NRW: Kinder verlernen das Fahrradfahren

Tödliche Verkehrsunfälle in NRW : Auch Fahrradfahren will gelernt sein

Das Fahrrad ist für Kinder das Verkehrsmittel Nummer eins. In NRW können trotzdem immer weniger sicher damit fahren. Es hapert an elementaren Voraussetzungen. Dies spiegelt sich in der Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle wider.

Welche der beiden Aussagen ist richtig? Das Fahrrad braucht mindestens eine Bremse für das Vorderrad und eine Bremse für das Hinterrad. Oder: Eine Bremse am Fahrrad reicht aus. Sonst wird das Rad zu schwer. Insgesamt 20 Fragen umfasst der theoretische Teil der Radfahrausbildung in der Grundschule. Aus pädagogischen Gründen kann wie beim Sportfest niemand durchfallen – zumindest wird es nicht so drastisch ausgedrückt. Stattdessen hat man mit „gutem Erfolg“ oder nur mit „Erfolg“ teilgenommen. Oder man hat nur „teilgenommen“.

Letztere Bewertung dürfte gleichbedeutend mit der Schulnote „mangelhaft“ sein. Und immer häufiger steht bei den Dritt- und Viertklässlern in NRW nach der theoretischen und praktischen Prüfung eben nur „teilgenommen“ im abschließenden Bewertungsschreiben an die Eltern. Und dieses ist dann versehen mit der Bitte: „Aufgrund der festgestellten Probleme beim Radfahren im Straßenverkehr sollte ihr Kind derzeit noch nicht alleine mit dem Fahrrad im öffentlichen Verkehrsraum fahren.“

Teilweise bis zu zehn Schüler einer dritten oder vierten Klasse in NRW sind nach der Fahrradprüfung nicht reif für die Teilnahme am Straßenverkehr – das sind fünfmal so viele wie noch vor zehn Jahren. „Die Kinder müssen anschließend leider immer häufiger weiter üben“, sagt Burkhard Nipper, Direktor der Landesverkehrswacht in NRW. Und es hapert häufig bereits an den elementarsten Grundvoraussetzungen. Die häufigsten Defizite der Kinder beim Radfahren gibt es im Grundschulalter: Sie geraten noch zu oft auf die Gegenfahrbahn. Beim einhändigen Fahren und Handzeichen geben sind sie unsicher. Sie haben große Gleichgewichtsprobleme. Sie schauen sich während der Fahrt nicht um und nehmen das Verkehrsgeschehen nicht wahr. Sie haben Probleme beim Linksabbiegen und kein angemessenes Gefahrenbewusstsein. „Den Eltern wird das mitgeteilt, damit sie mit ihren Kindern daran üben können“, sagt Nipper.

Das Fehlen dieser Grundvoraussetzungen kann tödliche Folgen haben. „Für unsere Kinder und Jugendlichen ist das Fahrrad das Verkehrsmittel Nummer eins, leider aber auch die mit Abstand häufigste Unfallursache im Kindesalter“, sagt Cornelia Wanja, Fachberaterin für Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung. Im vergangenen Jahr sind in NRW sechs Kinder bei einem Verkehrsunfall auf dem Schulweg tödlich verunglückt. Es ist laut Verkehrsunfallstatistik die höchste Zahl im Fünfjahresvergleich. Von den sechs getöteten Schulkindern haben zwei den Unfall selbst verursacht. Vier sind von einem abbiegendem Lkw erfasst worden.

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) in Nordrhein-Westfalen beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. „Wir benötigen dringend eine Wende in der Fahrradfahrerziehung“, sagt Daniel Wegerich vom ADFC-Landesverband. „Wir wollen schließlich alle, dass in den Städten der Zukunft viel mehr Fahrrad gefahren wird. Dann müssen wir dafür auch jetzt bei den Kindern die Grundlagen schaffen“, sagt der Experte. Schließlich werde im Grundschulalter die Einstellung fürs Fahrradfahren fürs Leben geprägt. „Und wer als kleines Kind schon nicht gerne Fahrrad fährt, wird es auch als Erwachsener nicht tun“, betont Wegerich.

Sowohl ADFC als auch Verkehrswacht wünschen sich, dass das Thema Verkehrserziehung in der Grundschule mehr Berücksichtigung findet. „In den vergangenen Jahren hat man sich wegen der schlechten Pisa-Ergebnisse vor allem um die Kernfächer gekümmert. Da sind so Themen wie Fahrradfahren nicht mehr so berücksichtigt worden“, sagt Nipper.

Auch allgemein müsste man wieder ein stärkeres Bewusstsein fürs Fahrradfahren bei Kindern wecken, meint Wegerich. Dass an manchen Schulen die Akzeptanz fürs Radfahren abgenommen habe, sehe man an kleinen Veränderungen, die man als Außenstehender gar nicht wahrnehmen würde. „So gibt es an vielen Schulen keine Fahrradkeller mehr. Das ist ein Indiz für eine Entwicklung in die falsche Richtung“, sagt der ADFC-Experte. Auch würden manche Lehrer behaupten, dass der Versicherungsschutz wegfalle, wenn das Kind mit dem Rad zur Schule käme. „Das ist Quatsch. Der Versicherungsschutz fällt natürlich nicht weg“, stellt Wegerich klar. Aber die Mär verunsichere natürlich viele Eltern. Das führe dann dazu, dass sie ihre Kinder lieber mit dem Auto zur Schule bringen.

20 Fragen müssen Grundschüler beim theoretischen Teil der Fahrradprüfung beantworten. Foto: Landesverkehrswacht NRW

Damit die Kinder künftig besser gewappnet für den Straßenverkehr sind, bietet die Verkehrswacht neuerdings ein Internetportal zur Verkehrssicherheit für Kinder und Eltern an. „Die Kinder können damit neben dem Unterricht auch zu Hause ihr Wissen online testen und mit anschaulichen Filmen die komplizierte Verkehrswirklichkeit besser kennenlernen“, erklärt Dieter Elsenrath-Junghans, Vorsitzender der Verkehrswacht in Oberhausen, wo das entsprechende Pilotprojekt bereits erfolgreich gelaufen ist. „Und für die Eltern gibt es einen eigenen Bereich, in dem Tipps und Hinweise zur Vorbereitung und Begleitung ihrer Kinder im Verkehr vermittelt werden“, sagt er.

Wer alle 20 Fragen im theoretischen Teil der Fahrradprüfung richtig beantworten kann, erhält die Maximalpunktzahl von 40. Und selbst dann rät die Verkehrswacht den Eltern, weiter mit ihren Kindern zu üben.

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