Proteste gegen IS: NRW ist Brennpunkt im Kurden-Konflikt

Proteste gegen IS : NRW ist Brennpunkt im Kurden-Konflikt

In keinem anderen Bundesland leben gleichzeitig so viele Islamisten und Kurden. Wegen des IS-Terrors gehen beide Seiten vermehrt aufeinander los. Samstag findet in Düsseldorf eine Demonstration gegen den IS statt.

Der Ansturm kam für die Bundespolizei wie aus dem Nichts. Die Beamten wurden von den rund 100 Kurden völlig überrascht, die Mittwochabend den Hauptbahnhof in Dortmund gestürmt haben. Eine Stunde lang hielten sie Teile des Bahnhofs besetzt, blockierten Gleise und setzten sich vor Züge. Der Bahnverkehr in der Region war massiv gestört. Die Strecke zwischen Duisburg und Essen musste für eine Stunde komplett gesperrt werden. "Wir konnten sie dann aber dazu bewegen, die Sitzblockade aufzuheben und den Bahnhof wieder zu verlassen", sagte ein Polizeisprecher.

Die Kurden hatten den Bahnhof besetzt, um auf das Leid ihres Volkes aufmerksam zu machen, das in Syrien von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verfolgt und getötet wird. Dortmund ist der jüngste Fall einer Reihe von kurdischen Spontanbesetzungen. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, dass es in den vergangenen Tagen landesweit zu Demonstrationen gekommen sei. Am Donnerstagabend gab es unter anderem in Wuppertal, Hagen, Rees und Bielefeld Proteste. In Hagen versammelten sich rund 600 Teilnehmer zur Demonstration, in Bielefeld waren es rund 1000. Auch in Wuppertal demonstrierten 1000 Personen friedlich mit Plakaten und Fahnen. Gegen 19.50 Uhr wurde die versammlung beendet, teilt die Polizei mit. Angesichts der jüngsten Entwicklungen und Ausschreitungen in anderen Städten hatte die Polizei den Demonstrationszugbegleitet.

Betroffen von den Protesten sind besonders Großstädte wie Köln, Düsseldorf, Dortmund, Münster, Bonn und Krefeld. Nach Angaben des Innenministeriums wurde dabei bislang niemand verletzt, und es sei auch alles friedlich verlaufen. "Bedrohlich wird es erst dann, wenn die Kurden auf Anhänger des IS treffen. Dann kommt es zu Straßenschlachten", warnt Erich Rettinghaus, NRW-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Wie gefährlich es werden kann, zeigen die Beispiele Hamburg und Herford.

In diesen Städten waren Anhänger beider Seiten bereits mit Macheten und Messern aufeinander losgegangen. Die Gefahr solcher Konfrontationen ist Sicherheitsbehörden zufolge in NRW besonders groß. Nirgends in Deutschland leben mehr Kurden (rund 500.000) und gleichzeitig mehr Salafisten und andere Anhänger des IS als hier. Trotz Razzien und Verbotsverfahren hat sich die Zahl der Salafisten allein in den vergangenen drei Jahren von rund 500 auf etwa 1800 mehr als verdreifacht - Tendenz steigend. Die meisten von ihnen leben in Bonn. Mit Sven Lau wohnt in Düsseldorf einer der mächtigsten Salafisten-Prediger Deutschlands. Und ausgerechnet in der Landeshauptstadt ist für Samstag eine der größten kurdischen Kundgebungen in Deutschland mit erwarteten 10.000 Teilnehmern geplant.

Die Polizei wird die bei den Ordnungsbehörden angemeldete Veranstaltung mir einem Großaufgebot sichern. "Wir müssen damit rechnen, dass sich Provokateure unter die Teilnehmer mischen, die die Lage eskalieren lassen wollen. Das ist ein Pulverfass", sagt Rettinghaus. Unter den Demonstranten würden sich viele junge Männer befinden, die sich radikalisieren könnten, erklärt Siamed Hajo, Mitarbeiter beim Europäischen Zentrum für Kurdische Studien und selbst Kurde. Unter seinen Volksleuten herrsche eine sehr emotionale und aufgepeitschte Stimmung, sagt er. Diese mache sich Luft in ungeplanten Versammlungen. "Wenn die aufgebrachten Kurden bei ihren Kundgebungen auf radikale Muslime treffen, kann es leicht zu Ausschreitungen kommen", so Hajo. Innenminister Ralf Jäger (SPD) versicherte unserer Redaktion: "Darauf ist die NRW-Polizei vorbereitet."

Rainer Peltz von der Gewerkschaft der Polizei sieht angesichts der zunehmenden Zahl der Demonstrationen auch ein mögliches Personalproblem auf die Beamten zukommen. "Solche Einsätze sind eine hohe Belastung", sagt er.

Wie sehr die Polizeikräfte in diesem Zusammenhang benötigt werden, zeigt auch die erneute Massenschlägerei zwischen Jesiden und Islamisten in Celle. CSU-Innenexperte Stephan Mayer rief die Behörden dort deshalb zu verbesserter Prävention auf. Angesichts von 7000 Jesiden in Celle sei es sinnvoll, mit den Familienoberhäuptern zu sprechen und sie darauf hinzuweisen, dass gewaltsame Umtriebe in Deutschland nicht geduldet würden. Besonderes Augenmerk sei auch auf die sozialen Netzwerke zu richten. Hierüber hätten sich die Fanatiker verschiedener Seiten zu den Auseinandersetzungen im Vorfeld mobilisiert.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Kurden demonstrieren in Düsseldorf

(RP)
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