissbrauch ist erschreckend alltäglich

Die Verbrechen sind nicht neu und doch erschreckt das Ausmaß zuletzt bekannt gewordener Fälle von Kindesmissbrauch. Hinter sexueller Gewalt an Kindern steckt dabei nicht in jedem Fall „Pädophilie“. Manche stört dieser Begriff sogar sehr, weil er kaschiere.

Staufen, Lügde, Bergisch-Gladbach - und nun Münster. Mit diesen Orten werden Gewaltverbrechen an Kindern in Verbindung gebracht, die allein in den vergangenen zwei Jahren zeigen: Kindesmissbrauch ist erschreckend alltäglich. Die WHO geht für Deutschland von einer Million betroffener Kinder aus - das sind pro Schulklasse ein bis zwei Mädchen oder Jungen, die sexuelle Gewalt erleben mussten. Nur ein kleiner Teil kommt zur Anzeige.

„Das Dunkelfeld bei diesen Straftaten ist groß“, sagt Joachim Schneider, Geschäftsführer des Programms Polizeiliche Kriminalprävention. Scham, Angst und Loyalitätskonflikte der Opfer oder schlicht die unbegründete Sorge des Umfelds, ein Melden „unguter Gefühle“ könne als Denunziantentum verstanden werden, machten es noch immer schwierig, Missbrauch frühzeitig zu erkennen. „Prävention braucht da einfach einen langen Atem, damit das Thema weiter enttabuisiert wird.“

Hinsehen hilft, da ist sich die Traumatherapeutin Ursula Enders sicher: „Dass die Fälle jetzt hochgehen, hat auch damit zu tun, dass die Ermittlungsmöglichkeiten zugenommen haben“, sagt die Leiterin von Zartbitter, einer Fachstelle gegen sexuellen Kindesmissbrauch in Köln. Dabei sei die pornografische Ausbeutung von Kindern keine Erfindung des Internets, auch wenn Anonymität von Plattformen und digitale Verfügbarkeit der Bilder das Ausmaß haben steigen lassen.

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Dass das Entsetzen über die so professionell erscheinenden Strukturen der nun bekanntgewordenen Fälle aus Münster so groß ist, liege auch am „bürgerlichen Ambiente“, in dem sich das Geschehen abgespielt habe. Hier wurde eine Gartenlaube in einer gepflegten Kleingartenanlage mindestens einmal zum Tatort für stundenlange Vergewaltigungen von zwei Kindern. Das Häuschen war offenbar Produktionsstätte für eine noch unbekannte Zahl von Videos abscheulicher Gewaltexzesse: Die Betten waren kameraüberwacht, die Aufzeichnungstechnik hochprofessionell. Die Mutter des Hauptverdächtigen, eine Erzieherin, soll von dem Geschehen in der Laube gewusst, Geschehnisse in der Laube gebilligt haben.

„Beim Fall Lügde konnten sich alle noch distanzieren und sagen, so einem versifften Typen auf dem Campingplatz würde ich doch mein Kind nicht anvertrauen“, sagt Enders. Auch das sei nicht neu: „Gerade pornografische Ausbeutung findet hinter den Fenstern von Eigenheimen statt. Das wissen wir immer schon. Je bürgerlicher, desto weniger kommt ans Licht“. Auch in Münster zählen ein Vater und andere Bezugspersonen der Kinder zu den mutmaßlichen Tätern.

Und noch etwas erschreckt an den Ermittlungserkenntnissen: Der 27 Jahre alte Hauptverdächtige war wegen Kinderpornografiebesitzes zweifach vorbestraft - und hatte wegen seiner offenkundigen pädophilen Neigung auf Anordnung eines Gerichts eine Therapie absolviert. Das Geschehen verhindert hat das offensichtlich nicht.

Das Wort Pädophilie (von altgriechisch für Junge/Kind und Freundschaft/Liebe) ist dabei heutzutage umstritten, weil es als arg verschleiernd wahrgenommen werden kann.

Nicht jeder Pädophile werde zum Straftäter, genau wie nicht jeder, der sich an Kindern vergehe, pädophil sei, betonen Kriminalpsychiater und -psychologen. Studien deuteten daraufhin, dass nur etwa die Hälfte aller sexuellen Gewalttäter, deren Opfer Kinder sind, tatsächlich eine mehr oder weniger ausgeprägte pädophile Neigung hätten, sagt etwa der Professor für Forensische Psychiatrie und Leiter der LWL-Klinik für Forensische Psychiatrie in Herne, Boris Schiffer. Andere folgten etwa sadistischen Motiven oder „missbrauchen Kinder ersatzweise, weil sie etwa bei Frauen nicht landen können“.

Und dennoch: Aus Untersuchungen lasse sich abschätzen, dass etwa ein Prozent aller erwachsenen Männer eine pädophile Neigung habe. „Das ist kein kleines Problem - aber bei dieser Viertelmillion Männer haben wir eine sehr unterschiedliche Verteilung dahingehend, wie stark diese Neigung die Sexualstruktur dominiert. Je stärker die Neigung ausgeprägt ist, desto höher ist auch das Risiko, tatsächlich selbst zum Täter zu werden“, sagt Schiffer - sei es durch den Konsum von Kinderpornografie oder indem er selbst Kinder missbrauche.

Heilung gebe es nicht. Man könne allenfalls durch Therapie versuchen, das Dranghafte der abweichenden Neigung abzumildern und gesunde Anteile der Sexualität zu stärken. „Wenn es diese Anteile überhaupt gibt“, sagt Schiffer. „Ansonsten können diese Menschen nur lernen, verantwortungsvoll mit ihrer Neigung umzugehen und Kontrolle darüber zu erlangen, sonst übernimmt die Neigung Kontrolle über sie und wird zu einer echten Krankheit.“

Enders hält eine Konzentration auf die sexuelle Orientierung für irreführend: Es gehe nicht um das Ausleben sexueller Fantasien einzelner Täter, wie es der aus ihrer Sicht verharmlosende Begriff der Pädophilie suggeriere. „Der Begriff blendet aus, dass es um schlimmste Formen der Unterwerfung und Folter geht. Die Täter handeln mit Kindern und den Videos der Taten. Wir haben es hier mit organisiertem Verbrechen im eigentlichen Sinne zu tun.“

(dpa)